Hunderttausende Augen essen in Südkorea mit

5. Mai 2015, 05:30
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Meokbang-Kultur: Massen sehen im Internet zu, wenn Menschen Essorgien veranstalten. Damit lässt sich gut Geld verdienen

Wenn Park Seo-yeon die Webcam einschaltet, wird sie zu "The Diva", der wohl perfekten Abendbegleitung: Stets einen aufmunternden Spruch parat, punktet sie mit dem unergründlichen Appetit eines Sumoringers und der Figur einer Balletttänzerin. Für die 34-jährige Südkoreanerin ist das Teil ihres Berufs: Unmengen an Essen verschlingen und dabei gut aussehen.

Tausende schauen ihr täglich beim Abendessen zu - und das kann schon mal aus zwei Familienpizzen, eineinhalb Kilo Rindfleisch und einer Salatschüssel voll Pudding bestehen. Vier Stunden dauern die Fressorgien, die Park live ins Internet hochlädt. "Lasst uns zusammen essen!", ruft sie und schenkt ihren Fans ein Lächeln süßer als jede Zuckerglasur.

Dieses Video der Diva wurde bislang rund 430.000 Mal angeklickt. (Stand: 5.5.2015)

Meokbang nennt sich das Internet-Phänomen, bei dem sich Südkoreaner dabei filmen, in ihrer Junggesellenbude möglichst viele Lebensmittel genüsslich in sich reinzuschlingen. Über 3500 solcher Videoblogger gibt es bereits.

Tausende Euro fürs Essen

Park Seo-yeon verdient über ein Mikro-Bezahlsystem durch ihre Festmähler umgerechnet bis zu 8000 Euro im Monat. Das ist weit mehr als beim Beratungsunternehmen, für das sie zuvor gearbeitet hat. Natürlich muss sie ordentlich in die eigene Tasche greifen, um all die Köstlichkeiten aufzutischen. Weit über zweitausend Euro gebe sie jeden Monat für Lebensmittel aus, sagt die Diva.

In der koreanischen Kultur nimmt Essen einen besonderen Stellenwert ein und ist vor allem auch eine soziale Angelegenheit. Viele koreanische Restaurants bedienen nur Gruppen. Familienmitglieder bezeichnet man im Koreanischen frei übersetzt als "die, mit denen man gemeinsam isst".

Gemeinschaft via Meokbang

Doch das ist mit dem Alltag in einer modernen Hochleistungsgesellschaft immer seltener vereinbar. Die Anzahl an Single-Haushalten hat sich seit 1990 fast verdreifacht, bis 2030 wird gar ein Drittel aller Südkoreaner allein leben. "Weil immer mehr Leute allein leben, ist Meokbang ein Weg für sie, Gemeinschaft zu erfahren", sagte jüngst Medien-Professor Hang Jin-i von der Ehwa-Universität der Korea Times.

Vor allem Frauen in ihren Zwanzigern schauen sich die Essorgien an - also genau jene Zielgruppe, die besonders unter dem Schlankheitsdiktat steht. Die Diva sei sich bewusst, dass ein Großteil ihrer Anhängerinnen vermutlich auf Diät ist. Sie spricht vom "stellvertretenden Nervenkitzel", den die Fans dabei verspüren, wenn Park eine Kalorienbombe nach der anderen verschlingt. Sie behauptet sogar, dass eine Frau dadurch ihre Magersucht überwunden hat.

Seit Jüngstem holt Park regelmäßig auch ihre Eltern zu ihr in die Wohnung, die mit ihr Einkaufen gehen und beim Kochen helfen. Vor der Kamera mahnt der Vater dann die Zuseher: "Ihr solltet auch mit euren Eltern essen." (Fabian Kretschmer aus Seoul, DER STANDARD, 5.5.2015)

  • Park Seo-yeon isst - und Hunderttausende sehen zu.
    foto: reuters / kim hong-ji

    Park Seo-yeon isst - und Hunderttausende sehen zu.

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