Was für und was gegen die Zentralmatura spricht

5. Mai 2015, 05:47
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Premiere: Am Dienstag legen alle AHS-Schüler ihre schriftliche Matura in Deutsch ab

Drei Millionen gedruckte Seiten sind in den vergangenen Tagen in Hochsicherheitstransportern durch Österreich gerollt. Über diesen Seiten werden heute 19.200 Schülerköpfe brüten, wenn die neue Reifeprüfung erstmals offiziell und regulär an allen österreichischen allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) startet. Die berufsbildenden höheren Schulen starten flächendeckend 2016.

foto: apa/techt
Heute startet die neue Reifeprüfung. Alle AHS-Schüler bekommen dabei zur gleichen Zeit dieselben Aufgaben.

Heute Vormittag werden alle AHS-Schüler für ihre Deutsch-Matura dieselben Aufgaben lösen. Bisher ist der Start der Matura ohne Probleme geglückt. In den nächsten Tagen folgt die schriftliche Matura in Englisch, den anderen lebenden Fremdsprachen, Mathematik, Latein und Griechisch. Die mündliche Matura darf frühestens zwei Wochen nach der letzten schriftlichen Klausur stattfinden. Zwar stellen hier wie bei der alten Matura die Lehrer selbstgewählte Fragen, die Schüler ziehen das Thema der Frage aber aus einem Pool, der zuvor von allen Fachlehrern der Schule erstellt wurde.

Die Vorlaufzeit für die neue Matura war lang. Am 28. Februar 2008 brachte die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) den Gesetzesentwurf für eine teilzentrale Matura ein.

Ein Jahr Aufschub

Eigentlich hätte die neue Reifeprüfung schon 2014 starten sollen, musste dann aber um ein Jahr verschoben werden, weil sich Schüler und Lehrer nicht genug vorbereitet fühlten. Bis zuletzt gab es mehr oder weniger weitreichende Pannen. Im Februar konnten etwa die Schüler ihre vorwissenschaftliche Arbeit, die sie vor der schriftlichen Matura schreiben und präsentieren müssen, nicht auf die dafür vorgesehene Plattform hochladen.

Schlussendlich ging aber alles gut aus. Wie Bundesschulsprecher Lukas Faymann im Gespräch mit dem STANDARD berichtet, wurden die meisten der vorwissenschaftlichen Arbeiten positiv bewertet. Auch AHS-Lehrergewerkschafter Eckehard Quin, einer der schärfsten Kritiker der Zentralmatura, hat von den Lehrern "recht positive Rückmeldungen" bekommen. Die Themen, die sich die Schüler aussuchen würden, seien durchwegs spannend und bunt.

Faymann und Quin sagen beide, dass sie damit rechnen, dass das für die Matura zuständige Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) alles Menschenmögliche tun werde, damit die Reifeprüfung diese Woche ohne Pannen abläuft. "Natürlich kann man nie ausschließen, dass trotzdem etwas passiert", sagt Quin.

Auch Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) rechnet mit einem ruhigen, planmäßigen Ablauf. "Ich bin zuversichtlich, dass die Schülerinnen und Schüler sehr gut auf die Matura vorbereitet sind, das haben auch die vielen positiven Rückmeldungen zur vorwissenschaftlichen Arbeit gezeigt. An den Schulen wird großartige Arbeit geleistet", sagte sie zum STANDARD. Sie wünsche den Maturantinnen und Maturanten viel Erfolg für die kommende Woche.

Die Argumente für und gegen die neue Reifeprüfung im Überblick:

Pro Zentralmatura:

  • Vergleichbarkeit: Dadurch, dass alle Maturanten dieselben Aufgaben lösen müssen, sind die Leistungen der Schulen österreichweit vergleichbar. So lässt sich feststellen, in welchen Schulen Nachholbedarf besteht. Auch die Leistungen der Lehrer innerhalb der Schule können besser verglichen werden.

  • Mindeststandards: Bei der alten Matura entschied der Lehrer, was die Schüler können müssen, damit sie als hochschulreif gelten. Mit der Einführung der Zentralmatura können Hochschulen und Arbeitgeber von Basiskenntnissen ausgehen, die alle Schulabgänger beherrschen. Das Unterrichtsministerium erwartet sich eine Qualitätssicherung.

  • Kompetenzorientierung: Durch die neue Reifeprüfung ändert sich auch die Art des Unterrichtens. So werden etwa in Mathematik nicht mehr nur Rechengänge auswendig gelernt, sondern die Schüler müssen ihr Wissen in unterschiedlichen Kontexten anwenden können.



  • Objektivität: Bei der schriftlichen Matura hat der Klassenlehrer keinen Einfluss auf die Aufgaben, bei der mündlichen muss er den Themenpool mit den Fachlehrern an der Schule festlegen. Die Lehrer benoten mit einem vorgegebenen Raster, wodurch die Schülerleistungen objektiver bewertet werden als zuvor.




  • Teamarbeit: Lehrer und Schüler rücken näher zusammen. Beide haben ein Interesse daran, dass die Schüler die Aufgaben bewältigen können, die vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) vorgegeben werden. Im besten Fall entsteht dadurch ein Wir-Gefühl zwischen Schülern und Lehren.

Kontra Zentralmatura:

  • Gleichmacherei: Gleiche Aufgaben für alle führen auch dazu, dass die Individualisierung des Unterrichts leidet. Auf spezielle Interessen der Schüler kann weniger eingegangen werden.



  • Teaching to the Test: Die Lehrer konzentrieren sich im Unterricht darauf, den Stoff und die Methoden durchzubringen, die von den Schülern bei der Matura erwartet werden. Themen abseits der Zentralmatura sowie kreative Zugänge könnten vernachlässigt werden.



  • Nivellierung nach unten: Dadurch, dass ein Mindeststandard eingeführt wird, fürchten Kritiker einen Qualitätsabfall. Die Aufgaben der Zentralmatura werden vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) mithilfe von Feldtestungen so erstellt, dass sie für die Schüler nicht zu schwer und nicht zu leicht sind. Das bedeutet auch eine Orientierung an den Schwächsten.

  • Zu wenig Literatur: Vor allem die Interessengemeinschaft der Autoren fürchtet durch die Zentralmatura eine Abnahme des Literaturunterrichts in Deutsch. Bei der neuen Reifeprüfung können, aber müssen Schüler keinen literarischen Text bearbeiten. Die Standardisierung mache es zudem generell unmöglich, dass sich die Schüler sinnvoll mit der "Kunstform Literatur" beschäftigen, sagen die Autoren. Das Bifie hat bereits eine Expertengruppe eingesetzt, die über Reformen nachdenken soll.

  • Pannen: Die Zeit vor der neuen Matura war von Pannen geprägt. So wurde etwa bei einem Schulversuch 2014 ein Text mit nationalsozialistischem Hintergrund zur Interpretation gegeben. Im Frühjahr gab es Probleme beim Hochladen der vorwissenschaftlichen Arbeit.

(Lisa Kogelnik, DER STANDARD, 5.5.2015)

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