Gastgeschenk zur Vorwahlzeit

4. Mai 2015, 16:24
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Die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle im Musikverein

Wien - Wer wird es wohl werden? In einer knappen Woche wählen die Berliner Philharmoniker ihren neuen Chefdirigenten. Das bundesdeutsche Feuilleton spielt schon fleißig Orakel: Dynamo Gustavo Dudamel, Enthusiast Andris Nelsons (angeblich der Liebling des Berliner Publikums), Kapellmeister Christian Thielemann und Routinier Mariss Jansons werden als Favoriten genannt. Die Hamburger Zeit weiß wie alle andern auch nicht, wer's wird, trompetet aber trotzdem schon mal vorab: "Der 11. Mai 2015 wird die Musikwelt verändern, möglicherweise radikal."

Bis 2018 ist aber jedenfalls noch Simon Rattle Chef des Spitzenorchesters, und bevor der sonnige Sir in Bälde für eine doppelte Ring-Serie an die Wiener Staatsoper und zu Konzerten mit den Wiener Philharmonikern ins Konzerthaus und in den Musikverein kommen wird, schaute er mit seinen Berlinern kurz für ein Gastspiel im Goldenen Musikvereinssaal vorbei.

Mit Janáceks Sinfonietta für Orchester wurde eröffnet: Festlich huben die neun auf dem Orgelbalkon platzierten Trompeten an. Kompakt, mit muskulöser Energie agierten die üppig besetzten Streicher im Andante, mit der körperlichen Dringlichkeit der russischen Orchester, doch elastischer.

Der Kompositionsanlass der 1926 uraufgeführten Brünn-Erinnerungen Janáceks war ja ein Turnfest, so gesehen kann man die sportliche Attitüde der Berliner als passend sehen. Doch der Euphoriker Rattle überstrapazierte den Orchesterapparat fallweise - speziell die Holzbläser, die schon mal ein dreifaches Piano als gesundes Mezzoforte präsentieren.

Bei Anton Bruckner war dann alles besser: Was war die Siebte schön! Ein Geschenk. Diese unglaubliche Homogenität, diese stets kultivierte Kraft der Celli etwa, bei ihren Themen zu Beginn oder in der Durchführung des Kopfsatzes. Die wie geflüsterten Pianissimi der Streicher. Dann die liebevolle Genauigkeit aller Themenphrasierungen, immer schmiegsam und atmend; auch diese ideale Balance aus Zartheit und Kraft. Die mächtige Schlusssteigerung im Adagio. Die Glut im Trio des dritten Satzes. Und, und, und ...

Als "halb unsinnig, halb großartig" beschrieb Dichter Thomas Mann einmal das Werk - hätte er die Aufführung mit den Berlinern und Rattle gehört, er hätte Ersteres wohl nicht empfunden. Am Ende entfesselter Jubel. Klar: Dieses Berliner Orchester ist ein Juwel, ein Kulturgut erster Klasse. Wer auch immer es leiten wird, darf sich glücklich schätzen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 5.5.2015)

  • Packender Bruckner mit Simon Rattle und seinen Berliner Philharmonikern in  Wien.

    Packender Bruckner mit Simon Rattle und seinen Berliner Philharmonikern in Wien.

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