"Krebs ist die Revolution einer einzigen Zelle"

Interview6. Mai 2015, 09:00
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Zellen, sagt Krebsforscher Walter Berger, kontrollieren sich sehr gut selbst. Das Problem ist, dass Regelkreise außer Kraft gesetzt werden. Die neuen Immuntherapien arbeiten genau dagegen

STANDARD: Warum ist Krebs so schwer zu behandeln?

Berger: Weil er aus Zellen unseres eigenen Körpers entsteht. Eine Krebszelle kennt den Bauplan und "missbraucht" ihn. In der Behandlung liegt die Schwierigkeit darin, dass wir nicht gegen fremde Strukturen kämpfen, sondern gegen körpereigene, wenn auch entartete. Der Mensch besteht aus rund 10.000 Milliarden Zellen. Theoretisch kann jede Einzelne davon zur Krebszelle mutieren.

STANDARD: Erstaunlich, dass das nicht viel öfter passiert.

Berger: Das liegt an den extrem strengen Regelmechanismen der Zellen untereinander. Vereinfacht gesagt kontrolliert das System sich laufend selbst. Die Zellen des Immunsystems patrouillieren und sind darauf konditioniert, Körperfremdes oder entartetes Zellmaterial zu finden. Tun sie das, werden Mechanismen aktiviert, die den Zelltod einleiten. Zudem melden Botenstoffe das Vorgehen und aktivieren damit andere Verteidigungsstrategien.

STANDARD: Warum überleben Krebszellen dann trotzdem?

Berger: Jede Zelle des Körpers hat immer den gesamten Bauplan des Organismus in sich. In der Erbsubstanz sind auch alle Mechanismen jeder gesunden Zellart gespeichert. Krebs ist die Revolution einer einzigen wild gewordenen Zelle. Tumorzellen verhalten sich so, als wären sie Einzeller, die sich im und gegen das System behaupten müssen. Dafür ist die Krebszelle bereit, alle Register zu ziehen. Bedingt durch die genetische Instabilität spielen Krebszellen auf der Klaviatur sämtlicher körpereigener Möglichkeiten und missbrauchen sie für ihr Wachstum. Krebs ist somit auch ein Kontrollverlust des Immunsystems. US-Forscher um James Allison haben neue Wege gefunden, das Immunsystem gegen Krebszellen zu reaktivieren.

STANDARD: Bisher war diese Strategie nicht sehr erfolgreich.

Berger: Wir wussten nicht genau, warum das körpereigene Krebsabwehrprogramm nicht ausreichend funktioniert. Es ist jedoch gelungen zu verstehen, dass die Immunabwehr den Krebs sehr wohl als fremd erkennt. Wenn wir Tumoren untersuchen, finden wir dort immer eine massive Anreicherung unterschiedlicher Zellen des Immunsystems, aber aus irgendeinem Grund vernichten sie die Krebszellen nicht. Es ist so, als wären Krebszellen fürs Immunsystem unsichtbar. Diese Mechanismen werden jetzt als neue Angriffspunkte verwendet.

STANDARD: Wie das?

Berger: Unsere Abwehr hat so etwas wie An- und Ausschaltfunktionen. Gibt es etwas zu tun, etwa die Abwehr von Bakterien, wird das Immunsystem aktiviert. Ist das Problem gelöst, wird die Abwehr wieder heruntergefahren. Checkpoints heißen diese Regulatoren, und offensichtlich schaffen es Krebszellen, diese Ein- und Ausschaltfunktionen für ihre Zwecke zu manipulieren. Damit schaffen sie es, uneingeschränkt weiterzuwachsen.

STANDARD: Für wen kommt eine Immuntherapie infrage?

Berger: Das wissen wir noch nicht sicher. Die diagnostischen Marker, wer auf welche Art der Immuntherapie anspricht, müssen noch ausgearbeitet werden. Ein Hinweis, dass der Checkpoint eine Rolle spielt, wäre etwa die Überexpression des Signalmoleküls PD-L1 im Tumorgewebe. Es gibt aber auch klinische Erfahrungen. Bei malignen Melanomen, bei bestimmten Arten von Lungenkarzinomen, bei Nieren- und Blasenkrebs liegen bereits Erfahrungen vor. Beim Melanom wissen wir, dass sogar Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung zumindest mehrere Jahre in guter Lebensqualität weiterleben, bevor es zu Rückfällen kommt. Auch für Patienten mit Hirntumoren könnte die Immuntherapie eine Hoffnung sein, weil die Zellen des Immunsystems die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Bis dato war es schwierig, Medikamente ins Gehirn zu bekommen.

STANDARD: Wo ist der Unterschied zur personalisierten Therapie?

Berger: Die Entwicklung von Krebs ist ein komplexes Geschehen, es gibt auch genetisch unterschiedliche Krebsarten. Insofern brauchen wir auch verschiedene Therapiestrategien. Die gezielte personalisierte Therapie ist eine davon, und es geht darum, in den Genen Schlüsselstellen zu finden, die das Krebswachstum bedingen. Bei bestimmten Arten von Brust- und Lungenkrebs oder beim Multiplen Myelom ist das erfolgreich. Mit monoklonalen Antikörpern lassen sich diese Erkrankungen eine Zeit lang in Schach halten.

STANDARD: Sie meinen heilen?

Berger: Eher zu chronischen Erkrankungen machen. Ich denke, dass genau das auch bei der Immuntherapie der Fall sein wird. Sie wird bei bestimmten Subgruppen von Krebs gut wirken und damit eine zusätzliche Option sein.

STANDARD: Wird es nicht auch wieder Resistenzen geben?

Berger: Doch. Wir werden aber daraus Schlüsse ziehen können, Muster erkennen und herausfinden, welcher Krebs auf welche Weise am besten verwundbar ist.

STANDARD: Hat die Chemotherapie ausgedient?

Berger: Im Gegenteil, sie muss neu bewertet werden. Wir wissen, dass Chemotherapie die Wirkung der Immuntherapie verstärkt. Offenbar bewirken die Zellgifte im Körper einen Zerfall der Krebszellen, was wiederum das Immunsystem aktiviert. Wir brauchen viele Strategien, um Krebs von verschiedenen Seiten in die Knie zwingen zu können. (Karin Pollack, 5.5.2015)

Walter Berger ist Biologe, Grundlagenforscher in angewandter und experimenteller Onkologie und stellvertretender Leiter des Instituts für Krebsforschung der MedUni Wien.

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