Lohnt es sich denn noch zu heiraten?

7. Mai 2015, 12:12
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Wer kommuniziert, Kompromisse eingehen kann und nicht zu viel erwartet, ist bereit für die Ehe, sagen Experten

Wien – Im Mai geht sie los: die Heiratssaison. Sind viele Freunde um die 30, können das teure Sommermonate werden. Zwischen Anfang der 1990er-Jahre und 2013 stieg das Erstheiratsalter bei Frauen von 24,3 auf 29,8 Jahre, bei den Männern von 26,5 auf 32,2 Jahre. Im August heirateten die Österreicher 2013 am liebsten, auf den Plätzen zwei und drei folgten Juni und Mai. Es gaben sich wieder weniger Paare das Jawort, nämlich 36.140. In den vergangenen Jahren zeigte sich die Statistik aber durchwachsen.

Auf der anderen Seite gab es 15.958 Scheidungen, was eine Scheidungsrate von 40,14 Prozent bedeutet. Im Durchschnitt halten die Ehen knapp zehn Jahre. "Ich beobachte, dass die Menschen trotzdem denken 'Mir passiert das nicht'", sagt die Anwältin und Mediatorin Doris Steinhausen. "Und dann erwartet man zu viel vom Urlaub, glaubt, dort wird alles super, und marschiert dann vom Flugzeug zum Anwalt." Die Zahlen geben ihr Recht, die meisten Scheidungen werden im Oktober beantragt. Damit es nicht so weit kommt, rät Steinhausen, das Kleingedruckte zu lesen: "Eine Ehe ist ein Vertrag, aus dem man relativ mühsam wieder herauskommt. Informieren Sie sich rechtzeitig." Das sieht auch die Soziologin Ulrike Zartler von der Universität Wien so: "Einen Mietvertrag liest man doch auch genau."

Wie der andere tickt

Aber was braucht es, damit einem das nicht passiert? Kommunikation und Kompromissbereitschaft, da sind sich alle einig. "In unserer heutigen Gesellschaft fällt es oft schwer, den Dauerstress abzulegen. Man sollte aber Sorgen mitteilen, zuhören, miteinander diskutieren und Pläne schmieden, das schafft ein Gefühl von Geborgenheit", rät Paartherapeut Richard L. Fellner. Vermeiden sollte man zu schnelle Schritte. "Es ist gut, den anderen so gut zu kennen, dass man über die Verliebtheitsphase und etwaige Idealisierungen hinaussehen kann."

So sieht das auch Johann Larch aus Tirol, Standesbeamter seit 28 Jahren: "Wenn der Partner als Projekt angesehen wird, an dem man arbeiten kann, bis das Ergebnis passt, funktioniert es nicht." Das überschneidet sich mit dem, was den Menschen laut Umfragen in einer Ehe wichtig ist: Treue, Respekt, Anerkennung, Verständnis und Toleranz.

Ehe immer noch wichtig

Die Ehe hat auch heute nicht an Bedeutung verloren, sagt Soziologin Zartler: "Nach wie vor sagen drei Viertel der Jugendlichen, dass sie später einmal heiraten möchten." Deshalb glaube sie auch nicht, dass der Hochzeitsbranche in Zukunft ein signifikanter Rückgang droht. "Das höhere Heiratsalter hängt stark mit Bildung zusammen – man wartet, bis gewisse materielle Bedingungen erfüllt sind."

Das zeigt sich auch daran, dass die Hochzeitsbranche in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. "Viele Brautpaare stehen voll im Leben, können mehr Geld ausgeben und wissen genau, was sie möchten. Das betrifft nicht nur die Hochzeit, sondern auch die Ansprüche an den Partner", sagt Bianca Lehrner vom Weddingcenter Wien. Ihr wichtigster Tipp für die Feier: "Die Vorbereitungen sollten einen Monat vorher abgeschlossen sein."

Warum sich eine Hochzeit rechtlich durchaus lohnen kann, erklärt Steinhausen: "Neben dem Unterschied, dass es schlicht einfacher ist, eine unverheiratete Beziehung zu beenden, bekommt nur der verheiratete Partner automatisch ein Erbe ausbezahlt – sonst wird ein Testament benötigt. Auch Anspruch auf Unterhalt oder die Witwenpension hat man nur, wenn man verheiratet war. Beim Sorgerecht bekommt der verheiratete Vater automatisch auch die Obsorge. Hier fällt übrigens auf, dass die Väter um vieles engagierter sind als früher."

Gründe für die Hochzeit

Warum man überhaupt heiratet, beantwortet Soziologin Zartler: "Heiratsgründe sind oft rational, man betrachte nur den Anstieg der Heiratszahlen kurz vor der Abschaffung der Heiratsbeihilfe. Zweitens heiraten Menschen wegen ihrer Werthaltungen: Für viele ist Heiraten immer noch eine biografische Selbstverständlichkeit. Drittens aus emotionalen Gründen, also aus Liebe, weil man eine lange Beziehung bestätigt sehen möchte oder man das Ritual schön findet." Die Romantik spielt vor allem bei jüngeren Paaren eine große Rolle, sagt Standesbeamter Larch: "Aber gleichzeitig ist es auch nicht mehr verpönt, in 'wilder Ehe' zu leben."

Ob sich Heiraten lohnt, muss also jeder für sich persönlich entscheiden. Die Experten sind sich aber einig: Wer miteinander redet, den anderen sein lässt und offen für Kompromisse ist, hat gute Chancen auf eine funktionierende Ehe. Die Ehe an sich aber nicht zu verklärt zu sehen, das Kleingedruckte zu lesen, in manchen Fällen sogar über einen Ehevertrag nachzudenken kann trotzdem nicht schaden. Statistisch gesehen hat Heiraten übrigens vor allem einen Vorteil: Stabile Beziehungen erhöhen die Lebenserwartung. (Johanna Schwarz, 7.5.2015)

  • Die Grafik zeigt deutlich den Anstieg der Hochzeiten kurz vor Abschaffung der Heiratsbeihilfe (1987).
    foto: statistik austria

    Die Grafik zeigt deutlich den Anstieg der Hochzeiten kurz vor Abschaffung der Heiratsbeihilfe (1987).

  • Weddingplanner raten, die Hochzeitsvorbereitungen bereits ein Monat vor dem Fest abgeschlossen zu haben.
    foto: apa/barbara gindl

    Weddingplanner raten, die Hochzeitsvorbereitungen bereits ein Monat vor dem Fest abgeschlossen zu haben.

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