Der Hase im Wunderland

5. Mai 2015, 05:30
posten

Pausen "einschieben" - oder innehalten? Chillen und als Pause auf Bildschirme starren? Anregungen aus der Philosophie

Der Gedankenstrich als Halbgeviertstrich ist das Satzzeichen fürs Innehalten, die Pause. Das ist jener Moment, wenn das Denken sich von der Sache abwendet und zu sich kommen kann. Nimmt man diesen Augenblick zugleich bewusst wahr, öffnet sich im Stillen der Blick auf das Jetzt, die einzig wirkliche, unhaltbare Zeit.

Das Wort Pause kommt vom altgriechischen παῦσις, es bedeutet aktiv das Beendigen einer Tätigkeit; wird als Imperativ zum lass ab, sei still, halt ein; ist passiv als befreit werden, frei sein von etwas, auch als sich beruhigen gebräuchlich.

One, two –

Falls man nicht durch musische Früherziehung mit den zählbaren Pauseneinheiten der Notensprache Bekanntschaft macht, lernt man in den Sozialisationsanstalten Pausen einzuhalten, sind sie doch zugestandene Lebenszeiten zwischen vorgeschriebenen Lerneinheiten.

Dabei wird jedoch auch gleich konditioniert, dass wir dieses unausgewogene und der Muße gar nicht förderliche Wechselspiel zwischen Leistungs- und Ruhephasen für selbstverständlich nehmen. Eigentlich sollte es ja umgekehrt sein. Das ist jetzt nicht ironisch gemeint.

Wir arbeiten zuviel und leben zuwenig. Als Angestellte geht das dann so bis zum Ende weiter, begleitet von der Hoffnung, dass wenigsten die letzte Lebensphase frei gestaltbar sein werde, wenn man den Schock des Rückfalls in die Selbstbestimmung überwunden hat. Dann wird es nur mehr eine große Pause geben, man kann endlich tun was man will, bevor alles im Nichts entschwindet.

Memento mori

Nur was bleibt dann noch zu tun, wenn der bisherige berufliche Sinn ganz abgefallen ist? Darum ist es nie zu spät, mit Philosophie zu beginnen, so wie es auch nie zu früh sein kann. Wenn die Interessen in eine andere Richtung weisen, so es ist auch nie zu spät zu werden, was man gerne geworden wäre.

Es geschieht in einer anderen Form, zu einer anderen Zeit. Einige mögen sich schwer tun, wieder zu lernen zu erleben, was uns am Anfang des Lebens ganz selbstverständlich war, dass man sich einfach in Momente hineinsinken lassen und einfach nur sein konnte, ohne die "...das ist jetzt der Flow" Gedanken.

Nach Müh und Plag

Wozu werden Pausen eingeschoben und welche Wertigkeit schreibt man den so geschiedenen Zeitspannen zu? Bei physisch anstrengender Arbeit dient die Unterbrechung der körperlichen Regeneration, um wieder verfügbar zu sein, denn Erschöpfung wäre ineffizient.

Eine Pause kann Anspannungen lösen, "was man ohne alle Frage nach des Tages Müh und Plage auch von Herzen gönnen kann." gestand sich sogar der pflichtbewusste Lehrer Lämpel bei Wilhelm Busch zu.

Oder ist doch keine Pause?

Man spricht zwar von einer Pause, möchte jedoch einen Schlussstrich ziehen, um etwas Neues zu beginnen. Selten beschreibt der Zustand der Pause auch ein schöpferisches Innehalten, ein sich sammeln, oder auch prokrastinieren, woraus dann plötzlich und unplanbar im kreativen Prozess etwas entsteht, oder auch nicht.

Lange galt der Sonntag als Urbild der schöpferischen Pause. Der göttliche Ruhetag war Teil des Narrativs einer religiös fundierten gesellschaftlichen Übereinkunft, die über den Transformationsprozess durch die protestantische Ethik nur bedingt in die kapitalistische Ressourcenlogik übernommen wurde.

Der Hase im Wunderland

Vielleicht will der weiße Hase in Alice in Wonderland nur deshalb nicht zu spät kommen, damit er sich nicht exponiert und konventionell bleibt? Ist die Pause nur das nicht mehr Tun und noch nicht Tun, ein Leistungsvakuum, dessen Ende man nicht versäumen darf? Dieses Dazwischen, ist es im Rückblick nur eine nicht mehr ableistbare Zeit, weil man ins wirkliche Narrenkastl schaut, einatmet und ausatmet, sich einfach nur spürt?

Der Kyniker Diogenes blieb in seiner Tonne und sagte dem ruhelos tatendurstigen Alexander als dieser ihn fragt, was er für ihn tun könne: dass er ihm gefälligst aus der Sonne gehen soll.

Die Muße sei das Maß

Aristoteles meinte: "...die Glückseligkeit scheint in der Muße zu bestehen (...) und somit wäre dies die vollendete Glückseligkeit des Menschen, wenn sie auch noch die volle Länge eines Lebens dauert..." Der Sinn des menschlichen Strebens sei der bewusste Verzicht auf alles, was uns von diesem idealen Zustand ablenkt.

Die mußevolle Pause soll Dauerzustand sein. Was tun wir heute? Wir versuchen während des Jahres die Mittel zu generieren, damit dieses Ziel temporär erlebbar wird, als schönste Zeit des Jahres, im Urlaub, meist pauschal, sicher, mit Geld zurück Garantie und allzuoft als "same procedure as every year". Das hat man sich schließlich verdient. Doch sind das nicht nur kurzzeitige Hochphasen im "...Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken?" So sprach der alte weise Nörgler Schopenhauer.

Wir sollen also um der Muße willen leben, sie ist der Angelpunkt menschlichen Glücks und als Zustand der Seele mit der Kontemplation und Meditation verwandt. Sie hat wenig mit Müßiggang, Chillen oder Langeweile zu tun.

Nicht dieses Narrenkastl

Aber was tun wir Menschen in den westlichen Industrienationen in den abendlichen Pausen nach des Tages Müh und Plage? Sitzen stundenlang in verdunkelten Zimmern und starren auf Bildschirme.

Nichts könnte weiter von dem entfernt sein, was die Antike unter Theoría verstand. Diese umfasste in ihrem begrifflichen Spektrum zwar auch Beobachtung, als passive Teilhabe an einem Spektakel, doch war philosophisch damit die spekulative Auseinandersetzung gemeint, etwa im dialektischen Diskurs. Philosophisch Denken heißt sofern auch nach Deutungshoheit zu streben. Das rührt wiederum an die Frage nach dem Guten, als Endzweck begrifflicher Anstrengungen, und daran, ob so etwas heute überhaupt noch thematisierbar ist.

Das Beste kommt am Anfang?

Doch zurück zur Musik. Die längste Pause erklang wohl bei der Aufführung von John Cages Musikstück "as slow as possible" im Rahmen des Orgelprojekts Halberstadt. Cage, schon mit 4`33` dafür bekannt geworden, dem Tacet, der Pause, eine besondere Stellung zu geben, schrieb eine achtseitige Partitur mit dem Hinweis, sie so langsam wie möglich zu spielen.

Seit 2001 findet eine Aufführung statt. Insgesamt wird sie 639 Jahre dauern, dann erst verklingt der letzte Ton. Begonnen hat die Performance im September 2001 mit einer Pause, die bis in den Februar 2003 dauerte. Dann erst ertönte die erste Orgelpfeife.

Was ist und wozu wird die Zeit, ihre Einteilung und unser Empfinden für Wertigkeit? Wie schön, dass die Kunst uns dazu anregt den Blick zu heben, um immer wieder an die Grenzen unserer Vorstellungswelten geführt zu werden.

Am 20.05. veranstaltet die Gesellschaft für angewandte Philosophie wieder "Die Nacht der Philosophie" in Wien. Nähere Informationen dazu gibt es unter www.gap.or.at.

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt Ethik an der Militärakademie, als Dozent am Institut für Kulturkonzepte sowie im postgradualen Lehrgang für Philosophische Praxis an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach, als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig. Er ist Obmann der Gesellschaft für angewandte Philosophie.

Share if you care.