Allergisches Asthma: Immer mehr Kinder betroffen

4. Mai 2015, 11:30
22 Postings

Jedes zehnte Volksschulkind leidet an Asthma bronchiale, Tendenz steigend

Allergisches Asthma ist mit rund 70 Prozent die häufigste Form von Asthma. Etwa ein Drittel der Patienten mit allergischem Schnupfen entwickelt irgendwann im Leben allergisches Asthma, bei Kindern sogar die Hälfte.

Gerade bei Kleinkindern stellt die bereits bestehende Sensibilisierung für ein Allergen beziehungsweise eine bereits ausgeprägte Allergie einen hohen Risikofaktor dar, später auch an Asthma zu erkranken. Asthma ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter überhaupt und nimmt in den letzten Jahren besorgniserregend zu.

"Eine möglichst frühzeitige Diagnose und eine umgehende fachgerechte Behandlung von Allergie und, falls schon entwickelt, von Asthma, ist daher für die gesundheitliche Entwicklung der betroffenen Kinder von entscheidender Bedeutung", Ärztlicher Leiter des Allergiezentrums Wien West im Hinblick auf den Welt-Asthma-Tag der WHO am 5. Mai.

Kindliches Asthma nimmt zu

Während "nur" rund fünf Prozent der Erwachsenen in Österreich an Asthma bronchiale leiden, sind es bei den Volksschulkindern rund zehn Prozent, Tendenz steigend: In einem Zeitraum von knapp zehn Jahren hat sich die Anzahl asthmatischer Volksschulkinder um rund 16 Prozent, bei den 12- bis 14-Jährigen um 32 Prozent deutlich erhöht.

"Forschungsergebnisse zeigen ganz klar, dass ein Zusammenhang zwischen Allergien und Asthma besteht, und gerade Kleinkinder, die eine Sensibilisierung aufweisen oder bereits an einer Allergie leiden, ein deutlich erhöhtes Risiko aufweisen, auch an Asthma zu erkranken", so Horak.

Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen: Kinder, die im Alter von bis zu zwei Jahren eine Sensibilisierung (die Allergie ist noch nicht ausgeprägt, die Immunzellen sind aber bereits "scharf gemacht") gegen ein Allergen aufweisen, haben ein dreimal höheres Risiko, mit zehn Jahren an Asthma zu erkranken. Kleinkinder, die im ersten Lebensjahr an einer Nahrungsmittelallergie leiden, haben ein vierfach erhöhtes Risiko, später an Asthma zu erkranken (Quelle: Kjaer Pediatr Allergy Immunol 2009).

Etwa drei Viertel der Kinder, die im ersten Lebensjahr sowohl eine Milbensensibilisierung als auch eine atopische Dermatitis aufweisen, entwickeln bis zum zwölften Lebensjahr auch Asthma. Ganz allgemein: Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren auf ganzjährige Allergene wie etwa Hausstaubmilben oder Tierhaare allergisch reagieren und in dieser frühen Kindheit einer erhöhten Allergenexposition ausgesetzt sind, weisen im späten Kindesalter häufig eine schlechtere Lungenfunktion auf (Quelle: Illi Lancet 2008). "In solchen Fällen ist eine strikte Allergenvermeidung dringend angeraten. Dies bedeutet Milben-reduzierende Maßnahmen zu setzen, die Vermeidung jeglicher Belastung durch Passivrauch, aber auch, so schwer es auch fallen mag, sich beispielsweise von Haustieren zu trennen, wenn die Kinder allergisch auf Tierhaare reagieren", so Horak.

Die Entwicklung von Allergien

Das Zusammenspiel von genetischen und Umwelt-Faktoren spielt sowohl bei Allergien als auch bei allergischem Asthma eine entscheidende Rolle. Mögliche Auslöser für allergisches Asthma sind Allergien auf Pollen von Bäumen, Gräsern und Unkräutern sowie auf Hausstaubmilben, Tierhaare und eventuell Schimmelpilze.

"Bei einer Allergie besteht eine Überempfindlichkeit gegen bestimmte Stoffe. Nach wiederholtem Kontakt mit diesen Allergenen, also Stoffen, die vom Körper als fremd erkannt werden, entsteht eine überschießende Reaktion des Immunsystems", sagt Horak.

Die allergische Immunantwort und somit auch die Entwicklung einer Allergie, erfolgt immer in mehreren Schritten: Im ersten Schritt trifft das Allergen auf den Organismus. Ist dieser auf Grund seiner genetischen Ausstattung, Umwelteinflüssen und fehlenden Schutzfaktoren auf eine allergische Reaktion "vorprogrammiert", bildet sein Immunsystem bei diesem Erstkontakt Antikörper. Man nennt diesen Vorgang auch "Sensibilisierung".

Besonders wichtig für die allergische Reaktion sind IgE-Antikörper, die aufgrund ihrer chemischen Struktur in der Lage sind, das Allergen jederzeit wieder zu "erkennen". Eigentlich sind sie für die Abwehr von Parasiten im Körperinneren wie etwa Würmern wichtig.

Abwehrreaktion gegen den Körper

Doch da wir in der westlichen Welt kaum von Parasiten befallen sind, richtet sich die Abwehrreaktion letztendlich gegen den Körper selbst. Von diesem Erstkontakt merkt man nichts, man ist jetzt aber gegen das Allergen sensibilisiert, die überschießende Immunantwort beim nächsten Allergenkontakt ist vorprogrammiert. Ein Beispiel: Kinder, bei denen im Alter bis zu zwei Jahren bereits eine Hausstaubmilben-Sensibilisierung vorliegt, entwickeln zu 80 Prozent mit fünf Jahren eine ausgeprägte Allergie.

Im zweiten Schritt erfolgt die allergische Reaktion: Bei einem neuen Allergenkontakt binden sich die gebildeten spezifischen IgE-Moleküle an die Oberfläche von sehr effektiv arbeitenden Zellen der Immunabwehr, die vor allem in Schleimhäuten und im Bindegewebe nahe von kleinen Blutgefäßen vorkommen (etwa Mastzellen).

In ihrem Inneren finden sich zahlreiche aggressive Substanzen zur Verteidigung des Körpers gegen "Eindringlinge" (zum Beispiel Histamin). Somit sind diese Immunzellen mit "scharf gemachten Bomben" zu vergleichen, beim Kontakt mit dem "Feind", also dem Allergen, mit einer gezielten Abwehrreaktion antworten.

Risiko- und Schutzfaktoren

Doch warum entwickeln nun die einen Kinder und Jugendlichen eine Allergie und die anderen nicht? "Neben der genetischen Veranlagung kommen eine Reihe von schützenden Faktoren sowie Risikofaktoren hinzu. Die Weichen für die Entwicklung einer Allergie und in der Folge von allergischem Asthma scheinen schon im ersten Lebensjahr gestellt zu werden", sagt Horak.

Zu den bekannten schützenden Faktoren zählen früher Kontakt zu möglichst vielen verschiedenen Bakterienstämmen (natürliche Geburt, das Durchmachen bestimmter Infekte, keine übertriebene Hygiene, "Aufwachsen am Bauernhof"), die eher frühe Gabe von Beikost ab dem 4.-6. Lebensmonat, sowie das strikte Meiden von Passivrauchbelastung.

Bekannte Risikofaktoren sind ein westlicher Lebensstil, Mangel an bakteriellen Kontakten, verspätetes Einführen von Beikost, Passivrauchen sowie diverse virale Infekte (etwa Rhinovirus). Die Summe dieser Faktoren führt auf dem Boden einer bestehenden genetischen Veranlagung zur Entwicklung eines ausgeglichenen Immunsystems (Immunbalance) oder eben zu einem zu Allergien neigenden Immunsystem (Dysregulation)", sagt Horak.

Frühzeitige Diagnose entscheidend

Asthma sollte bei Vorliegen einer entsprechenden Symptomatik mittels genauer Anamnese und Testung der Lungenfunktion diagnostiziert werden, das Vorliegen einer Allergie mittels Allergieanamnese sowie spezifischer Allergietests (Hauttest, Vorliegen von IgE-Antikörpern im Serum) in einem Allergiezentrum bzw. beim spezialisierten niedergelassenen Facharzt.

Besondere ärztliche Herausforderungen beim kindlichen Asthma seien die schwierige Diagnose aufgrund unspezifischer Symptome (etwa Husten) und die eingeschränkte Untersuchungsmöglichkeit (Lungenfunktionsmessung erst ab dem Volksschulalter), sowie die Tatsache, dass die Beschwerden oft belastungsabhängig (Sport) oder infektabhängig seien. Besondere Aufmerksamkeit ist einer altersgemäßen Therapie (unterschiedliche Inhalationsgeräte, Motivation junger Kinder) und unterstützenden Maßnahmen (Asthmaschulung) zu schenken.

"Eine Allergie sollte immer ernst genommen werden. Die möglichst frühzeitige Diagnose und Therapie sind von entscheidender Bedeutung, um die Beschwerden gering zu halten und die Lungenfunktion zu optimieren", sagt Horak. Ziel ist, dass die betroffenen Kinder keine bzw. kaum Beschwerden und damit keine Einschränkung im Alltag haben. (red, derStandard.at, 4.5.2015)

Share if you care.