Zentralmatura-Vorreiter will "schultypgetrennte Zentralmatura für AHS und BHS"

Interview5. Mai 2015, 05:47
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Pater Thomas Petutschnig, als Direktor des Stiftsgymnasiums St. Paul Zentralmatura-Vorreiter, über die erfolgreiche Premiere 2014, ein prinzipielles Ja zur neuen Matura und einen erheblichen Einwand

STANDARD: Ihre AHS hat schon vor einem Jahr, zum ursprünglich geplanten Termin für alle, die neue Matura komplett umgesetzt. Was sagen Sie den Schulen beziehungsweise Schülerinnen und Schülern, die jetzt, begleitet von vielen Debatten über Pannen et cetera, antreten müssen und sich vielleicht davor fürchten?

Petutschnig: Die Debatten hat es im vergangenen Jahr auch gegeben und trotzdem hat es sehr gut funktioniert. Man darf sich nicht verunsichern lassen, auch im Vertrauen darauf, dass man all die Jahre mit den Schülerinnen und Schülern gut gearbeitet hat.

STANDARD: Warum hat die Zentralmatura-Premiere bei Ihnen so gut geklappt? Weiße Fahne, alle durch.

Petutschnig: Ich kam mir durch die Verschiebung um ein Jahr schon etwas betrogen vor, weil wir ja schon am Arbeiten waren. Wir wollten den Rückzieher nicht mitmachen. Ich habe mein Lehrerkollegium massiv auf Fortbildung geschickt und mit den Schülerinnen und Schülern, die es betroffen hat, geredet. Es war für niemanden eine Überraschung oder Überforderung. Wir haben uns alle zusammengeredet und haben's dann gemacht. Wir wollten nur das machen, was angezählt war.

STANDARD: Ganz prinzipiell gefragt, sind Sie ein Befürworter der Zentralmatura im Vergleich zur alten?

Petutschnig: Ich sage einmal: Ja, ich unterstütze es, habe aber an das System schon meine Fragen. Das Wort zentral – es gibt in Österreich mehr als 300 AHS-Standorte mit ganz verschiedenen Voraussetzungen. Dann gibt es noch die berufsbildenden höheren Schulen (BHS), die teilweise auch in diese Zentralmatura hineinkommen. Das ist ein Kritikpunkt. In der BHS gibt es zwei Stunden Deutsch. Die schreiben dann aber dieselbe Zentralmatura wie wir in der AHS. Was bedeutet das? Es muss sich ja irgendwie angleichen in der Aufgabenstellung.

STANDARD: Sie plädieren also dafür, eine AHS-Zentralmatura und eine BHS-Zentralmatura zu machen?

Petutschnig: Ja, wenn man es schultypgetrennt für AHS und BHS angeht, sieht die Sache anders aus. Aber wenn man es eben so macht wie jetzt, Fremdsprachen und Deutsch wirklich in beiden Schultypen gleich, dann habe ich ein Fragezeichen. Das hat politische Gründe. Man hat sich hineinreklamiert in die AHS-Matura, aber ich sage es immer wieder, ich würde das doch noch einmal überdacht haben wollen.

STANDARD: Es heißt auch, es gebe jetzt zu wenige Vorbereitungsstunden für die mündliche Matura?

Petutschnig: Ja, das sehe ich auch so. Jetzt kann es sein, weil Vorbereitungsklassen zusammengelegt werden, dass eine Lehrkraft alle Schüler vorbereiten muss, egal, ob die in Klasse A oder B gegangen sind. Das ist schon sehr komisch. Das war bisher anders, eben individueller, da gab es Spezialthemen, das fällt alles weg. Wir haben nur noch die Themenpools, die schulintern erstellt werden. Dahinter steckt natürlich trotz allem wieder eine Einsparung.

STANDARD: Sie unterrichten selbst Deutsch, da heißt es, im neuen Matura-Modus werde Literatur zurückgedrängt. Sehen Sie das auch so?

Petutschnig: Diese Kritik ist durchaus berechtigt. In der AHS drei Stunden Deutsch sind nicht sehr viel, da tu ich mir schon schwer, auch einiges an Literatur zu lesen, etwa die Dramen der Aufklärung, aber es geht. In der BHS mit zwei Stunden wird das noch viel schwieriger. Wo bleibt dann die Literatur? Das ist auch mit ein Grund, warum ich gerne wenigstens die Schultypen getrennt hätte bei der Zentralmaturaprüfung. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 5.5.2015)

Pater Thomas Petutschnig OSB (49) ist seit 2011 Direktor des öffentlichen Stiftsgymnasiums der Benediktiner zu St. Paul (Kärnten). Er promovierte mit einer Arbeit über Heimito von Doderer und unterrichtet Deutsch und Religion.

  • Pater Thomas sah vor einem Jahr keinen Grund, sich vor der neuen Matura zu fürchten, und jetzt auch nicht: "Man darf sich nicht verunsichern lassen, auch im Vertrauen darauf, dass man all die Jahre mit den Schülerinnen und Schülern gut gearbeitet hat."
    foto: apa / gert eggenberger

    Pater Thomas sah vor einem Jahr keinen Grund, sich vor der neuen Matura zu fürchten, und jetzt auch nicht: "Man darf sich nicht verunsichern lassen, auch im Vertrauen darauf, dass man all die Jahre mit den Schülerinnen und Schülern gut gearbeitet hat."

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