Marylin Mosby: Juristin aus Polizeifamilie erhebt Anklage in Baltimore

3. Mai 2015, 18:04
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Die 35-jährige Bundesstaatsanwältin stellt die am Tod von Freddy Gray beteiligten Polizisten vor Gericht

Marilyn Mosby will ein Zeichen setzen. Manchen hat überrascht, wie schnell sie Anklage erhob, mancher staunt, dass Polizisten demnächst überhaupt auf der Anklagebank sitzen, um sich für den Tod Freddie Grays in Baltimore zu verantworten. In Ferguson, wo der schwarze Teenager Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen wurde, hatte der zuständige Staatsanwalt mehr als drei Monate gebraucht, um die Ermittlungen abzuschließen und den Spruch einer Geschworenenjury zu verkünden: kein Verfahren. Mosby reichten dafür 18 Tage.

Freddie Gray, glaubt sie, brach sich das Genick, als er in einem Polizeitransporter gegen etwas Hartes prallte, an Händen und Füßen gefesselt, hilflos auf dem Boden liegend. Sechs Beamte, drei mit heller, drei mit dunkler Haut, kommen dafür vor einen Richter. Die Vorwürfe lauten auf Totschlag, ungerechtfertigte Festnahme und unterlassene Hilfeleistung.

Eltern trugen Uniform

Es gibt Experten, die Mosbys Erfolgsaussichten eher skeptisch beurteilen. Die Juristin lässt sich nicht beirren. Grays Angehörigen hat sie versichert: "Niemand steht über dem Recht, und ich werde in ihrem Namen Gerechtigkeit anstreben." Mit 35 Jahren ist Mosby die jüngste Bezirksstaatsanwältin einer amerikanischen Großstadt. Als sie zum Wahlduell antrat, warb sie mit dem Argument, dass sie beide Seiten der Medaille kenne. Sie selbst stammt aus einer Polizistenfamilie aus Boston; ihre Eltern trugen Uniform, ein Großvater initiierte den Verband afroamerikanischer Polizeibeamter in Massachusetts.

Cousin am Stadtrand von Boston erschossen

Sie weiß aber auch, wovon sie spricht, wenn sie die Misere eines Milieus beklagt, das von Drogenhändlern kontrolliert wird und in dem sich kaum einer traut, gegen die allmächtigen Bosse der Gangs auszusagen. Mosby war 14, als ein Cousin, von einer Bande mit einem Dealer verwechselt, vor ihrer Wohnungstür am Stadtrand von Boston erschossen wurde.

An der Tuskegee University, einer von dem legendären schwarzen Pädagogen Booker T. Washington gegründeten Hochschule in Alabama, studierte sie Politikwissenschaft und danach Jus. 2005 fing sie im Büro des Bezirksstaatsanwalts in Baltimore an. Nach sechs Jahren wechselte sie als Ermittlerin zu einem Versicherungskonzern, bevor sie sich um den Posten des District Attorney bewarb. Ihr Ehemann Nick vertritt das verarmte, bis zu den Unruhen de facto vergessene West-Baltimore im Rathaus der Stadt. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 4.5.2014)

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