Die Kärntner Tristesse

Kommentar3. Mai 2015, 17:57
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Das südlichste Bundesland hat ein Recht auf gesamtösterreichische Solidarität

Die Kärntna sind "lei lustig", singen, wenn sie reden, liegen den Tag über am Wörthersee und verprassen unser Geld. Und wenn sie keines mehr haben, weil sie ihre Bank in den Sand gesetzt haben, pilgern sie nach Wien, um sich wieder eines auszuborgen. In dieser rustikalen Tonalität geht es zurzeit ziemlich rund an den Online- und sonstigen Stammtischen, wenn die Rede von Österreichs südlichstem Bundesland ist.

Gut weg kommt dabei eigentlich nur Finanzminister Hans Jörg Schelling, der den Zuchtmeister gibt und – unter Applaus – von den Kärntnern ein krasses Sparpaket verlangt. Erst dann will er den Armutschkerln da unten mit 343 Millionen unter die Arme greifen.

Und jetzt jammern s'. Geschieht ihnen ja recht. Oder doch nicht?

Dass die Hypo-Finanzkatastrophe in Kärnten ihren Ursprung nahm, bedarf keiner weiteren Argumentation. Aber haben nicht ganz Österreich und noch genauer die Kontrollstellen des Bundes jahrelang zugeschaut, wie Jörg Haider sein Ding hochgezogen und dem Kärntner Landesbudget über die irren Haftungen Millionen an Prämien verschafft hat, die sie dann verprasst haben? Im Griss-Bericht ist das Kontrollversagen klar dokumentiert, und im laufenden Hypo-Untersuchungsausschuss wird täglich vor Augen geführt, wie früh Bankprüfer und andere Kontrollstellen des Bundes detaillierte Expertisen über den Hypo-Wahnsinn vorgelegt hatten und wie kläglich die Bundespolitik vor dem Kärntner Größenwahn in die Knie gegangen ist.

Nicht nur ein großer Teil der Kärntner, eine ganze schwarzblaue Bundesregierung ist dem Demagogen Haider erlegen. Die Bundespolitiker, die jahrelang dem Treiben zuschauten, haben angesichts der eigenen Involviertheit keinen Grund, mit Häme, Demütigung und billiger Revanchepolemik Kärnten ins Eck zu stellen.

Es gibt noch ein zweites, wenig beachtetes Faktum: Die Landesregierungen unter Jörg Haider und seinen Aposteln hatten das Land auch abseits der Hypo wirtschaftspolitisch fast ruiniert. Mit den Folgen: Kärnten wurde zum Land mit dem geringsten Haushaltseinkommen, aber der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer, mit einer extrem hohen Arbeitslosenrate und einem aufgeblähten Beamtenapparat. Aus keinem anderen Bundesland sind so viele hochqualifizierte Arbeitskräfte mit Universitätsabschluss abgewandert. All diese Defizite zu reparieren, wird Kärnten alleine nicht schaffen.

Das heutige Kärnten mit seinen kreativen Unternehmen, seinen Menschenrechtsaktivisten, den engagierten NGOs, den Minderheitengruppen, der hellen progressiven Kunst- und Kulturszene hat ein Anrecht auf österreichische Solidarität. Auch weil diese neue Kärntner Landesregierung im breiten Parteienkonsens angetreten ist, den Scherbenhaufen, den Haider und seine Gefolgschaft hinterlassen haben, aufzuarbeiten und eine neue Politikkultur aufzubauen. Das gehört unterstützt. Auch im Interesse des Gesamtstaates.

Je stärker jetzt der Druck aber von außen steigt, desto enger rückt Altkärnten wieder zusammen. Und es tauchen aufs Neue die alten Opfer- und Heldenmythen auf. "Der Jörg" hatte den Landsleuten Selbstbewusstsein gegeben, das ist nicht vergessen.

An Kärntner Stammtischen, so wird erzählt, sei in letzter Zeit immer öfters zu hören: "Unterm Haider hätte es des net gegeben." Sie sind eben nicht nur "lei lustig", die Kärntna. (Walter Müller, DER STANDARD, 4.5.2015)

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