Ankaras Entfremdung

Kommentar3. Mai 2015, 18:11
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Sexistische Äußerungen aus Ankara über die Sprecherin des US-Außenministeriums

Mit blonden Frauen haben Politiker der türkischen Regierungspartei offensichtlich ein Problem, und wenn sie noch dazu Sprecherinnen des US-Außenministeriums sind, dann geht bei Melih Gökçek, dem seit 20 Jahren regierenden Bürgermeister von Ankara, der Gaul durch. "Los Blondine, red schon!", schrieb er Marie Harf und dem Rest der Welt über den Kurznachrichtendienst Twitter. Seiner Botschaft fügte der AKP-Politiker ein Bild von den jüngsten Krawallen in Baltimore bei, versehen mit dem Titel: "Wo steckst du jetzt, dumme Blondine, die gesagt hat, die türkische Polizei gebraucht exzessive Gewalt?

Sexistische Äußerungen über Marie Harf und ihre Vorgängerin Jen Psaki gab es früher schon in den USA. Das entschuldigt schwerlich Blondinen-Sprüche aus Ankara. Aus dem Mund eines führenden konservativ-islamischen Politikers zeugen sie von jener Minderwerts-Geisteshaltung, die Gökçeks und Tayyip Erdogans Partei beseelt: kein Platz für Frauen im öffentlichen Leben. "Los Blondine, red schon" ist dazu noch so etwas wie eine Chiffre für die wachsende politische Entfremdung vom westlichen Lager.

Auch zwei Jahre nach den Gezi-Protesten in der Türkei hält die Wut der Regierungspartei über die Kritik in Europa und den USA an der Niederschlagung der Massenbewegung an. Polizeigewalt und Justizversagen gibt es auch in den USA. Was Gökçek aber nicht kapiert: Dort darf man darüber schreiben und den Rechtsstaat aktivieren. (Markus Bernath, DER STANDARD, 4.5.2015)

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