US-Protest gegen türkischen Blondinen-Sager

3. Mai 2015, 17:37
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US-Regierung wird in Ankara vorstellig

Ankara/Washington - Die USA haben wegen "unangemessener Äußerungen" des Bürgermeisters von Ankara bei türkischen Regierungsvertretern protestiert. Melih Gökçek hatte vergangene Woche Marie Harf, die Sprecherin des US-Außenministeriums, im Kurznachrichtendienst Twitter als "dumme Blondine" bezeichnet und sie aufgefordert, zur Polizeigewalt bei den Krawallen in Baltimore Stellung zu nehmen, da sie schließlich zuvor auch Polizeieinsätze in der Türkei kritisiert hatte.

Türkischen und US-Medien zufolge wurden die Staatssekretärin für Europa und Eurasien, Victoria Nuland, und der US-Botschafter in Ankara, John Bass, daraufhin bei der türkischen Regierung vorstellig. Bass reagierte zunächst humorvoll und verbreitete auf dem Bilderdienst Instagram sein eigenes Porträt mit blonden Haaren. Dazu gab er den Slogan aus: "Wir sind alle Blondinen".

Beziehungen verschlechtert

Der Vorfall spiegelt gleichwohl den Niedergang der türkisch-amerikanischen Beziehungen in den vergangenen zwei Jahren wieder. Bass folgte 2014 US-Botschafter Francis Ricciardone. Dem hatte der heutige Staatspräsident Tayyip Erdogan Ende 2013 indirekt mit der Ausweisung gedroht. Ricciardone hatte sich zuvor kritisch über die Einschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei und die Maßregelung der Justiz durch die Regierung geäußert.

Zum Tag der internationalen Pressefreiheit am gestrigen Sonntag rückte der EU-Kandidat Türkei wieder in den Mittelpunkt des Interesses: Dem jüngsten Bericht der Bürgerrechtsvereinigung Freedom House zufolge ist die Presse in der Türkei mittlerweile "nicht frei" und das Internet nur "teilweise frei". Die Regierung stellt das in Abrede.

Streit gab es zwischen Washington und Ankara zuletzt wegen des Vorhabens der türkischen Regierung, als Nato-Mitgliedsland ein Raketenabwehrsystem aus China zu kaufen; das türkische Verteidigungsministerium soll dazu weiterhin keine abschließende Entscheidung getroffen haben. In der Syrienpolitik warf die US-Regierung der konservativ-islamischen Führung in Ankara vor, sunnitische Islamisten gegen das Regime von Bashar al-Assad logistisch zu unterstützen. An der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beteiligte sich die Türkei zunächst nicht aktiv. Mit mehreren Monaten Verzögerung soll diese Woche nun eine gemeinsam von den USA und der Türkei organisierte militärische Ausbildung von 300 Rebellen beginnen. (Markus Bernath, DER STANDARD, 4.5.2015)

  • Soli-Aktion: US-Botschafter John Bass zeigte sich auf Instagram mit digital gefärbtem Haar.
    foto: instagram/amerikanbuyukelcisi

    Soli-Aktion: US-Botschafter John Bass zeigte sich auf Instagram mit digital gefärbtem Haar.

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