"3 Herzen": Keine Scheu vor großen Gefühlen

4. Mai 2015, 05:30
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Der französische Regisseur Benoît Jacquot entfacht ein Melodram um einen Mann zwischen zwei Schwestern. Liebe und Leidenschaft gehen nicht zusammen. Der Mann läuft blind in sein Unheil

Wien – Zufälle, Missverständnisse und unheilvolle Verkettungen treten in Benoît Jacquots "3 Herzen" (3 coeurs) gegen jede Wahrscheinlichkeit oft ein. Der Film fängt schon so ahnungsvoll an. Ein Steuerbeamter aus Paris (Benoît Poelvoorde) versäumt nach einem Geschäftstermin den Zug. Allein in der Kleinstadt, begegnet er einer attraktiven Frau (Charlotte Gainsbourg) und spricht sie an. Sie weist ihn nicht ab, findet ihn interessant. Es scheint der richtige Moment in beider Leben zu sein: Am Ende einer langen Nacht liegt eine Möglichkeit in der Luft, an die Marc und Sophie zu gleichen Teilen glauben.

Doch diese löst sich nicht ein. Zum Rendezvous im Jardin des Tuileries, zu dem sie sich verabredet haben, ohne Nummern auszutauschen, kommt er zu spät. Das könnte es gewesen sein, wäre da nicht Sylvie (Chiara Mastroianni), die Marc einige Zeit später kennenlernt. Auch die beiden kommen sich näher, aber anders als mit Sophie zeigt er sich diesmal von seiner zurückhaltenden Seite. Er weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die beiden Schwestern sind. Ebenso wenig ahnt Sylvie, dass er der geheimnisvolle Mann aus der Erzählung von Sophie ist.

Überspannte Konstellation

Spricht man Benoît Jacquot auf diese doch etwas überspannte Konstellation seines Films an, antwortet er erstaunlich offen: Gerade das Unwahrscheinliche habe ihn gereizt, "und zwar so, dass die Begegnung dadurch eine quasi-magische Dimension bekommt. Für die Personen erscheint sie schicksalhaft." Die Inszenierung unterstreicht diese Stoßrichtung. Sie verleiht dem Liebesdreieck den Anstrich des Ausweglosen. Man wähnt sich in einem Thriller, in dem die Geschichte jeden Augenblick ins Gewalttätige kippen könnte. Daran hat nicht zuletzt die unheilschwangere Musik Bruno Coulais' Anteil: "Sie nimmt den Rhythmus des Herzschlags auf, in Variationen, mal etwas beschleunigter, mal ruhig."

Der 68-jährige Jacquot, ein Vielarbeiter im französischen Kino, spielt in seinen Filmen gerne mit Genreelementen, ohne sich ganz einem Regelwerk zu fügen. Bekannt ist er eigentlich für Filme, die ganz auf die Perspektiven von Frauen zugeschnitten sind, sei es ein Zimmermädchen in "La fille seule" oder die Vorleserin von Marie Antoinette in "Les adieux à la Reine".

"Ich wollte endlich einen Mann ins Zentrum stellen, aber mir schwebte dabei keine Liebesgeschichte, auch keine sentimentale Komödie vor", sagt Jacquot. "Mit amourösen Gefühlen empfinde ich nicht nur Glück – dieses mag sich vielleicht mit der Zeit einstellen. Im Moment selbst vermögen die Gefühle enorme Energien und Ängste zu generieren." Das Melodram, als "demokratisierte Form der Tragödie", erschien ihm als passende Form dafür, solche Gefühle auszuagieren: "Ein Melodram, das mit den Mitteln des Suspense arbeitet."

Tragischer Archetypus

Jener Moment, in dem Marc bei einem Skype-Gespräch gegenüber Sophie seine wahre Identität entblößt, würde tatsächlich auch einem Psychothriller gut anstehen. Lässt man sich auf Jacquots ein wenig abstrakten Zugang ein, dann dringt man in die Intensität solcher Szenen wie in Gefühlsräume ein. Liebe und Leidenschaft sind in "3 Herzen" zwei Lebensweisen, die nicht zusammengehen. Der Belgier Poelvoorde, den man durch Filme von Benoît Delépine und Gustave Kervern eigentlich als Komiker kennt, zeigt hier sein Talent für tiefgründige Charaktere: "Benoît ist ein sehr vielseitiger Typ. Es hat uns beide interessiert, ihn in dieser dramatischen Rolle einzusetzen – er kann sehr gequält und ängstlich wirken, das wollten wir nutzen und ausbauen."

Poelvoorde versetzt den tragischen Archetypus eines Mannes, der blind in sein Unheil läuft, in eine vertraute Umgebung: Man könne sich in seiner Nervosität wiedererkennen, meint Jacquot. "Das ist etwas, was ich am Theater gar nicht mag: eine Aktualisierung klassischer Situationen. Im Kino ist dies allerdings möglich, weil uns diese Dramen näher gehen."

Liegt dies daran, dass wir das Kino als etwas realistischer auffassen? "Das Kino bringt den Raum einer Einstellung mit dem des Lebens des Zuschauers in Verbindung. Er glaubt die Geschichte oder nicht. Bei mir wird er es zunächst nicht tun, das ist mir bewusst. Aber mein Wunsch ist es, dass ich ihn allmählich zu einem anderen Glauben verleiten kann." (Dominik Kamalzadeh/Isabella Reicher, DER STANDARD, 4.5.2015)

Jetzt im Kino

  • Die Schauspieler Benoît Poelvoorde und Chiara Mastroianni schwelgen in Benoît Jacquots "3 Herzen" in klassischen französischen Kino-Liebeswirren.
    foto: thimfilm

    Die Schauspieler Benoît Poelvoorde und Chiara Mastroianni schwelgen in Benoît Jacquots "3 Herzen" in klassischen französischen Kino-Liebeswirren.

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