Draghi gegen Mises, Geldpolitik gegen Theorie

Kommentar der anderen3. Mai 2015, 15:51
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Aus griechischem Anlass: Geldpolitische Praxis trifft ökonomische Theorie. Die EZB hilft beim Verlängern und Verschleiern, obwohl Kreditausweitung gegen Wachstumskollaps nicht hilft - theoretisch

Yanis Varoufakis, Enfant terrible unter Europas Finanzministern, zwingt seine Kollegen zum Tanz auf dem griechischen Schuldenvulkan, der, ortsbedingt, ein Syrtos sein muss. Der längst Zahlungsunfähige gibt dabei einen selbstbewussten ersten Tänzer, der seine missvergnügten Gläubiger im Licht medialer Öffentlichkeit übers Parkett schleift.

Sein heimisches Publikum feiert die schnoddrige Stärke aus realer Schwäche, mit der er Europas Publikum und Minister reizt. Diese hätten Griechenland, schon um sich der fortgesetzten narzisstischen Kränkung zu entziehen, längst in die Pleite geschickt, wenn sie könnten. Aber auch ihre Stärke ist nur eingebildet.

Denn die Gläubiger Griechenlands sind selbst hochverschuldet. Sollten Griechenland Schulden erlassen werden oder das Land gar bankrottgehen, wären Forderungen abzuschreiben, und ihre wirtschaftliche Balance würde erschüttert. Und politisch wäre den Bürgern zu erklären, weshalb deren Steuern in der Ägäis versinken.

Tilgungsillusion

Zur Vermeidung dessen dient das Konstrukt der Tilgungsillusion (© Peter Sloterdijk). Für jeden Gläubiger ist die reelle Aussicht auf die Rückführung eines gewährten Kredits, die Tilgung, eine Conditio sine qua non. Die Verknüpfung dieses Wortes mit jenem der Illusion, also des Scheins, führt die Erwartung aber im selben Atemzug ad absurdum. Das evidente Paradoxon ist unbehaglich und wird doch dem Eingeständnis seiner logischen Unhaltbarkeit vorgezogen.

Das Motto zum Umgang mit den Schulden in Griechenland und anderswo lautet daher: Verlängern und verschleiern. Und die EZB, diese heimlich erkorene Garantin unaufhörlicher Geldschöpfung und Umschuldung, Quelle kosten-, weil zinslosen Geldes, spielt mit und macht die größten Schuldenberge zur Quantité négligeable.

Geldkanone gegen Kollaps

Sogar der Kronzeuge der österreichischen Schule der Nationalökonomie, Ludwig von Mises, scheint derzeit überholt. Schrieb er doch, dass es kein Mittel gäbe, den Kollaps eines Wachstums aus (übermäßiger) Kreditausweitung zu verhindern, und dass nur die Wahl zwischen einer früheren freiwilligen Abkehr davon oder einer späteren erzwungenen bestünde, samt finaler Katastrophe des betreffenden Währungssystems.

Freiwillig vermindertes Kreditwachstum ist Mario Draghi fremd. Widerlegt er Mises? Hoffnung besteht. Zweifel auch. (David Gulda, DER STANDARD, 4.5.2015)

David Gulda ist Geschäftsführer der Berger BeteiligungsgmbH in Tirol.

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