Zukunftsforscher: "Es gibt noch zu viele sehr schlechte Lehrer"

Interview4. Mai 2015, 05:30
504 Postings

Reinhold Popp über Trichterpädagogik, Autonomie und die ganze Welt als Workshop

STANDARD: Sie sind Experte dafür, was noch nicht ist, aber worauf wir uns sicherheitshalber lieber vorbereiten sollten. Sie sind Zukunftsforscher. Welche Zukunft erwartet uns denn im Bildungsbereich?

Popp: Das Bildungssystem wäre ein sehr zukunftsbezogenes Praxisfeld. Aber rund 70 Prozent der Bevölkerung halten vor allem das Schulwesen nicht für zukunftsfähig. Die wichtigsten interessenspolitischen Institutionen und die Bildungswissenschaft haben gut begründete Zukunftskonzepte vorgelegt. Für die Bildungspolitik müsste also alles klar sein, ist es aber leider nicht.

STANDARD: Was etwa ist klar?

Popp: Klar ist, dass wir gerade im Bereich der Persönlichkeitsbildung und beim sozialen Zusammenhalt viel tun müssten oder dass es eben nicht nur um die Wissensvermittlung geht. Manche Lehrer vertreten leider immer noch die Vorstellung von Trichterpädagogik, also den Schülern Lehrbuchwissen ins Hirn zu pressen und diese Inhalte dann abzuprüfen. Dabei wäre das Phänomen der Vergessenskurve seit Jahrzehnten bekannt. Denn unser Gehirn ist keine Festplatte, und nach etwa sechs Wochen ist nicht angewendetes Wissen zu 80 Prozent weg. Mit den immer leistungsfähigeren Computern haben wir Maschinen, die punktgenau für die Erfüllung der überkommenen Ziele der Trichterpädagogik programmiert sind, nämlich für das Eintrichtern von Inhalten. Im Sinne einer zukünftig unverzichtbaren Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine muss einerseits der sinnvolle Umgang mit diesen wissensspeichernden Geräten trainiert werden und andererseits das gefördert werden, was der Mensch besser kann als der beste Computer: kritisch denken, mit anderen zusammen Veränderungen in Gang setzen et cetera.

STANDARD: Was heißt das konkret?

Popp: Zukünftig muss die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Problemen im Vordergrund stehen. Die historisch gewachsene Abbildung der universitären Disziplinen in den Unterrichtsfächern muss möglichst bald am Abstellgleis der Bildungsgeschichte landen. Ein viel zu selten diskutiertes Problem ist die Schularchitektur. Die meisten Bildungsimmobilien ähneln eher Unterrichtsvollzugsanstalten als zukunftsweisenden Lernwerkstätten.

STANDARD: Was müsste denn im Bildungsbereich in Österreich konkret getan werden, um ihn, wie es gern in Politikerreden heißt, "zukunftsfit" zu machen?

Popp: Natürlich muss man lesen, schreiben und rechnen können und Fremdsprachen beherrschen, aber das müsste viel stärker mit persönlichkeitsbildenden Elementen verknüpft werden. Da sind wir dann bei Begriffen wie Autonomie, Eigenverantwortung, Kreativität, Resilienz und soziale Empathie. Denn zukünftig nehmen Komplexität und Vielfalt in allen Lebensbereichen zu, also im Berufs-, Freizeit-, Konsum- und Geldleben, in Beziehungs- und Erziehungsfragen sowie im weiten Spektrum der medialen Angebote. Die Entscheidungsfrage lautet: Was ist meins in dieser Menge an Möglichkeiten?

STANDARD: In welcher Form kann die Schule dafür vorbereiten?

Popp: Mit klassischem Frontalunterricht kann diese Frage nicht beantwortet werden, schon gar nicht in 50-Minuten-Häppchen. Das ginge nur mit projektorientierten Zugängen, ausgehend von wichtigen Fragen aus der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. An Österreichs Schulen gibt es immer mehr gute Lehrer, die sich um zukunftsweisende Didaktik bemühen, aber leider auch noch zu viele sehr schlechte Lehrer. Bei der Entwicklung der Lehrerbildung stimmt die Richtung, aber nicht die Geschwindigkeit.

STANDARD: Eine Ihrer Thesen zur Zukunft der Bildung dreht sich um ein verändertes Rollenverständnis in der Multioptionsgesellschaft. Was heißt das für die Schule?

Popp: In früheren Gesellschaftsformationen waren viele Dinge für die Menschen einfacher. Es war relativ klar, was man religiös zu glauben, welchen Beruf man zu wählen, wie man Beziehungen zu schließen und wie man sich richtig zu verhalten hatte. Dazu passte der Shakespeare-Spruch "Die ganze Welt ist Bühne". Denn die Rollen für das Spiel des Lebens waren klar verteilt. Zukünftig müsste dieser Spruch etwas modifiziert werden: "Die ganze Welt ist ein Workshop." Denn zumindest in unseren Breiten haben sich die Freiheitsgrade deutlich erhöht, sodass jeder nach seiner Façon selig werden kann, wie dies der preußische König Friedrich II. schon vor langer Zeit ausgedrückt hat. Aber wer die Wahl hat, hat auch die Qual der Entscheidung.

STANDARD: Das ist quasi die Rückseite der Autonomie, die Sie besonders betonen. Wie kann Autonomie im Schulbereich aussehen?

Popp: Autonomie müsste – in enger Verknüpfung mit sozialer Kompetenz – ein Generalthema der Pädagogik werden. Diese Aussage begründe ich mit plausiblen Prognosen der Zukunftsforschung, wie der einzelne Mensch – gemeinsam mit seinen Bezugspersonen – die in der Zukunft zu erwartenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und persönlichen Chancen nutzen und Gefahren vermeiden kann. Letztlich wird es wohl auch in der Schule der Zukunft darum gehen, junge Menschen zu ermutigen; übrigens auch im Hinblick auf die Lust am Lernen als Motivation für die zukünftig unverzichtbaren lebensbegleitenden Bildungsprozesse.

STANDARD: Welche Rolle soll Autonomie im Kindergarten spielen?

Popp: Der Kindergarten ist noch immer ein sehr stark unterschätzter Lernort – auch im Hinblick auf das Bildungsziel der Autonomie. Ich möchte das am Beispiel der "Trotzphase" präzisieren. Diese Phase des Infragestellens von Bestehendem und der Suche nach Neuem, die sich ja in etwas anderer Form in der Pubertät wiederholt, ist letztlich eine Zukunftsinszenierung in Richtung Autonomie und Selbstbestimmung. Das Kind sagt erstmals: Nein, ich will das jetzt anders machen, als Mama oder Papa es wollen. Diese Sehnsucht nach Innovation lässt sich auch im Kindergarten fördern, wenn die Autonomiebestrebungen eines Kindes gestärkt und nicht mit allen möglichen und unmöglichen pädagogischen Tricks gebrochen werden. Das funktioniert aber nur mit einer erziehungswissenschaftlich fundierten pädagogischen Ausbildung.

STANDARD: Und die ist umstritten, denn selbst der Dachverband der Kindergartenpädagoginnen möchte eine universitäre Ausbildung. Nur die Politik verweigert das.

Popp: Ich halte die heutige Form der Ausbildung für anachronistisch. Das sieht übrigens auch die OECD so. Elementarpädagogik gehört wie die Lehrerbildung an die pädagogischen Hochschulen beziehungsweise an die Universitäten. Eine pädagogische Ausbildung sollte nicht im Alter von 15 beginnen. Salopp gefragt: Soll eine 15-, 16-, 17-jährige Schülerin, die daheim noch mit der spätpubertären Ablösung von der Herkunftsfamilie beschäftigt ist und der die Mama noch die Wäsche wäscht, im Kindergarten die ersten Schritte zu einer autonomen Persönlichkeit professionell begleiten? Aus pädagogischen Gründen spricht alles für eine Hochschulausbildung. Aber aus der Sicht der für die Finanzierung der Kindergärten zuständigen Gemeinde- und Landespolitik sprechen ökonomische Gründe für den Status quo. Maturanten sind billiger als Hochschulabsolventen. Das ist freilich zynisch, wenn man an die zukunftsweisende Bedeutung der Bildungsarbeit in Kindergärten denkt. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 4.5.2015)

Reinhold Popp (66) hat ein Lehramtsstudium absolviert sowie eine Ausbildung in Psychotherapie und klinischer Psychologie, danach hat er in Politik- beziehungsweise Bildungswissenschaft promoviert. Er war unter anderem wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien Salzburg und Gründungsmitglied des Masterstudiengangs für Zukunftsforschung am Institut Futur der Freien Universität Berlin. Er referierte beim diesjährigen, mittlerweile 6. Teacher's Award der Industriellenvereinigung über "Die Zukunft von Schule und Kindergarten. Bildung im gesellschaftlichen Spannungsfeld".

Link

Pegasus startet von der Polytechnischen Schule Völkermarkt aus oder: Welche Projekte beim IV-Teacher's Award ausgezeichnet wurden

  • Eigentlich müsste für die Bildungspolitik klar sein, was zu tun ist, meint Zukunftsforscher Reinhold Popp – "ist es aber leider nicht", obwohl "gut begründete Zukunftskonzepte" vorhanden wären.
    foto: christian schneider

    Eigentlich müsste für die Bildungspolitik klar sein, was zu tun ist, meint Zukunftsforscher Reinhold Popp – "ist es aber leider nicht", obwohl "gut begründete Zukunftskonzepte" vorhanden wären.

Share if you care.