Royales Baby: Ablenkung vom Wahlkampf

3. Mai 2015, 09:02
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Das Warten hat ein Ende: Prinzessin Kate brachte eine Tochter zur Welt. Noch ist das Baby namenlos

London: Endlich! Mag die Nation in den letzten Tagen auch nicht gerade im Babyfieber gelegen haben, wie von exaltierten Korrespondenten immer gern behauptet wird – die Geburt einer Prinzessin bot den Briten zu Beginn eines langen Wochenendes doch willkommene Ablenkung vom Wahlkampf. Kaum war am Samstag vormittag die Nachricht vom Eintreffen der Herzogin von Cambridge im Krankenhaus ins Bewusstsein der Nation gesickert, da kam auch schon die frohe Botschaft: Um 8.34 Uhr war das Kindlein, die Nummer Vier der britischen Thronfolge, zur Welt gekommen. Prinzessin Kate, 33, und ihr einstweilen namenloses Baby haben die Geburt gut überstanden. So gut war der Gesundheitszustand von Mutter und Kind, dass der stolze Vater Prinz William die beiden bereits zehn Stunden später zum Kensington-Palast kutschieren konnte.

Beinahe zwei Wochen hatten die royal watchers gewartet – so lange, dass die Zeitungen am Samstagmorgen Ein wenig Ungeduld spüren ließen: "Wäre ja schön, wenn es nun endlich vorangeht", teilte in einem spielerischen Artikel das Boulevardblatt Sun mit.

Das ließ sich das Ungeborene nicht zweimal sagen. Offenbar kündigte es am frühen Morgen des Samstag sein Kommen an. Jedenfalls fanden sich Kate und William gegen 6 Uhr morgens, unbemerkt von den Fernsehkameras, im Lindo-Flügel des St.-Mary-Hospitals im Londoner Stadtteil Paddington ein. Dort war vor 21 Monaten auch schon der Erstgeborene des Paares, Prinz George, zur Welt gekommen. Viel exklusiver lässt sich in London kaum gebären: Eine Nacht Aufenthalt in der Privatsuite kostet umgerechnet 8880 Euro/9150 Franken, Arztkosten oder Extras wie Kaiserschnitt nicht eingerechnet.

Solche Kosten wollte das Baby seinen Eltern offenbar ersparen. Jedenfalls erblickte die Prinzessin bereits zweieinhalb Stunden später das Licht der Welt – eine Nachricht, die dem Land und der Welt gegen 11 Uhr zunächst per Email und Twitter mitgeteilt wurde. Später erschien auch eine rührend altmodische Staffelei mit den Vitaldaten auf dem Vorplatz des Buckingham-Palastes. So erfuhr man zusätzlich, das Baby habe das schöne Gewicht von 3,7 Kilo auf die Waage gebracht.

Journalisten aus aller Welt

Da hatte sich der Gehsteig gegenüber des Krankenhauses längst mit Fotografen und Kamerateams gefüllt, Journalisten aus aller Welt teilten ihrem Publikum die mühsam angelernten Details über die britische Monarchie im Allgemeinen und den Lebensstil der jungen Royals im Besonderen mit. So eine Geburt sei eben "ein globales Ereignis", wie der frühere Palastsprecher Dickie Arbiter der BBC mitteilte. Kaum war die Geburtsnachricht da, räumte der öffentlich-rechtliche Sender eines seiner Studios frei, wo gerade eine Gruppe ausländischer Korrespondenten die neuesten Windungen des Wahlkampfes diskutieren sollte.

Statt die Briten fünf Tage vor der Unterhauswahl am kommenden Donnerstag von den Vorzügen ihrer Partei zu überzeugen, überschlug sich die Politprominenz mit Glückwünschen. Der konservative Premier David Cameron, der liberale Vizepremier Nick Clegg und Labour-Oppositionsführer Edward Miliband bedienten sich dazu ganz modern des Netzwerkes Twitter. Gerade altmodisch wirkte dagegen die Stellungnahme der stolzen Grosseltern Charles und Camilla: Die Königlichen Hoheiten seien "ausgesprochen entzückt" (absolutely delighted), ließ der Palast verlauten. Erst kürzlich hatte der Thronfolger, 66, unverblümt mitgeteilt, er wünsche sich als zweites Enkelkind ein Mädchen.

Damit befand sich der sonst als verwöhnt verschriene Prinz von Wales im Einklang mit der Nation, besonders ihrem Gewerbe-treibenden Teil. In den Wettbüros hatten die Briten seit Monaten auf ein Mädchen gesetzt, der Einzelhandel erhofft sich schöne Millionen durch farblich anders akzentuierten Königskitsch. Später einmal mag die Prinzessin auch die Modemacher ähnlich inspirieren wie es ihrer Frau Mama schon seit Jahren gelingt.

Ein bisschen Exzentrik

Zunächst einmal brachte die Prinzessinnengeburt jene Exzentrik ans Tageslicht, für die Grossbritannien auch im 21. Jahrhundert berühmt bleibt. So erschien ein dicklicher Altenheimbetreiber aus Chelmsford bei London auf den Stufen der Klinik: Tony Appleton verkleidet sich gern mit Strumpfhosen und buntem Wams als Magistratsschreier, um mit sonorer Stimme königliche Neuigkeiten zu verkünden. Die Matrosen der Fregatte HMS Lancaster traten auf Deck an und stellten sich zum Wort "Sister", also Schwester, zusammen; für die längeren Worte "Daughter" (tochter) oder "Granddaughter" (Enkelin), gar "Great-Granddaughter" (Urenkelin) reichte wohl die Besatzung nicht, schließlich mußte auch die Royal Navy zuletzt üble Personaleinbußen über sich ergehen lassen.

Und kaum hatte der stolze Prinz sich als "sehr glücklich" geoutet und seinem Erstgeborenen die neugeborene Schwester gezeigt, schossen schon wieder die Spekulationen über den Namen des Neuankömmlings ins Kraut. Genauer gesagt geht es um die Vornamen der Prinzessin, deren Nachname "Mountbatten-Windsor" schon feststeht. Den Wettbüros zufolge setzen die Briten mehrheitlich auf Alice, Charlotte und Elizabeth. Diana hingegen, der Name der tödlich verunglückten Großmutter, sei "doch ein wenig zu viel Bürde", wie der Königskorrespondent der BBC vornehm verlauten ließ. (Sebastian Borger, derStandard.at, 3.5.2015)

Siehe dazu auch die Ansichtssache in Sachen Royaler Familie

  • Das Baby hat keinen Namen. Den Wettbüros zufolge setzen die Briten mehrheitlich auf Alice, Charlotte und Elizabeth.
    foto: reuters/reuters/john stillwell

    Das Baby hat keinen Namen. Den Wettbüros zufolge setzen die Briten mehrheitlich auf Alice, Charlotte und Elizabeth.

  • Das Paar beim Verlassen des St Mary's Hospital.
    foto: reuters/plunkett

    Das Paar beim Verlassen des St Mary's Hospital.

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