Surface 3 im Test: Teurer Windows-Wandlungskünstler

3. Mai 2015, 10:20
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Gut verarbeitetes Convertible mit hohem Preispunkt überzeugt vor allem im Notebook-Einsatz

Stellte Microsoft bei seinen ersten beiden Surface-Convertibles jeweils ein "großes" Modell mit x86-Hardware und ein "kleines" Modell auf ARM-Basis und Windows RT vor, fehlte dem vergangenen Jahr präsentierten Surface Pro 3 erst einmal ein kleines Geschwisterchen. Dessen Absenz galt für viele als weiterer Indikator einer recht offensichtlichen Entwicklung. Nachdem sich alle Dritthersteller bereits davon verabschiedet hatten, kehrte auch Microsoft Windows RT den Rücken.

Freilich: Offiziell für tot erklärt wurde das von Anfang an unter einem schlechtem Stern stehende Experiment bislang nicht. Microsoft bevorzugt eine Darstellung, in der RT im kommenden Windows 10 weiter lebt. Abseits philosophischer Spitzfindigkeiten hat der Redmonder Konzern nun aber Tatsachen geschaffen und doch noch ein kleines Surface-Tablet der dritten Generation auf den Markt gebracht, das mit "echtem" Windows 8.1 läuft. Der WebStandard hat das Gerät einem Kurztest unterzogen.

foto: derstandard.at/pichler

Gut verarbeitet

10,8 Zoll misst die Bildschirmdiagonale des Surface 3, das von Microsoft als kompakter Ersatz für Tablet und Laptop beworben wird. Es löst mit 1.920 x 1.280 Pixel auf. Daraus errechnet sich eine Pixeldichte von 213,66 PPI, die Darstellung ist scharf und farbenfroh. Beim Panel hat Microsoft eine gute Wahl getroffen.

Auch die Verarbeitung gibt kaum Anlass zur Kritik. Wie gehabt setzt man auf ein Gehäuse aus einer Magnesiumlegierung. Es misst 267 x 187 x 8,7 Millimeter, insgesamt wiegt das Surface 3 rund 620 Gramm. Die Anschlüsse und Ausgänge sind sauber eingefasst. Der Kickstand ist zuverlässig angebracht und in drei Positionen nutzbar.

Neueste Einsteiger-Technik

Unter der Haube werkt der Intel Atom x7-Z8700-Prozessor, dessen vier Kerne standardmäßig mit 1,6 GHz takten, aber mit bis zu 2,4 GHz laufen können. Die beiden Standardmodelle bieten einen 64 GB-Onboardspeicher und zwei GB RAM bzw. 128 GB Speicher und vier GB RAM. Eine weitere Ausgabe, die künftig an Bildungseinrichtungen vermarktet wird, verfügt über 32 GB Speicher und zwei GB Arbeitsspeicher.

Eine Aufstockung ist bei jeder Version um bis zu 128 GB möglich, der dafür vorgesehene microSD-Slot findet sich versteckt unter dem Kickstand.

foto: derstandard.at/pichler

Universaler Ladeanschluss

Vier Ports stehen dem Nutzer weiters zur Verfügung. Neben dem obligatorischen 3,5mm-Klinkenstecker sind dies ein mini-DisplayPort, ein USB 3.0-Anschluss und ein microUSB-Anschluss, der zum Aufladen dient.

Dies hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sich das Surface 3 im Prinzip mit fast jedem Handyladegerät mit Strom versorgen lässt. Der Ladevorgang dauert über diese allerdings deutlich länger als mit dem beigelegten Charger, der bei einer Spannung von 5,2 Volt eine Stromstärke von 2,5 Ampere liefert und das Gerät in rund zwei bis drei Stunden voll auflädt. Die Ladegeräte für Smartphones bieten einen Output von einem bis 1,5 Ampere und benötigen entsprechend länger.

Für drahtlose Konnektivität bietet der flache Rechner ein WLAN-Modul (802.11ac) sowie Bluetooth 4.0. Eine LTE-Version soll folgen. Auf der Rückseite steckt eine Kamera mit acht Megapixel Auflösung und Autofokus. Auf der Frontseite prangt ein Knipser mit 3,5 Megapixel.

foto: derstandard.at/pichler

Nur zu dritt wirklich komplett

Abgebildet, im Sinne des Werbeversprechens von Microsoft, ist das Surface 3 fast immer mit dem dazugehörigen Typecover, eine per Magnetanschluss angebrachte Kombination aus Bildschirmabdeckung und flacher Tastatur, sowie einem Stift namens "Surface Pen", der für bequeme Handschrifteingabe und flotte Skizzen dienen soll. Wie auch das Surface Pro 3 bringt das Surface 3 zu diesem Zweck einen integrierten Digitizer (N-trig) mit.

Das Cover sitzt gut verhaftet am unteren Bildschirmrand. Dank einer magnetischen "Lippe" ist es etwas angehoben, was das Tippen trotz leichtem Federungseffekt angenehmer macht. Das integrierte Touchpad arbeitet zuverlässig und erkennt Multitouchgesten. Auch der Stift funktioniert verlässlich und bietet alle Features, wie man sie auch schon auf dem Surface Pro 3 vorfindet.

Allerdings: Zur Grundausstattung gehörten weder Tastaturcover noch der Surface Pen. Doch dazu später mehr.

Verlässlicher Begleiter

Der Atom-Prozessor der neuesten Generation (eingeführt wurde er zu Jahresbeginn) macht für seine Leistungsklasse eine gute Figur. Gedacht ist er für günstige Notebooks, Subnotebooks, Tablets und Convertibles, wie auch ein mit PassMark durchgeführter Benchmark veranschaulicht.

Mit der Intel Core-Serie kann er sich nicht messen, wer auf dem Surface 3 hauptsächlich Multimedia-Inhalte konsumieren und einfachen Arbeiten nachkommen will, ist gut bedient. So man das Modell mit vier GB RAM (das getestete Modell) hat, stellt auch Multitasking zwischen vielen Programmen bzw. Browsertabs kein Problem dar. Mit zwei GB RAM dürfte es hier schneller zu merkbaren Leistungseinbußen kommen.

foto: passmark

Passable Leistungswerte

Brav verrichtet die Plattform auch bei Casual Games ihre Arbeit. Selbst bei grafisch einigermaßen aufwändigen Umsetzungen von Mobile Games, etwa das Rennspiel "Asphalt 8", laufen flüssig. Nur gelegentlich sinkt die Bildwiederholrate kurz, was zu sichtbarem Ruckeln führt und signalisiert, dass die integrierte Grafikeinheit am Ende ihrer Kapazitäten angelangt ist.

Ähnlich verhält es sich mit Videos in 2K-Auflösung (zB. 2.560 x 1.440 Pixel). Hier kommt es ebenfalls, je nach Bitrate des Clips, zu gelegentlichem Stottern. Bei 4K-Inhalten ist keine flüssige Betrachtung mehr möglich. Relevant ist dies allerdings nur für die Ausgabe auf einem externen Bildschirm oder TV-Gerät, das entsprechende Auflösungen unterstützt.

Auch unter Last ist die Wärmeentwicklung des Surface 3 gering. Die Hardware wird komplett passiv gekühlt, weswegen das Microsoft-Convertible im Betrieb stets leise ist. Mit einer Akkulaufzeit, die je nach Verwendungsart zwischen fünf und neun Stunden rangiert (wobei sieben Stunden und mehr bei einer reinen Nutzung als Arbeitsgerät durchaus realistisch sind), schlägt sich das Tablet gut.

Kamera und Sound

Mit seinen beiden Kameras ermöglicht das Surface 3 sowohl Fotos als auch Selfies bzw. Videotelefonie. Wunder sollte man sich allerdings nicht erwarten. Das rückseitige Modul hat immerhin einen Autofokus, liefert aber unter guten Bedingungen bestenfalls mittelmäßige Shots. Aufgrund seines Formats ist das Surface 3 aber ohnehin nicht unbedingt prädestiniert als Kamera-Ersatz.

Das Aufnahmemodul auf der Frontseite erfüllt ihren Zweck - nicht mehr und nicht weniger und ist mit reinem Kunstlicht ähnlich überfordert wie die Hauptkamera. Beim Skypen empfiehlt es sich, das Tablet in der Hand zu halten, da das Gegenüber aufgrund der Neigungswinkel des Kickstands sonst hauptsächlich Wand bzw. Zimmerdecke zu sehen bekommt.

Die Stereo-Lautsprecher des Surface 3 hingegen gehören zum Besten, was im Tablet-Bereich bislang zu finden ist. Bei Maximallautstärke - durchaus geeignet kleinere Räume zu beschallen - treten nur leichtes Rauschen und minimal hörbare Verzerrungen auf. Übersteuerung ist nicht zu bemerken. Auch die Wiedergabe über Kopfhörer gibt keinen Anlass zur Kritik.

foto: derstandard.at/pichler

Die drei Schwächen

Gemessen an Ausstattung und Performance wäre das Surface 3 ein durchaus attraktives Produkt. Jedoch stellten schon US-Medien Probleme fest, die auch im WebStandard-Test nachvollziehbar waren.

Am wenigsten wiegt dabei das Betriebssystem. Windows 8.1 bietet eine schier unendliche Auswahl an Programmen, zumindest was Software abseits des Windows Store betrifft. Im Vergleich zu Windows RT bedeutet das einen wichtigen Vorteil.

Als Hürde bleibt allerdings, dass Windows 8 als Kombinationslösung für Touch und Desktop schlicht nicht ganz ausgegoren ist. Dies reicht von teils übermäßig tiefen Menüs der Fingeroberfläche bis zu fehlenden Einstellungsmöglichkeiten, die den Nutzer gezwungenermaßen auf den klassischen Desktop führen bis hin zum fehlenden Startmenü. Zum Teil lassen sich die Mankos mit Drittsoftware beheben, zum Teil fallen sie geübten Usern mit der Zeit weniger auf. Wirkliche Abhilfe verspricht allerdings erst Windows 10, auf dessen Release aber noch ein paar Monate gewartet werden muss.

Nur begrenzt als Tablet tauglich

Punkt zwei ist das Format des Surface 3. Das Gerät eine kurze Weile im Tabletmodus zu nutzen, stellt kein Problem dar. Für längeren Einsatz erweist es sich aber als etwas zu groß und zu schwer, auch wenn die Umstellung vom Widescreen-Format auf 3:2 ein Schritt in die richtige Richtung ist. Gemütlicher ist die Verwendung als Netbook-Ersatz, auch wenn das Display für diesen Zweck fast ein wenig zu klein ausfällt.

Dank des einstellbaren Kickstands lässt sich der Hybride in den meisten Situationen gut auf den Knien abstellen, wenn gerade kein Tisch verfügbar ist. Das Tippen am Typecover ist angenehm, auch wenn es nicht an den Komfort einer ordentlichen Chicklet-Tastatur heranreicht.

foto: derstandard.at/pichler

Teure Accessoirs

In den Genuss, das Surface 3 als kleinen Laptop mit Tablet-Option zu verwenden, kommt man jedoch nur mit dem Zukauf der Tastaturabdeckung. Diese allein schlägt mit 150 Euro zu Buche. Wer zusätzlich auch noch auf Stifteingabe setzen mag, muss weitere 50 Euro in den Surface Pen investieren, für den es weder am Tablet, noch am Typecover eine Befestigungsmöglichkeit gibt.

Belässt man es nur bei Tablet und Typecover, beläuft sich der Gesamtpreis bei der günstigeren Ausgabe des Surface 3 auf 750 Euro. In Vollausstattung mit der besseren Version kommt man bereits auf 900 Euro. Beträge, für die sich etwa auch ein ordentliches Android-Tablet und ein passabler Multimedia-Laptop kaufen lassen.

Von Alternativen umgeben

Alternativ bieten Firmen wie Acer Geräte wie das Aspire Switch 10 an. Dieses kommt zwar mit Hardware, die eine Generation älter ist, kostet aber inklusive Tastaturdock mit Festplatte rund 400 Euro. Besser ausgestattete Hybriden liegen ebenfalls deutlich unter dem Microsoft-Tablet. Last, but not least, erhält man für 950 Euro auch schon die Core-i3-Ausgabe des erheblich leistungsfähigeren Surface 3 Pro mit Typecover, das mit 12-Zoll-Display auch in Sachen Format eine bessere Figur als Laptop macht.

Die Preisgestaltung wurde von Microsoft Österreich auch mit der Euro-Schwäche der letzten Monate begründet. Tatsächlich ist das Surface 3 am US-Markt gegenüber der Pro-Ausgabe (499 zu 799 US-Dollar für das günstigste Gerät) einen guten Tick günstiger, als im deutschsprachigen Raum (599 zu 799 Euro). Hierzulande hilft dies den Kunden freilich wenig.

Fazit

Microsofts erstes kleines Surface nach Windows RT ist ein spannendes Gerät, das vor allem als portabler Mini-Laptop mit Tablet-Feature punkten kann. Einzig der vor allem durch das teure Zubehör hohe Preis verhindert eine Empfehlung, zumal die Werbebotschaft des Konzerns das Tastaturcover als praktisch unersetzlichen Bestandteil der "Surface-Erfahrung" vermarktet. (Georg Pichler, 03.05.2015)

Testfotos

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foto: derstandard.at/pichler
Hauptkamera, Kunstlicht
foto: derstandard.at/pichler
Frontkamera, Kunstlicht

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion von Microsoft für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt.

Links

Microsoft

Nachlese

Surface 3: Vorsichtiges Lob für "verwirrenden" Hybriden

Surface 3 Pro im Test: Viel Laptop, wenig Tablet

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