Noch gibt es Solidarität

Kommentar1. Mai 2015, 18:49
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Auf dem Spiel steht, was friedliche Gesellschaften trägt und zusammenhält

Die Spitzenkandidatin der schottischen Nationalpartei (SNP), Nicola Sturgeon, punktet damit im britischen Wahlkampf, auch die demokratische US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat sich das Thema auf ihre Fahnen geheftet. Beide Politikerinnen sind, auf unterschiedliche Weise, darum bemüht, als Kämpferinnen für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Wie glaubwürdig das bei Clinton ist, wird sich weisen - bei Sturgeon scheint es, zumindest laut ihren Beliebtheitswerten, zu funktionieren.

Beide kämpfen mit dem Gerechtigkeitsthema um die Stimmen des Mittelstands: Dieser fühlt sich, laut vielen Umfragen, über die Maßen zur Kasse gebeten und massiv bedroht von Arbeitslosigkeit und Verlust des eigenen Wohlstands. Gleichzeitig herrscht offenbar das diffuse Gefühl, man habe "für die Gesellschaft" zu viel zu schultern.

Das ist brandgefährlich. Auf dem Spiel steht, was friedliche Gesellschaften trägt und zusammenhält: Solidarität - zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern und letztlich zwischen gesellschaftlichen Klassen.

Herdentier Mensch

Der Mensch ist an sich ein solidarisches Wesen. Nicht weil er eine besonders nette Spezies wäre, sondern weil er ein Herdentier ist. Geht es der Herde gut, geht es uns allen gut, das ist offenbar ein Urinstinkt, der sich regt, wenn es etwa gilt, nach Naturkatastrophen zu spenden (Nepal). Auch nach der jüngsten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer waren viele Europäer empört über die Herzlosigkeit, mit der die EU die Verzweifelten im Stich ließ.

Daraus ließe sich für die Politik viel Positives ableiten: Man muss sich nicht vor rechter Hetze zu Tode fürchten, man kann zu den Prinzipien einer solidarischen Gesellschaft durchaus stehen. Allerdings sollte man auch transparent machen, wofür man das Geld (und die Solidarität) braucht, und schnörkellos darstellen, was passiert, wenn es das alles nicht gäbe: Arme vor der eigenen Haustür, Ghettos, alte Menschen, um die sich keiner kümmert. Freilich gehörte dazu auch, dass staatliche Aufgaben und überbordende Verwaltung durchforstet, Förderungen nach dem Gießkannenprinzip überdacht werden und Subvention auch dort ankommt, wo sie gebraucht wird und gerechtfertigt ist.

Eine Deutschlandtrend-Umfrage der ARD in der Vorwoche ergab übrigens, dass jeder zweite Deutsche bereit wäre, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Der Wille zur Solidarität ist da - Europas Politiker müssen sie nur abholen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 2.5.2015)

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