Daheim mit dem Nazi-Gräuel

Reportage2. Mai 2015, 17:00
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Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Wolfgang Haney Nazi-Verbrechen auf und hat eine der größten privaten Sammlungen von NS-Devotionalien zusammengetragen

Berlin - Berlin-Charlottenburg, Siedlung Eichkamp. Ruhig ist es hier, im Westen der Metropole. Viel Grün ringsum, schmucke Häuser, in einem wohnt ein rüstiger Pensionär, Wolfgang Haney. Drei Panzerschränke hat der 91-Jährige im Keller. Einer 30, die beiden anderen 20 Zentner schwer. Dort ruhen die besonderen Stücke einer auf den ersten Blick befremdlich anmutenden Galerie, die sich oben im Haus über mehrere Stockwerke ausbreitet: antisemitische Postkarten, Bierkrüge mit "Heil" -Schriftzug, Streichholzschachteln mit Nazimotiven, Akten und Dokumente der NS-Behörden, KZ-Uniformen, Zyklon-B-Behälter, Knüppel, mit denen die Gestapo die Menschen auf den Straßen oder die Gefangenen in den Verhören prügelten, und sogar ein sogenannter "Kraniometer", jenes Instrument, mit dem die Nazis im Zuge ihres Euthanasieprogramms Köpfe vermaßen. Für unbedarfte Besucher: ein Pandämonium des Gräuels. Für Wolfgang Haney: eine penibel zusammengetragene Sammlung von Nazidevotionalien - und sein Leben.

Seit mehr als 25 Jahren sammelt und kauft er aus allen erdenklichen und unerdenklichen Quellen, meistens Nachlässen. Er besitzt abertausende historische Dokumente, "weit mehr als 12.000", sagt er. Viele Artefakte drehen sich um das Vernichtungslager Auschwitz. Das für ihn schrecklichste Dokument seiner Sammlung sind die Gerichtsprotokolle des Prozesses gegen eine Frau, die aus einem Ghetto flüchtete, weil sie dort nichts zu essen hatte. Sie wurde verraten, gefangen gesetzt und vor Gericht gestellt. Am Ende wurde sie verurteilt und hingerichtet.

Licht und Leichtigkeit

Kisten, Kartons, Bücherregale: Ganze Wände sind von oben bis unten mit Papieren, Ordnern, Bildern und Fotos vollgestopft. Und doch verrät das Haus dieses Grauen, diese furchtbare Last nicht. Ganz im Gegenteil, es strahlt einen Hauch von Licht und Leichtigkeit aus. Große Fenster öffnen sich zum kleinen Garten, viele Bücher und einige Pflanzen schmücken den Raum. Auf einem Regal hinter dem Schreibtisch liegt Unterwerfung, das aktuelle Buch von Michel Houellebecq. Es ist unberührt, noch in der Plastikfolie.

Wolfgang Haney ist ein großgewachsener, standfester Mann, kein wehleidiger alter Herr. Das Jahr der Wende 1989/1990 - das war auch seine eigene Wende: Die Berliner Mauer fiel, seine Mutter starb, und er ging in Pension. "Ich fragte mich, was ich Vernünftiges machen könnte."

Es begann mit Geldscheinen

Eines Tages, als Vorsitzender einer Numismatikgesellschaft, bekam er Geldscheine des KZ Oranienburg zur Ansicht: Das war der Anfang seines neuen Lebens. Seitdem hat er alles gekauft, was er nur kaufen konnte. Es hat ihn ein Vermögen gekostet, aber er bereut es nicht, er ist stolz darauf. Wolfgang Haney hat Konferenzen abgehalten, an unzähligen Ausstellungen in Deutschland und im Ausland mitgearbeitet, hat Anerkennungen, darunter das Deutsche Bundesverdienstkreuz, und Orden erhalten. Auch in Österreich.

Und er hat mehrere Bücher geschrieben, neun insgesamt. Sieben behandeln Themen aus der NS-Zeit, denen sich zuvor niemand angenommen hat: zum Beispiel über antisemitische Vignetten und Postkarten, sogenannte Juden-Spott-Postkarten, über das Ghetto im polnischen Lódz (damals Litzmannstadt), über die Lebensmittelversorgung in den KZs und Ghettos sowie über das Lagergeld in den Konzentrationslagern.

Katholischer Vater, jüdische Mutter

Wolfgang Haney, 1924 geboren, hat als Bub die Novemberpogrome von 1938 erlebt. Seine Mutter war Jüdin und hat als Einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt. Der Vater, ein Österreicher, war streng katholisch und hat die beiden Söhne taufen lassen. Der ältere Bruder, der vor sieben Jahren verstarb, war Augenarzt.

Nach den Nürnberger Rassegesetzen waren Haney und sein Bruder "Mischlinge ersten Grades" und, weil sie eben getauft waren, Kinder aus "privilegierter Ehe". Von all den Schikanen und den Demütigungen der Nazis dennoch nicht verschont. Als "Halbjude" wurde er aus der Schule geworfen, Arbeit bekam er nicht.

Der Vater, Gottfried Haney, war 1888 im böhmischen Harrachov im Riesengebirge geboren. Damals befand sich die Gegend noch auf der Landkarte der Donaumonarchie. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er auf dem Balkan, wurde schwer verletzt und bald darauf aus der Armee entlassen. Nach dem verlorenen Krieg wanderte er nach Deutschland aus und erhielt später die deutsche Staatsbürgerschaft.

Mutter entging knapp dem KZ

Als Kapellmeister und Musiklehrer gründete er eine Musikschule. Nach der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 wurde die Schule geschlossen - weil er eine Jüdin geheiratet hatte und sich weigerte, sich von ihr zu trennen. Der Vater, obwohl "Arier", wurde in ein Arbeitslager bei Buchenwald deportiert, wo er Blindgänger abtransportieren musste. "Von dieser Zeit und auch von der Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg hat er nie gesprochen", erzählt Haney. Die Mutter entging knapp dem KZ und dem Tod. Als sie von der Gestapo eine "Vorladung" erhalten hatte, flüchtete sie. Haney und ein paar andere Freunde brachten sie in einen Wald in Rehfelde, 30 Kilometer östlich von Berlin. Dort überlebte sie einige Wochen, vergraben in einem Erdloch neben einem Baumstumpf.

Bis zum Ende des Krieges versteckt

Später bauten ihr die Buben ein "besseres Domizil", wie Haney es nennt. Eine Holzhütte, wo sie sich ein Jahr lang - bis zum Ende des Krieges im Jahr 1945 - ohne Strom oder Wasser versteckte und überleben konnte. Jeden Samstag brachte ihr Sohn Wolfgang etwas zu essen, das Nötigste, "was man damals halt kriegen konnte".

Jedes Mal hatte er furchtbare Angst, erwischt zu werden. Bei jedem Schritt, jedem Geräusch im Wald fürchtete er, es könnte die Gestapo sein, die ihm folgte. "Es wäre dann das Ende für uns alle gewesen."

Doch die Mutter konnte dank ihres Sohnes als Einzige in ihrer Familie überleben. Alle anderen Verwandten ihrer Familie sind in einem KZ ermordet worden. Von ihrem Bruder, der vor dem KZ zuerst ins Ghetto von Lódz deportiert wurde, blieb ihr nur ein Brief, den er während des Transports geschrieben hatte.

Nach dem Krieg hat Haney als Diplombauingenieur in verschiedenen Firmen, darunter Siemens, gearbeitet und ist später beim Berliner Stromversorger Bewag gelandet. Seine erste Frau, mit der er einen Sohn hat, starb an Krebs, seine zweite Frau brachte zwei Kinder in die Ehe mit. Auch die Familie seiner zweiten Frau, einer ungarischen Halbjüdin, die vor ein paar Jahren gestorben ist, wurde im Holocaust vernichtet: 24 ungarische Juden insgesamt.

Pflicht gegenüber den Opfern

Bis heute will sich Haney von seiner Sammlung nicht trennen. Dieses unschätzbare Gut, das er in seinem Haus hütet, wird eines Tages sein Sohn erben. Er selbst hat die zahlreichen Kaufangebote für seine Sammlung allesamt abgelehnt. Sie ist sein Leben und sein Vermächtnis, auch wenn er sich gut vorstellen kann, dass sie eines Tages in einem Museum oder im deutschen Bundesarchiv untergebracht wird. Er betrachtet seine Sammlung als seine Pflicht gegenüber den Opfern, aber auch an den Überlebenden des Holocausts, ein Tribut an alle, die verfolgt, entrechtet, entwürdigt und ermordet wurden. Verkaufen will er seine Sammlung nicht: "Geld interessiert mich nicht."

Vielmehr möchte er den Opfern eine moralische Entschädigung bieten, das ist sein Anliegen. "Meine Familie ist zwölf Jahre lang verachtet, verfolgt und vernichtet worden, ich habe es als Überlebender als meine Pflicht empfunden, die neuen Generationen zu informieren." Aus diesem Grund und aus diesem Schmerz heraus hat Wolfgang Haney auch Auschwitz nie besuchen wollen: "Dort sind alle meine Verwandten ermordet worden, ich konnte es nicht." (Flaminia Bussotti, DER STANDARD, 2.5.2015)

  • Seit Jahren lebt Wolfgang Haney gemeinsam mit tausenden Zeitzeugen aus der NS-Zeit.
    foto: benjamin pritzkuleit

    Seit Jahren lebt Wolfgang Haney gemeinsam mit tausenden Zeitzeugen aus der NS-Zeit.

  • Jedes Stück erzählt  von millionenfachem Leid. Leid, das auch ihm und seiner Familie  widerfahren ist.
    foto: bussotti

    Jedes Stück erzählt von millionenfachem Leid. Leid, das auch ihm und seiner Familie widerfahren ist.

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