Türkei: Protest und Tränengas zum 1. Mai

1. Mai 2015, 17:33
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Polizei setzt Demonstrationsverbot in Istanbul durch

Istanbul - "Was sollen sich die Europäer denken, was die Touristen?", fragt Mustafa Sarigül auf dem Barbaros-Boulevard im Istanbuler Stadtteil Besiktas stehend, vor ihm eine Reihe von Zivilpolizisten mit Knüppeln, hinter ihm die Gewerkschaftsanhänger mit roten Fahnen. Die Regierung habe wieder mit aller Macht ihren Kopf durchsetzen wollen, sagt der ehemalige Bürgermeisterkandidat der sozialdemokratischen Opposition. Und die Touristen rollen ihre Koffer kilometerweit an Polizeiabsperrungen vorbei: Es gibt keine Taxis und keine U-Bahn im Zentrum von Istanbul am 1. Mai, rund um den Taksim-Platz; Menschen sind dort auch nicht erlaubt.

Harte Bandagen

Mehr als 200 Menschen wurden ferstgenommen. In der Anfangszeit ihrer Regierung hat die konservativ-islamische AKP des heutigen Präsidenten Tayyip Erdogan den Taksim-Platz in Istanbul wieder für die Mai-Kundgebungen freigegeben, was als Zeichen für die Liberalisierung in der Türkei verstanden wurde. Seit der autoritären Wende im Land wünscht Erdogan keine Mai-Kundgebungen mehr im Istanbuler Zentrum. Als es am Freitag einem Häuflein Gewerkschaftern gelingt, kurz die Sperren von 10.000 Polizisten zu durchbrechen und den Taksim-Platz zu betreten, wird es sofort niedergerungen und abgeführt. Wasserwerfer und Tränengas werden den ganzen Tag über eingesetzt.

"Wir sind alle blond"

Ankaras AKP-Bürgermeister Melih Gökçek feierte auf Twitter die Ausschreitungen in Baltimore und griff dabei die Sprecherin des State Department, Marie Harf, an: "Wo bist du, dumme Blonde, die die türkische Polizei beschuldigte, exzessive Gewalt anzuwenden?" US-Botschafter John Bass verbreitete daraufhin über Instagram ein Foto, das ihn mit blonden Haaren zeigte, und dem Slogan "Wir sind alle blond." (Markus Bernath, DER STANDARD, 2.5.2015)

  • Zusammenstöße in Istanbul: Die neuen Sicherheitsgesetze erlauben der türkischen Polizei auch den Einsatz von scharfer Munition
    foto: ap / emrah gurel

    Zusammenstöße in Istanbul: Die neuen Sicherheitsgesetze erlauben der türkischen Polizei auch den Einsatz von scharfer Munition

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    foto: apa/epa/tolga bozoglu
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