Nun nimmt sich Häupl den Finanzminister vor

1. Mai 2015, 17:46
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Lehrer waren gestern: Kanzler und Bürgermeister forderten gerechtere Löhne und Millionärssteuer, dazu gab es Seitenhiebe auf Schelling

Wien - Der Andrang auf dem Wiener Rathausplatz war am 1. Mai auch schon heftiger - und das, obwohl die Genossen heuer zum 125. Mal zum Tag der Arbeit aufmarschieren und die SPÖ von Bürgermeister Michael Häupl bald Wahlen zu schlagen hat. Im angrenzenden Park schimpfen unter dem wolkenvergangenen Himmel ein Pensionist und ein Augustin-Verkäufer über die ausbleibenden roten Massen. "Alles leer da! Wo sind die Leut'? Die hau'n eana olles z'amm, die ganzen Lehrer!", entrüstet sich der Ältere.

Biker, Sektionen und auch Lehrer

Ganz so schlimm ist es nicht. Zwar hat der Zentralverein der Wiener LehrerInnen angesichts Häupls aufsehenerregender Arbeitsbilanz in Anspielung auf die Pädagogen ("Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig") dem Stadtoberhaupt die Gefolgschaft verweigert, doch ihre Vertreter in der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter sind sehr wohl mit dabei, genauso wie sämtliche Sektionen, die Rauchfangkehrer, die Kurden, die roten Biker Wiens. Bei der Rathaustribüne, wo Kanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann winkt und Häupl unverdrossen ein Tüchel schwenkt, schallt es zudem wie ein Schlachtruf aus den Lautsprechern, dass "Doktor Michael Häupl ein G'spür für Wien hat".

Rote Spitzen gegen Schelling

Und deswegen hat sich die SPÖ hier und heute einen neuen Gegner auserkoren - vor allem den Finanzminister der ÖVP. ÖGB-Boss Erich Foglar stellt in Richtung Hans Jörg Schelling klar, dass man es nach der endlich zustande gebrachten Steuerreform sicher nicht zulassen werde, dass jetzt wieder "der Gürtel enger geschnallt wird" und dabei Privatangestellte und öffentlich Bedienstete "auseinanderdividiert" werden. Dazu gibt es ein Versöhnungsangebot an die verprellten Lehrer, denn Foglar erklärt auch: "Zwei Stunden mehr Unterrichtszeit ist nicht die Bildungsreform, die wir brauchen!" Das bringt tosenden Applaus.

Als der Bürgermeister ans Rednerpult tritt, wagt sich erstmals nicht nur die Sonne hinter den Wolken hervor, seine Stellvertreterin Renate Brauner beschwört neben Häupls "G'spür für Wien" auch noch sein "Herz" und "Hirn". Wenn auch schaumgebremster als sonst fordert der Bürgermeister "den Finanzminister", der über eine Mitsprachemöglichkeit bei Investitionen der Länder nachgedacht hat, in seiner Rede auf: "Lassen Sie uns einfach unseren Job machen!" Denn: "Wir wissen, was wir zu leisten haben, um die Zukunft in dieser Stadt zu sichern!" Beim Bildungssystem, beim Gesundheitssystem wie beim Wohnbau.

Bei Feldarbeit zuschauen

Für all das brauche es freilich eine Millionärssteuer - und dann, so Häupl spitz weiter, könne "der Finanzminister" sicher sein, dass auch seine Enkelkinder in einer ganz wunderbaren Stadt leben. "Auch wenn sie dann gelegentlich hinausfahren in das Weingut nach Niederösterreich, das sie geerbt haben von Ihnen, um dort bei der Feldarbeit zumindest zuzuschauen, damit sie wissen, wie Arbeit ausschaut".

Der Kanzler verlegt sich vor allem darauf, die paktierte Steuerreform zu loben - und das, wo doch der Koalitionspartner "vor einem Jahr noch erklärt hat, das mit der Lohnsteuer runter, das geht gerade nicht!" Aber mithilfe der Gewerkschaft habe man die anstehende Entlastung sehr wohl zusammengebracht. Nun aber gelte es, sich für all jene einzusetzen, "die schuften, aber dafür nicht ausreichend bezahlt werden" - und auch für eine sechste Urlaubswoche.

Fehlendes G'spür

Einzig die Jungsozis konterkarieren die inbrünstigen Gelöbnisse mit einem Plakat. "Einsparungen statt Vermögenssteuern?", steht da drauf, dazu der Befund: "Für linke Politik fehlt euch a G'spür." (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 2.5.2015)

  • Wiens Bürgermeister Michael Häupl legte sich am 1. Mai mit dem Finanzminister an: "Lassen Sie uns einfach unseren Job machen!"
    foto: robert newald

    Wiens Bürgermeister Michael Häupl legte sich am 1. Mai mit dem Finanzminister an: "Lassen Sie uns einfach unseren Job machen!"

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