Alan Rickman: "Ich mache mir gerne die Hände schmutzig"

Interview2. Mai 2015, 17:00
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In "Die Gärtnerin von Versailles" soll eine Frau den Hof von Louis XIV. verschönern. Regisseur und Mime Alan Rickman über nächtliches Zeremoniell und Produzenten als moderne Sonnenkönige

Wien – Was sich der König von Frankreich in den Kopf setzt, hat zu geschehen. Dann wird auf dem Sumpfland von Versailles ein Schloss gebaut, und auch der dazugehörige Barockgarten muss das neue Maß der Dinge sein. Die Landschaftsgärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet) soll deshalb für den königlichen Chefarchi tekten André Le Nôtre (Matthias Schoenaerts) ein Boskett errichten, einen in diese strenge Ordnung eingebetteten Ballsaal unter freiem Himmel. Mit ihren unkonventionellen Methoden muss sie sich nicht nur gegen die männlichen Kollegen durchsetzen, sondern auch am Hof gegen Vorurteile und Intrigen ankämpfen. Mit Die Gärtnerin von Versailles (A Little Chaos) inszeniert Alan Rickman, der auch die Rolle von Louis XIV übernommen hat, ein emanzipatorisches Liebesdrama in historischem Gewand.

Standard: "Die Gärtnerin von Versailles" ist Ihre zweite Arbeit als Filmregisseur nach "The Winter Guest" mit Emma Thompson. Sie haben seither für die Bühne inszeniert, Theater gespielt und zahlreiche Rollen fürs Kino übernommen. Warum haben Sie siebzehn Jahre lang keinen Film gedreht?

Rickman: Harry Potter ist schuld. Als nach The Winter Guest die Potter-Serie vorbereitet wurde, war nicht klar, über welchen Zeitraum sich das ganze Unterfangen erstrecken würde. Ich ahnte damals nicht, dass ich zehn Jahre lang in dieser Serie drinstecken werde. Auch wenn es für mich immer nur ein paar Wochen Dreharbeiten pro Jahr bedeutete, hatte ich keine Zeit für einen eigenen Film. Aber ich hielt mit Theaterinszenierungen sozusagen die Muskeln warm. Und endlich war ich wieder frei.

Standard: Historienfilme werden für das Publikum oft attraktiver gemacht, indem man ihnen ein modernes Thema hinzufügt. Hier ist es der emanzipatorische Kampf der Gärtnerin. Ist das eine Vorgabe, die man sich auferlegt, wenn man sich einem historischen Stoff nähert?

Rickman: Drehbuchautor Jeremy Brock (Der letzte König von Schottland) und ich haben uns zwar eingebracht, aber im Grunde stammt das Buch von Alison Deegan – es erzählt die Geschichte aus einer sehr weiblichen Perspektive. Sie hat Sabine De Barra einfach erfunden. Es wäre undenkbar gewesen, dass eine Frau als Landschaftsarchitektin arbeitet. Mit Glück hätte sie als Hofdame den ganzen Tag nichts zu tun gehabt, ansonsten hätte sie in Versailles die Böden geschrubbt. In dieser Hinsicht ist der Film eine moderne Parabel. Das private Glück mit André Le Nôtre (Matthias Schoenaerts), das wir ihr angedichtet haben, erlangt sie eigentlich nur, weil sie sich vorher beruflich behauptet. Obwohl Deegan die Geschichte von Versailles natürlich ausgezeichnet kennt, verfährt sie mit dieser recht eigenwillig. Le Nôtre war zu diesem Zeitpunkt ein alter Mann, und der König saß im Rollstuhl.

Standard: Er war jedoch ein guter Tänzer. Gérard Corbiau hat dieser Leidenschaft mit "Der König tanzt" einen eigenen Film gewidmet.

Rickman: Allerdings, er tanzte hervorragend. Er gründete die Königliche Akademie des Tanzes und liebte das Ballett. Man könnte sagen, er hat es erfunden.

Standard: Im Gegensatz zur fiktiven Hauptfigur existiert von Louis XIV das sehr starre Bild des absolutistisch regierenden Sonnen königs. Sie gestehen dem starken Herrscher aber durchaus auch eine gewisse Sanftheit zu.

Rickman: Wenn ich eine Szene spiele, in der es um Verlust und Trauer geht, wie etwa jene, in der Louis erfährt, dass seine Frau gestorben ist, dann sind diese Gefühle einfach da. Ich pflanze in solchen Szenen einer Figur keine Emotionen ein, sondern ich spüre sie und lasse sie wirken. Ich brauche dann nur den entsprechenden Text zu sprechen, den Rest erledigt das Kinopublikum.

Standard: Wie viel historische Wahrheit haben Sie Louis XIV zugestanden?

Rickman: Ich gehe von dem aus, was ich im Drehbuch finde. Bei einer historischen Person bereitet man sich aber natürlich vor. Ich habe zum Beispiel gelesen, dass jede Frau, die mit Louis die Nacht verbracht hat, danach auf ihr Zimmer zurückgekehrt ist. Er ist also immer allein aufgewacht, das heißt, wenn man von den bis zu sechzig Männern absieht, die ihm abwechselnd beim Schlafen zugeschaut haben. Das war natürlich auch eine ausgeklügelte Maß nahme, um einer möglichen Verschwörung vorzubeugen, denn die Männer mussten sich auch gegenseitig beobachten.

Standard: Der Film erzählt von der Macht der Autorität, aber auch von der damit verbundenen Einsamkeit. Ist das nicht auch ein wenig ein Wunschbild der Armen und Machtlosen?

Rickman: Die Wirklichkeit ist doch noch um einiges schlimmer! Die Macht von Louis XIV kann im Film ja nicht ansatzweise gezeigt werden. Er hat seinen im Prunk badenden Finanzminister aus Neid lebenslang ins Gefängnis geworfen. Und einsam sind wir doch alle irgendwann.

Standard: Die Arbeit von Sabine De Barra erinnert in gewisser Weise an eine Filmproduktion. Auch sie hat ein ziemlich knappes Budget, einen strengen Zeitplan, steht unter Erfolgsdruck und muss dabei auch noch kreativ sein.

Rickman: Manchmal half mir die Vorstellung, meine Produzenten als Sonnenkönige zu sehen, die das Treiben um sie herum bezahlen. Ich hingegen mache mir wie Sabine De Barra gerne die Hände schmutzig. Was den direkten Vergleich mit Versailles betrifft: Das Ergebnis unserer Unternehmung ist vom Maßstab etwas kleiner ausgefallen. (Michael Pekler, DER STANDARD, 2./3.5.2015)

Jetzt im Kino.

Alan Rickman (69) ist ein britischer Schauspieler und Regisseur. Der Durchbruch in Hollywood gelang ihm 1988 als Bösewicht in "Stirb langsam". Er spielte u. a. in "Sinn und Sinnlichkeit". Mit der Rolle des zwielichtigen Severus Snape in der Harry-Potter-Serie erlangte er internationale Berühmtheit.

  • Eine derart prominente Gärtnerin hätte  es unter der Herrschaft von Louis XIV in Wahrheit nie geben können: Regisseur und Darsteller Alan Rickman neben Kate Winslet in seinem Kostümfilm "Die Gärtnerin von Versailles".
    foto: tobis

    Eine derart prominente Gärtnerin hätte es unter der Herrschaft von Louis XIV in Wahrheit nie geben können: Regisseur und Darsteller Alan Rickman neben Kate Winslet in seinem Kostümfilm "Die Gärtnerin von Versailles".

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