Wie die Literatur zu mir kam

Kommentar1. Mai 2015, 17:51
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Ich rechnete mit nichts und bekam alles. Danach schrieb ich wie wild

Es gibt Momente, die Potenzial haben, plötzlich und unwiederbringlich den Lauf der bisherigen Geschichte zu verändern. Geschrieben hatte ich schon als Kind. Elendslange Fantasyromane voll junger Liebespaare ohne Eltern. (Rückschlüsse auf das von meinen gestrengen Eltern verhängte damalige Ausgehverbot sind keineswegs angebracht). Zu meinem größten Glück blieb mir und der Umwelt eine Publikation erspart. Dann hatte ich endlich den ersten Freund. Schreiben war vergessen, was gleich mehrere Theorien von Freud bestätigte. Jahre später blätterte ich durch Falter-Anzeigen. Da war dieser Wettbewerb. "schreiben zwischen den kulturen". Abgabe: diesen Abend.

Ich studierte Malerei, Schreiben war nicht mehr als Echo einer mittelglücklichen Kindheit. Dennoch regte sich etwas. Ich hetzte mit Pinseln im Haar zur edition exil. In der Hand ein zerknittertes, schief bedrucktes Papier mit Fettfleck. Das letzte Blatt im Drucker. Nur zehn Minuten später wäre das Büro verlassen gewesen und meine literarische Zukunft mit ihm. Eine rothaarige Frau mit buntem Schmuck saß an ihrem Schreibtisch, sah genau genommen zwischen hohen Papierstapeln hervor, und als sie aufstand, änderte sich daran nur wenig, der Tisch war Basis einer ganzen Textflut.

Wir sahen uns über die Blatttürme hinweg an, wir trugen beide roten Lippenstift, lächelten mit unseren roten Lippen, ich übergab mein Kasblattl und ging. Ich rechnete mit nichts und bekam alles. Danach schrieb ich wie wild. Bestätigung ist ein kraftvoller Trigger. Auch heuer gaben Schreibende Texte ab.

Auch heuer werden neue Stimmen ihren Weg finden. Mit der Schriftstellerei ist es wie mit dem Sprachenlernen: man wächst langsam hinein, Tag für Tag. Irgendwann fragt man nicht mehr, wie es weitergeht. Man weiß es. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 2./3.5.2015)

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