Hauptsache kein Goethe

Kolumne1. Mai 2015, 17:00
2 Postings

Österreich schwenkt zur Zentralmatura über

Nächste Woche kriegen wir jetzt endlich die Zentralmatura. Vieles ist offen, eines ist fix: Wenn die ersten Zentralmaturanten bei der Zentralmatura gleich gut abschneiden wie das Bildungsministerium bei der Vorbereitung der Zentralmatura, dann ist ein Notendebakel programmiert.

Kritiker werfen der Zentralmatura vor, dass sie die Literatur aus den Schulen hinausbugsieren will. Das ist nicht ganz fair. Man muss mit der Zeit gehen. Drei Viertel der Jugendlichen haben nach jahrelanger Beschäftigung mit "sozialen Medien" die Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege. Da darf man ihnen keine dicken Romane mehr zumuten, sondern nur noch "Textsorten", je kürzer, desto lieber.

Gegen einen gehaltvollen Tweet kann der Mann ohne Eigenschaften ohnehin einpacken. Dazu passt auch, wenn die Lehramtsstudenten in Germanistik künftig die Literatur als Prüfungsgegenstand abwählen können, frei nach dem Motto: "Fragen Sie mich bitte nicht nach Goethe – ich bin nur Deutschprofessor."

Bei der technischen Abwicklung gibt’s auch ein kleines Hoppala, weil das Bildungsministerium keine einheitlichen Beginnzeiten verordnet hat, was vielleicht gewisse Schummelmöglichkeiten eröffnet. Macht nix, sagen die Experten. Dass landesweit irgendein Schüler ein Handy in die Klasse schmuggelt und Fragestellungen nach außen beamt, ist so gut wie ausgeschlossen (Jugendliche haben ja nur selten Handys). Ganz großes Ehrenwort!

Wenn’s aber doch einer schaffen sollte und die Angaben um Viertel nach acht samt 20.000 Likes auf Facebook stehen, dann haben wir ein Problem. Es kann schließlich nicht eine Gruppe von privilegierten Spätbeginnern besser über die Textsorten informiert sein als die anderen Maturanten.

In diesem Fall würde nur noch eine schnelle Notaktion helfen. Die Lehrer könnten etwa – Modell Untersuchungsauschuss – alle Angabezettel nachträglich schwärzen, damit jeder Schüler zuverlässig gleich wenig weiß.

Eine andere, nachhaltigere Möglichkeit: Wir schaffen die ganze vermaledeite Reifeprüfung samt Bildungsministerium und Bifie gleich überhaupt ab und schicken das ersparte Geld nach Klagenfurt. Die Kärntner können das brauchen. Stattdessen führen wir flächendeckend die burgenländische Matura ein: acht Jahre Volksschule, Führerschein und Tanzkurs. Die hat auch ihre Meriten und ist logistisch nicht einmal halb so lästig. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 2./3.5.2015)

Share if you care.