"Und über mir Tracey"

4. Mai 2015, 16:57
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Der Autor, Witzezeichner und Musiker Tex Rubinowitz malt Schwarz und weitere 33 Verliererinnen und Verlierer des Song Contest

Man versteht zunächst: Tex allein im Keller, sonst nur Bahnhof – und Eurovision Song Contest (ESC): "34 'Nuller' gab es, richtige 'Nuller' erst ab 1975 mit dem neuen Zwölf-Punkte-System. In Österreich haben wir drei 'Nuller': Wilfried, Thomas Forstner und – die kennt kaum jemand – Eleonore Schwarz 1962", sagt Tex Rubinowitz stakkatoartig: "Sieht aber super aus!"

Der Mann, der auf der Terrasse der Restauration des Leopold-Museums sitzt, spricht schneller, als man ihm folgen kann. Also noch einmal von vorn: In der zunehmenden ESC-Euphorie hat sich der schon lange als ESC-Fan bekennende Rubinowitz über die an diesem Großevent Gescheiterten hergemacht und die 34 Verliererinnen und Verlierer ("Nullpunkter") der 59-jährigen Song-Contest-Geschichte "in zwei Tagen, wie im Rausch" in Öl gemalt.

In einer grünen, laut Rubinowitz "Internest" genannten Transportkiste hat er die erste Tranche dieser handlichen Holzikonen des Scheiterns kurz zuvor selbst von zu Hause mit einer Rodel ins Leopold-Museum gefahren und seine Werke bis in den zweiten Stock geschleppt, bevor sie im Keller wieder aufgehängt werden. "Über mir Tracey", schreibt er später in einer Mail und meint damit die aktuelle Tracey-Emin-Ausstellung einen Stock darüber. Nein, chronologisch hat er nicht gemalt, am liebsten die Loser aus den 50er- und 60er-Jahren, aber alle zusammen farbig: "Auch Frau Schwarz, die ist rosa!" Aber noch mehr als Schwarz liegt ihm Thomas Forstner am Herzen, weswegen Die Mäuse, Rubinowitz' Band, in einer erweiterten Combo am 18. Mai im MQ das Venedig im Regen-Desaster musikalisch rekonstruieren werden.

In einem Land, das seine Sieger auf monströse Art liebt, konnte sich Forstner, Ex-Sängerknabe, der 1989 19-jährig Platz fünf belegte und zwei Jahre später zum "Nuller" wurde, nur noch in Deutsch-Wagram verstecken: "Dass er in Rom über Venedig sang, war eine blöde Konstellation, und auch noch über Regen", erklärt Rubinowitz, der das Lied gut fand: "Aber Forstner hatte diese groteske Frisur, die im Regen sofort zusammensackt." Da lässt sich vieles reininterpretieren. Und Rubinowitz liebt solche Assoziationsketten.

Er fing an, sich für den ESC zu interessieren – klar –, als ihn alle anderen schrecklich fanden. Damals wohnte er in einer WG und saß dort an Song-Contest-Abenden allein im Nebenzimmer, weil er die ironische Brechung durch die Meta-Moderationen von Stermann und Grissemann nicht wollte. Hat er sich deshalb über die Jahre zum ESC-Orakel gemausert?

Die Botschaft ist die Message

"Dafür muss man", sagt er bescheiden, "nur ein bisschen sensorisch unterwegs sein." Lena (Deutschland, 2010) wusste er, Loreen (Schweden, 2012), Rybak (Norwegen, 2009) und natürlich Conchita, mit der er "ein bisschen ein Problem" hat, weil er "so super ehrgeizige Leute nicht so mag", aber das wiederum passt gut für einen, der gängigem Schwarmverhalten grundsätzlich aus dem Weg schwimmt. Mit Conchita sei der ESC trotzdem in eine neue Phase eingetreten, in der nicht ein bestimmter Song, sondern eine bestimmte Botschaft die Message ist.

Deswegen wird er die finnischen Teilnehmer aus dem aktuellen Jahrgang auch nie malen müssen. Mit Pertti Kurikan Nimipäivät – Rubinowitz spricht die Wortwurst makellos lässig aus (und gibt auch zu, dass er das geübt hat) –, was übersetzt so viel heißt wie "Bertls Namenstag", wird eine Punkband, bestehend aus drei mit Downsyndrom und einem Autisten, laut Tex-Orakel "ziemlich gut abschneiden".

Dass Rubinowitz einen Hang dazu hat, Siegesformeln zu knacken, beweist das vergangene Wettlesen in Klagenfurt, wo er dann nicht als Wettschwimmsieger aus dem Wörthersee hervorging, sondern als Bachmannpreisträger. Ihm, dem schnell langweilig wird, weswegen er eben nicht nur Zeichner, nur Autor oder nur Musiker ist, geht es eher um das Unwägbare, um das Spiel. Und die Rubinowitz-Assoziationsmaschine macht munter weiter: Als Kind hat er nicht, wie die anderen, Fußball gespielt, sondern ist immer schon viel geschwommen: "Und beim Schwimmen bist du allein. Da macht man sich viele Gedanken." Zum Beispiel den: Wenn die preisverdächtige Karen Köhler nicht an Windpocken erkrankt und zum Klagenfurter Wettlesen angetreten wäre, wäre die ganze Siegesarithmetik durcheinandergeraten.

"Das Scheitern sitzt auch hier bei uns am Tisch"

Wettlesen, Conteste, Verlierer: Ist die Angst vor dem Scheitern ein Motor? "Schau", sagt Rubinowitz, schaut einen dabei an, und man kapiert, warum der Mann niemals telefonieren will, sondern immer von Angesicht zu Angesicht reden: "Ich habe kein Problem, wenn ich scheitere." Er kalkuliert es immer schon ein: "Das Scheitern sitzt auch hier bei uns am Tisch", sagt er. Ein Schüler mit sieben Fünfern. Mehr Scheitern geht nicht. Er, der Vielbegabte, versucht zu erklären, warum er gerne "den Ball flachhält" und "alles nicht so bierernst" nimmt. Vielleicht, weil der Vater früher seine Zeichnungen zerrissen hat, wenn er sie ihm gezeigt hat. Die vielen Bühnen als Art Selbstschutz. So oder so ähnlich: "Man kann nicht so weit runterfliegen", sagt Rubinowitz, der auch schon mit Rotwein und Käse beworfen wurde.

Das Mikrofon gibt einem Macht: "Es ist der Strohhalm, an dem ich mich festhalte, aber ich kann damit den Verlauf des Abends bestimmen." 1994 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne, im Wiener Gasthaus Vorstadt, da war sogar Falco dabei: "Das Adrenalin schießt ein, wenn man nicht scheitert!" Rubinowitz sagt: abluust.

Inzwischen hat Rubinowitz jede Bühnenscheu verloren: "Das lernt man, aber es gibt auch Leute, die sich mehr entblößen." Wenn er erzählt, wie prüde er war, sagt er: "Das kommt auch in Irma vor", seinem Roman, der im Frühjahr erschienen ist und mit dessen erstem Kapitel er den Bachmannpreis gewonnen hat. Und erzählt weiter von seiner Mutter, und davon, wie es ist, wenn Mütter die Bücher ihrer Kinder lesen: "Wenn ich jetzt beim Schreiben die Hosen runterlasse, dann ist das wiederum eine Art Emanzipation von ihrer Freizügigkeit." Mit der sie den damaligen Tex, der eigentlich Dirk hieß, aber immer nur "Sputnik" genannt wurde, provozieren konnte.

Aber bitte zurück zum Thema: Jemals überlegt, beim ESC selbst anzutreten? "Ja", sagt Rubinowitz, "aber nicht als Interpret, sondern als Strippenzieher." Daran ist er bis jetzt gescheitert, aber das ist nicht schlimm. Als Nächstes will er ein Theaterstück schreiben, für Mavie Hörbiger und Gregor Bloeb: "Es gibt noch nichts", verrät die Assoziationsmaschine, "nur Idee und Titel." Und jede Menge Assoziationsketten. Aber die sind eine andere Geschichte. "Zahlen bitte", sagt Tex Rubinowitz am Ende. Keine Rechnung, danke: "Macht nur schlechtes Karma!" (Mia Eidlhuber, Album, DER STANDARD, 2./3.5.2015)

Tex Rubinowitz (geboren 1961) ist Zeichner, Musiker und Autor, von ihm erschien zuletzt "Irma", Rowohlt-Verlag 2015.

"The Nul-Pointers", von 8. Mai bis 1. Juni im Leopold-Museum.

Die Mäuse spielen am 18. Mai "Venedig im Regen" im Museumsquartier.

  • Der vielbegabte Tex Rubinowitz malte 34 "Nullpunkter", die von 8. Mai bis 1. Juni im Leopold-Museum zu sehen sind. "Nur in der Wiener Luft" hieß der Song der  Operettensängerin Eleonore Schwarz, die beim ESC 1962 für Österreich auf dem letzten Platz landete.
    foto: leopold museum

    Der vielbegabte Tex Rubinowitz malte 34 "Nullpunkter", die von 8. Mai bis 1. Juni im Leopold-Museum zu sehen sind. "Nur in der Wiener Luft" hieß der Song der Operettensängerin Eleonore Schwarz, die beim ESC 1962 für Österreich auf dem letzten Platz landete.

  • Von links: Rubinowitz, Gerhard Potuznik, Ana Threat, Mia Zabelka und Philipp Quehenberger.
    foto: die mäuse

    Von links: Rubinowitz, Gerhard Potuznik, Ana Threat, Mia Zabelka und Philipp Quehenberger.

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