Nepal: Kein Kontakt zu rund 1.000 Europäern

2. Mai 2015, 11:21
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Einäscherung der geborgenen Leichen angeordnet - Hoffnung auf Überlebende schwindet - Keine Hinweise auf verletzte oder tote Österreicher

Kathmandu – Eine Woche nach dem schweren Erdbeben in Nepal hat die EU-Kommission die Europäer zu einer Erhöhung ihrer Hilfen aufgerufen. Er appelliere an die EU-Staaten, ihre Unterstützung für die Menschen in dem Himalaya-Land noch zu verstärken, sagte der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe, Christos Stylianides, der Zeitung "Die Welt" vom Samstag.

Die EU-Kommission plane bereits ihre Hilfe aufzustocken. Die Such- und Rettungsphase sei vorbei. Neben Nahrungsmitteln und sauberem Wasser würden nun dringend Zelte, Decken, Hygieneartikel und Generatoren, aber auch mobile Krankenstationen, Schwestern und Ärzte benötigt. Stylianides warnte zugleich vor dem Ausbruch von Krankheiten wie Cholera und schweren Durchfallerkrankungen.

Probleme beim Zoll

Der Zoll am einzigen internationalen Flughafen in der Hauptstadt Kathmandu verzögere die Verteilung von Hilfsgütern, kritisierte der Vertreter der Vereinten Nationen, Jamie McGoldrick, am Samstag. Bisher seien lediglich Planen und Zelte von den Einfuhrzöllen ausgenommen worden.

McGoldrick forderte die weitgehende Aufhebung von Zollbeschränkungen, denn die Hilfsgüter dürften sich nicht am Flughafen stapeln, sondern müssten schnellstmöglich zu den Bedürftigen gelangen.

Aus den USA wurden Soldaten und Hubschrauber erwartet, die Hilfsgüter auch abgelegene Regionen bringen sollten. Dorthin gelangten bisher kaum Hilfen, da die Straßen oft unpassierbar geworden sind und es zu wenige Lkw und Fahrer gibt. Ein Manager des Unternehmens Nepal Food sagte: "Obwohl unsere Getreidespeicher gefüllt sind und wir reichlich Nahrungsmittel haben, können wir die Auslieferung nicht beschleunigen." Zwar hätten Hubschrauber Instant-Nudeln und Kekse über den entlegenen Bergregionen abgeworfen, doch würden dort Reis und andere Nahrungsmittel benötigt, um richtige Mahlzeiten zu kochen.

Finanzminister Ram Sharan Mahat kritisierte, es würden oft die falschen Lebensmittel nach Nepalgeschickt. "Wir haben Sachen wie Thunfisch und Mayonnaise erhalten. Was soll das? Wir benötigen Getreide, Salz und Zucker", sagte Mahat.

Europäer vermisst

Nach dem Erdbeben in Nepal gibt es keine Lebenszeichen von etwa tausend Europäern. Die meisten der Betroffenen seien zum Wandern im abgelegenen Langtang-Gebirge im Himalaja unterwegs gewesen, sagte die EU-Botschafterin in Nepal, Rensje Teerink, am Freitag in Kathmandu. Keine Hinweise gibt es indes auf verletzte oder tote Österreicher, sagte Außenministeriumssprecher Martin Weiss.

Inzwischen seien aber bereits 60 bis 70 Personen aus den betroffenen Gebieten wieder ausgereist. Sie verließen das Land entweder mit kommerziellen Flügen oder kamen bei Rückflügen von Maschinen, die zuvor Hilfsgüter nach Nepal brachten, unter, erläuterte Weiss am Freitag gegenüber der APA. Einige zuvor vermisste Personen dürften temporär ohne Telefonzugang gewesen sein.

Zugang zu Vermissten schwierig

Zu den vermissten Europäern sagte ein weiterer EU-Vertreter, die meisten der Personen seien vermutlich wohlauf. Angesichts des schwierigen Zugangs zu den abgelegenen Regionen gebe es jedoch keine Nachrichten von ihnen. Insgesamt wird noch nach Tausenden Menschen gesucht. Die Zahl der gefundenen Toten unter den Trümmerbergen steigt weiter rasch an: Über 6.200 Leichen seien bisher geborgen worden, meldeten die Behörden. Am Vortag waren noch 5.500 Tote gezählt worden.

Die in Nepal reisenden Rucksack-Touristen melden sich in der Regel nicht bei ihren Botschaften an. Deswegen ist es schwer abzuschätzen, wie viele sich im Land aufhalten. Die meisten der vermissten Urlauber werden in den Wander- und Bergsteiger-Gebieten des Himalaja vermutet. Der Sprecher des nepalesischen Heimatministeriums, Laxmi Prasad Dhakal, warf der EU vor, die Regierung nicht über die große Zahl der Vermissten informiert zu haben: "Warum haben sie nicht die nepalesische Regierung kontaktiert?"

Nachbeben lösen Ängste aus

Die Bergung der vielen Leichen droht die Behörden zu überfordern. "Die Leichenhallen sind überfüllt und wir haben Anweisungen erhalten, die sterblichen Überreste sofort nach ihrer Bergung einzuäschern", sagte Raman Lal, ein indischer Militärangehöriger, der in das Nachbarland abkommandiert wurde. Der Gestank der verwesenden Leichen unter den Trümmern der teils zerstörten Siedlungen erschwerte es den Überlebenden, in ihre ohnehin häufig beschädigten Heime zurückzukehren.

Wieder verbrachten viele der 28 Millionen Nepalesen die Nacht im Freien. Nachbeben lösten neue Ängste vor schweren Erdstößen aus. Der österreichische Caritas Helfer Andreas Zinggl war indes am Donnerstag in der Region Chautara/Sindhupalchwok in einem entlegenen Dorf, um dort mit Helfern Lebensmittel zu verteilen. Die Lage in den Dörfern stellte sich weiterhin dramatisch dar: Hilfe kommt nur langsam an. Auch hier schliefen Menschen weiterhin unter freiem Himmel, immer wieder regnete es und die Temperaturen erreichten maximal zehn Grad, berichtete die Caritas am Freitag.

600.000 zerstörte Häuser

Zahlreiche Nepalesen packten aus Frust über die ihrer Meinung nach unzureichende Erdbeben-Hilfe des Staates nun selbst an. "Die Menschen in meiner Nachbarschaft haben beschlossen, etwas zusammenzustellen, weil sie von der Regierung enttäuscht sind", sagte ein freiwilliger Helfer am Freitag in Kathmandu. Die Gruppe benutze sein Büro im Stadtteil Sanepa, um die Hilfsgüter zu sammeln und zu verteilen.

Nach Angaben der UN sind bei dem Beben der Stärke 7,9 vergangenen Samstag rund 600.000 Häuser zerstört worden. Finanzminister Ram Sharan Mahrat erklärte, sein Land benötige mindestens zwei Milliarden Dollar, um Wohnhäuser, Krankenhäuser, öffentliche Gebäude und historische Stätten wieder aufbauen zu können. "Dies ist nur eine vorläufige Schätzung und es wird einige Zeit brauchen, um den Schaden zu ermessen und den Wiederaufbau zu bewerten", sagte er.

Die Hoffnungen, weitere Überlebende aus den Trümmern zu retten, schwinden nach Angaben des Büros für Katastrophenhilfe. Am Donnerstag waren noch einmal zwei Überlebende aus den Trümmern gezogen worden, aber die Such- und Rettungsaktionen gingen nach Angaben des Büros langsam zu Ende. Nun sei die Herausforderung, Tote zu bestatten, Vermisste zu identifizieren und Familien wieder zusammenzuführen.

Unesco zuversichtlich für Wiederaufbau

Die Unesco zeigt sich zuversichtlich für den Wiederaufbau. Zahlreiche Skulpturen und geschnitzte Holzbalken seien gerettet worden, sagte der Repräsentant der UN-Kulturorganisation in Nepals Hauptstadt Kathmandu, Christian Manhart, am Samstag im Deutschlandradio Kultur.

Die historischen Bauten im Kathmandutal, das auf der Unesco-Welterbeliste steht, seien zudem gut dokumentiert. Das Beben der Stärke 7,8 hatte am Samstag vor einer Woche viele historische Bauten zerstört. Manhart sagte, Experten hätten inzwischen einen guten Überblick der Schäden in Kathmandu und Umgebung. Außerdem habe ein erstes Koordinierungstreffen von Architekten, Archäologen und anderen Spezialisten stattgefunden.

Manhart erinnerte daran, dass Kathmandu schon immer eine Erdbebenzone gewesen sei. Es habe 1934 ein sehr viel stärkeres Erdbeben gegeben. "Damals ist auch ein Großteil der Tempel wieder aufgebaut worden", sagte er. Es seien jetzt sehr viele Ziegelmauern eingestürzt. "Aber sehr viele architektonische Teile sind relativ gut erhalten noch da, und die können wieder verwendet werden." Manhart schätzte, dass der Wiederaufbau "sicher in die zig Millionen, vielleicht sogar Hunderte von Millionen Euro" gehen werde. (APA, 2.5.2015)

  • Mehr als 6.000 Tote wurden nach dem Erdbeben in Nepal bisher geborgen.
    foto: apa/epa/sedat suna

    Mehr als 6.000 Tote wurden nach dem Erdbeben in Nepal bisher geborgen.

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