Qualitätsmessung im Gesundheitswesen hilft Patienten – und senkt Kosten

Blog4. Mai 2015, 16:00
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Kann das Beispiel der schwedischen Orthopädie das Gesundheitswesen in Österreich nachhaltig verbessern?

Viele Länder kämpfen mit den Kosten für das Gesundheitssystem. Reformen sollen den Kostenanstieg eindämmen. Was bedeutet das für die Patienten? In manchen Ländern stehen Patienten lange auf Listen und warten auf eine Operation. In anderen Ländern werden neue Medikamente nicht bezahlt. Oft werden Ärzte und das Krankenpflegepersonal dadurch zur Zielscheibe einer Kritik, die eigentlich der Regierung gilt. Denn die Regierung und das Parlament sind es, die schließlich diese kostspieligen Entscheidungen für das Gesundheitssystem treffen. Durch die Einschränkung der Handlungsfreiheit der Ärzte und die zu niedrig gehaltenen Gehälter steigt zudem die Unzufriedenheit und führt zu einer Verschlechterung der Qualität der medizinischen Versorgung. Ist das der richtige Weg, die steigenden Kosten des Gesundheitswesen zu managen?

Was wollen wir denn eigentlich erreichen? Unser Ziel ist es, die Gesundheit der Patienten zu verbessern, jedoch gleichzeitig die Kosten in Grenzen zu halten. Um dies zu erreichen, muss man die Ergebnisse von Behandlungen evaluieren und die Frage stellen: Nützt eine Therapie dem Patienten, oder verursacht sie vorwiegend Kosten? Das Wohl des Patienten sollte dabei stets im Zentrum bleiben.

Für Krankenhausvergleiche fehlen uns die Daten

Wenn man Krankenhäuser in einem Land vergleicht, findet man einige sehr gute, aber auch so manche, die einen geringeren Standard aufweisen. Die Unterschiede können dabei enorm sein. Jedoch wissen weder Sie noch ich Bescheid, da uns objektive Bewertungen fehlen. Wir haben keine Daten, da in vielen Ländern solche Datensammlungen, sogenannte Register, auch gar nicht geführt werden. Das bedeutet, in ein Krankenhaus zu gehen wird zu einer Art Lotteriespiel.

Das müsste aber nicht so sein. Ein Blick nach Schweden zeigt, es geht auch anders. In den späten 70er-Jahren gab es eine Gruppe schwedischer Orthopäden, die bei ihrer Jahrestagung die verschiedenen Methoden von Hüftoperationen diskutierten. Sie fanden heraus, dass sie individuelle Operationsstile hatten. Jeder meinte: "Meine Technik ist die beste."

Aber keiner von ihnen konnte das mit Sicherheit sagen, und sie hatten den Mut, das zuzugeben. Also sagten sie: "Wir sollten vermutlich Qualitätsmessungen einführen, damit wir wissen, was am besten ist und wie wir daraus lernen können." Sie diskutierten zwei Jahre über die Fragen: "Was bedeutet Qualität bei Hüftoperationen?" und: "Wie sollten wir das messen?" Persönliche Interessen bestimmter Mediziner, Klinikleiter oder Politiker spielten dabei keine Rolle. Als sie sich schließlich einig wurden, begannen sie mit Qualitätsmessungen und tauschten ihre Daten aus. Sehr schnell fanden sie heraus, welche die optimale Operationstechnik war.

Zyklus der Verbesserungen

Die schwedischen Orthopäden veröffentlichten ihre Ergebnisse und veränderten damit das klinische Vorgehen im ganzen Land. Alle konnten sehen, dass dieses Vorgehen sinnvoll war. Seither veröffentlichen sie jedes Jahr ihre Bewertungen: Welche Methode bewährt sich, wer ist der Beste, wer ist das Schlusslicht? Und sie besuchen einander, um voneinander zu lernen. Auf diese Weise ist ein kontinuierlicher Zyklus der Verbesserungen entstanden. Viele Jahre hindurch erzielten die schwedischen Hüftchirurgen die weltweit besten Ergebnisse. Zumindest jene, die Datenerhebungen durchführten.

Mehr Qualität – und dabei Kosten senken

Ich finde dieses Prinzip sehr interessant: Ärzte kommen zusammen, sie einigen sich darauf, was Qualität bedeutet, sie beginnen zu messen, tauschen Daten aus, finden heraus, was und wer am besten ist und lernen daraus. Das ist kontinuierliche Verbesserung. Und wenn man sich die Kostenseite dieser Gleichung ansieht, stellt sich heraus, dass diejenigen, die sich auf Qualität konzentrieren, tatsächlich auch die niedrigsten Kosten haben – obwohl sie die Kostensenkung nicht als Ziel definierten, sondern den Dienst am Patienten.

Zurück zum Thema Hüftoperationen: Vor einigen Jahren wurde eine Studie durchgeführt, die die USA und Schweden verglich. In den USA war die Zahl der Patienten, die bis zu sieben Jahre nach der ersten Operation ein weiteres Mal operiert werden mussten, dreimal höher als in Schweden. So viele unnötige Operationen und so viel unnötiges Leid für die Patienten! Dies zeigt, wie viel Einsparungspotenzial es hier für das Gesundheitswesen gibt, ohne die Ökonomie in Gegensatz zu setzen zur Gesundheit.

Wettbewerb und Anerkennung für Ärzte

Natürlich sind die Verhältnisse in Österreich anders, aber vielleicht können wir daraus lernen? Wenn das Gesundheitssystem sich stärker auf Qualitätsmessung und auf die Anhebung der Qualität konzentrierte, könnte man einen großen Teil der Kosten für das Gesundheitswesen einsparen. Dieses Umdenken wäre hierzulande ein notwendiger Paradigmenwechsel: Medizin und Wirtschaft im Dienste der Gesundheit.

Die Ärzte und das Pflegepersonal sind die Träger von Veränderungen im Gesundheitssystem. Gemeinsam haben sie das Ziel, höchste Qualität für ihre Patienten zu erreichen. Ärzte sind zudem wettbewerbsorientiert. Wenn ein Arzt sieht, dass sein Ergebnis nicht wesentlich besser ist als das seiner Kollegen, wird er alles daran setzen, sich weiterzuentwickeln. Ärzte haben noch eine weitere Eigenschaft: sie blühen durch die Anerkennung ihrer Kollegen auf. Aber die meisten haben keine Vergleichswerte.

Dabei spielt sicherlich die mangelnde Gesprächskultur und der geringe Austausch zwischen unterschiedlichen Abteilungen und Krankenhäusern eine große Rolle. Wir müssen dabei lernen, konstruktive Kritik zu ertragen. Ärzte sollten die Konkurrenz von Kliniken, Spitälern und Universitäten nicht auf ihr Arbeitsverhältnis übertragen, sondern sich viel spontaner austauschen. Gerade durch die Messung von Ergebnissen und durch transparente Strukturen könnte relativ einfach ein Kreislauf von Verbesserungen zustande kommen, der kaum einen Aufwand verursacht, aber langfristig die Kosten senkt.

Große globale Gemeinschaft

Es wird bereits eine weltweite Gemeinschaft gebildet, die genau diese Ziele – Ergebnisse messen und vergleichen – verfolgt. Das International Consortium for Health Outcome Measurement (ICHOM) ist ein Konsortium, das Mediziner und Patienten zusammenbringt, um für jede einzelne Erkrankung zu diskutieren und festzulegen, was eigentlich Qualität bedeutet, wie sie gemessen werden soll und welche Standards weltweit festzulegen sind. Dieses Gremium hat bereits Qualitätsindikatoren für grauen Star, Rückenschmerzen, koronare Gefäßerkrankungen und Prostatakrebs eingeführt. Zum ersten Mal können wir dadurch Äpfel mit Äpfeln vergleichen – und dies nicht nur innerhalb eines Landes, sondern international.

Die Erfassung von Wert und Nutzen im Gesundheitswesen bedeutet, dass es nicht nur auf Kosten, sondern primär auf das Ergebnis für den Patienten ankommt. Durch diesen Ansatz macht man das Personal im Krankenhaus und anderswo im Gesundheitswesen nicht zu einem Problem, sondern zu einem wichtigen Teil der Lösung. Ich glaube daran, dass die Messung von Wert und Nutzen zu einer Revolution führen wird. Und ich bin überzeugt, dass Hippokrates, der Begründer der Medizin, der immer den Patienten in den Mittelpunkt stellte, uns dann wohlwollend aus dem Olymp zulächeln wird. (Shahrokh F. Shariat, derStandard.at, 4.5.2015)

Shahrokh F. Shariat leitet die Universitätsklinik für Urologie an der Medizinischen Universität Wien und bloggt ab sofort auf derStandard.at.

  • Qualität zu niedrigen Kosten – funktioniert das im Gesundheitswesen?
    foto: apa/helmut fohringer

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