Hin und wieder packt mich das Fernweh

5. Mai 2015, 05:30
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Spitzenkoch Philip Rachinger kocht im Mühltalhof in Neufelden. Vor kurzem noch lebte er in London und Paris

Spitzenkoch Philip Rachinger kocht im Mühltalhof in Neufelden. Vor kurzem noch lebte er in London und Paris, jetzt genießt er das Land. Nur die Sonne fehlt manchmal. Franziska Zoidl hat ihn besucht.

"Eigentlich ist dieses Haus viel zu groß für uns: Geschätzte 240 Quadratmeter hat es auf zwei Stockwerken. Aber ich finde das angenehm, weil ich aus meiner Zeit in London und Paris ganz andere Verhältnisse gewohnt bin. In Paris, wo ich bis vor knapp eineinhalb Jahren lebte, habe ich mir eine Kellerwohnung mit einem kleinen Fenster und 30 Quadratmetern mit einem Kellner geteilt. Und jetzt also das hier.

foto: dietmar tollerian
Philip Rachingers Lieblingsstück: das neue jägergrüne Sofa im Wohnzimmer. Hier entspannt er sich nach der Arbeit.

Unser Haus liegt nur einen Steinwurf vom Mühltalhof entfernt. Es wurde 1746 erbaut und ist eines der ältesten Häuser hier im Tal. Ich bin im Haus nebenan aufgewachsen und kannte die Vorbesitzer mein Leben lang. Als ich das erste Mal hereinkam, war es schon komisch, dass plötzlich wir hier wohnen sollen - und nicht mehr die Nachbarn. Seit Juli leben ich, meine Freundin Johanna und unsere Boxerhündin Emma jetzt hier. Seitdem wissen wir auch, dass wir bald Nachwuchs bekommen. Das Kinderzimmer ist schon fertig, jetzt fehlen noch Wiege und Wickeltisch.

Dass ich so bald wieder nach Hause zurückkomme, war nicht geplant. Ich hätte mir schon vorstellen können, noch ein Jahr in einer Küche in New York oder Tokio zu kochen. Aber meine Freundin war hier, und mein Vater hat ein neues Küchenteam aufgestellt und mich gebraucht. Ich habe viele Erinnerungsstücke an meine Zeit im Ausland: signierte Kochbücher und Schürzen zum Beispiel, einige gute Flaschen Wein, da ich für einige Zeit bei einem Weinhändler in Paris gewohnt habe. Ich besitze auch Fahrräder aus London und Paris, die ich leidenschaftlich sammle - und natürlich viele Erinnerungen an sagenhaft gutes Essen!

Hin und wieder packt mich das Fernweh, aber ich lebe gerne hier. In einer großen Stadt geht man an einem freien Tag auch in einen Park, hier kann ich schnell einmal raus in die umliegenden Wälder und in den Böhmerwald. Jetzt kommen bald die ersten Maiwipferln, ich kann Morcheln suchen, diverse Blüten, Kräuter und böhmische Heidelbeeren. Das Mühlviertel und Österreich sind in Europa in der Mitte drin. In zweieinhalb Stunden ist man überall. Darum geht mir die Großstadt nicht so ab, außer am Freitagabend vielleicht.

Die Küche haben wir so belassen, wie sie war. Viele unserer Möbel waren einmal Hotelinventar. Unser Lieblingsstück im Haus ist unsere neue grüne Couch in Jägergrün. Auf ihr entspannen wir uns am Abend.

Ich bin froh, wenn ich nicht handwerklich tätig sein muss. Ich habe zwei freie Tage in der Woche, wenn ich mich einen Tag lang mit einer lächerlichen Duschwand herumschlagen muss und am Ende die zwei Löcher, die ich in die Wand gebohrt habe, erst recht wieder zumachen muss, dann regt mich das auf. Das soll lieber gleich der Installateur machen. Der kann das. Das ist ja auch der Grund, warum der Installateur essen geht, wenn er mit seiner Familie etwas zu feiern hat - und kochen, das können wir.

Mein Lieblingsort hier im Haus ist die alte Stube im Untergeschoß mit Tramdecke, Stubenofen, Ziegelfußboden, Plattenspieler und großem Esstisch, an dem bis zu zwölf Freunde sitzen können. Auf dem alten Ofen kochen wir manchmal, wenn wir Besuch haben. Man muss ihn zwei Stunden einheizen und nachlegen, bis er die richtige Temperatur erreicht hat. Ansonsten bin ich beruflich ohnehin genug in der Küche, an freien Tagen koche ich daher einfach: marokkanischen Couscoussalat mit Rosinen und Hendl zum Beispiel. Und zurzeit kommt jede Woche ein anderer Gugelhupf in den Ofen: Kaisergugelhupf, Marmorgugelhupf und diverse Rezepte der Verwandtschaft. Dass ich so nahe bei meiner Familie wohne, hatte bisher überwiegend Vorteile. Aber fragen Sie mich in zwei Jahren noch einmal.

Mein Wohntraum: irgendwo in Frankreich, am Meer zu wohnen, mit einem kleinen überschaubaren Lokal dabei. Aber das ist ein Hirngespinst. Vielleicht kaufen wir uns aber später hier in der Gegend einen Bauernhof mit Kühen, Schafen, Ziegen, Hühnern und einem Esel. Manchmal geht uns die Sonne hier im Tal nämlich schon ein bisschen ab. Wenn der Wald da oben nicht wäre, hätten wir jeden Tag eine Stunde länger Licht." (DER STANDARD, Open Haus, 29.4.2015)

Philip Rachinger, geboren 1989, machte die Matura an der Tourismusschule in Bad Ischl. Ab 2010 kochte er für zwei Jahre im Steirereck in Wien und am Pogusch. Dann ging er nach London, arbeitete erst im Sketch bei Pierre Gagnaire, wenig später als Souschef für Isaac McHalles im Clove Club. 2013 zog es ihn nach Paris, wo er für Sven Chartier im Saturne arbeitete. Dann ging es zurück nach Österreich: Seit eineinhalb Jahren steht er im Mühltalhof mit seinem Vater Helmut Rachinger am Herd. Im März kochten Vater und Sohn beim renommierten Omnivore-Festival in Paris als erste Österreicher überhaupt auf .

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Mühltalhof

  • Das Mühlviertel, im "Zentrum" Europas: An Rachingers Zeit im Ausland erinnern zahlreiche Souvenirs.
    foto: dietmar tollerian

    Das Mühlviertel, im "Zentrum" Europas: An Rachingers Zeit im Ausland erinnern zahlreiche Souvenirs.

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