Gewinnerbeitrag von EU-Schreibwettbewerb: Zur Lage der Union

4. Mai 2015, 08:50
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Der Erfolg der EU bestünde darin, dass Europa eine echte Schicksalsgemeinschaft wird, schreibt Micha Josef Beiglböck, Gewinner des EU-Schreibwettbewerbs

Jeder von uns kennt die Familie, wo die Schwester zum Leidwesen der katholischen Oma Hare Krishna singt und statt Mamas Schweinsbraten nur mehr Couscous isst, oder der Sohn aus wohlhabender Familie den Kapitalismus verteufelt und keine Demo auslässt. So verschieden eine Familie sein mag: Es bleibt eine Familie – wird noch so oft gestritten, sind die Ansichten noch so verschieden, bei den Festen wird gemeinsam gelacht, bei Hochzeiten gemeinsam getanzt, bei Begräbnissen gemeinsam getrauert. Europa ist für mich eine große Familie. Da gibt es für mich den Bruder, der die Welt neu erfinden will, und die Mutter, die auf die bewährten Tugenden setzt.

So vielfältig eine Familie nur sein kann, so vielfältig ist auch Europa. Und mögen unsere Vorstellungen von einem sozialen Europa und einem Europa der freien Märkte kollidieren – Europa ist meine Familie. Am Ende marschieren wir gemeinsam durch Paris und trauern um die Opfer des Terrors, feiern gemeinsam den Fall der Berliner Mauer und gedenken gemeinsam der Opfer des Zweiten Weltkrieges. Wird die Meinungsfreiheit in Dänemark angegriffen, wird die Meinungsfreiheit in Europa angegriffen. Wenn Afrikaner vor den Küsten Italiens ertrinken, ist das kein italienisches Problem – sondern ein europäisches. Wird Deutschland Fußballweltmeister, geht der Titel nach Europa, und gewinnt der Franzose Patrick Modiano den Literaturnobelpreis, dann gewinnt ein Europäer den Literaturnobelpreis.

Ohne Beistand kann eine Gemeinschaft nicht funktionieren

Europa ist die größte Volkswirtschaft der Welt, Heimat vieler kluger Köpfe, Ursprung großartiger Erfindungen und ein Ort, der von vielen außerhalb Europas zu Recht mit Sehnsucht bewundert wird. Mit derzeit 28 Mitgliedsstaaten hat die Europäische Union etwas Einzigartiges in der Geschichte Europas geschaffen – ein geeintes, friedliches Europa. Für österreichische Studenten ist es eine Selbstverständlichkeit, ein Semester in Italien zu studieren, und polnische Handwerker finden eine zweite Heimat in Großbritannien.

Europa ist auch ein Ansporn für viele unserer Nachbarn. Durch die stetige Erweiterung wurde nicht nur die Idee Europa exportiert, sondern auch unsere Werte. Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Bekämpfung von Korruption und Achtung der Menschenrechte sind nur einige der Werte unserer Familie.

Dennoch ist die Arbeit bei weitem nicht getan. Noch immer gibt es auf der Europakarte weiße Flecken; sei es Serbien oder Norwegen. Noch immer gibt es Überzeugungsarbeit zu leisten. Bei einer Fahrt über die Grenzen mag der Stau der Freiheit gewichen sein, doch in den Köpfen vieler ist Europa noch nicht angekommen. Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit sind der Nährboden der Kritiker. Es wird ihnen zu leicht gemacht, dieses Erfolgsmodell zu kritisieren und von einem Utopia der Nationalstaaten zu predigen, welches durch die Geschichte von Krieg und Armut längst widerlegt sein sollte.

Die Alternativlosigkeit zu einem gemeinsamen Europa in den Köpfen der Bürger zu verankern, ist die Herausforderung der Gegenwart. Dazu bedarf es eines Europas, in welchem nicht nur einige wenige die Vorteile zu spüren und zu sehen bekommen, sondern eines Europas, das für alle etwas zu bieten hat. Gesetze, die das Telefonieren in ganz Europa zu einem gleichen Preis ermöglichen, gehen in die richtige Richtung; ebenso der Wille zur Schaffung einer gemeinsamen starken Außenpolitik, wie der Plan, Europa als Klimaschützer zu positionieren und mit einer Stimme als Verfechter des Datenschutzes und eines freien Internets aufzutreten.

Beistand bei Nöten

Europa muss sich aber auch von einer Illusion verabschieden: Eine Gemeinschaft ohne Beistand kann nicht funktionieren. Die Bessergestellten müssen den Schlechtergestellten helfen – und das unabhängig davon, welche Gegenleistungen zu erwarten sind oder wen welches Verschulden trifft. Ganz nach dem Motto: Baut mein Bruder oder meine Schwester Mist, oder ist ein Familienmitglied in einer Notlage – helfe ich.

Auch klar ist, dass dieser Beistand nicht überstrapaziert werden darf, aber keinesfalls kann eine Gemeinschaft langfristig funktionieren, wo Beistand per Vertrag untersagt ist. Das Einheben von Steuern darf kein ausschließliches Recht der Nationalstaaten bleiben. Auch wenn dies nicht für alles zutrifft – vieles ist effektiver, wenn man es als Gemeinschaft macht, als jeder für sich alleine.

Die Wirkung der Symbolik darf nicht unterschätzt werden. Brüssel soll nicht ein Name sein, der für rumänische oder portugiesische Schüler bloß in dicken Lettern in den Zeitungen zu sehen ist. Eine Klassenfahrt nach Brüssel sollte ein Fixpunkt einer jeden Schulkarriere sein. Die Institutionen der Union mit eigenen Augen zu sehen, dass es diesen Apparat, in dem Menschen aus allen Mitgliedsstaaten für alle Bürger der Union gemeinsam arbeiten, wirklich gibt, kann einen essenziellen Unterschied bei so manchem zukünftigen mündigen Europäer machen.

Ein Fußballturnier, als Ergänzung zu den Weltmeisterschaften der Nationen, in welchem sich Europa und die anderen Kontinentalverbände mit je einer Auswahl ihrer besten Spieler messen, würde die Idee eines gemeinsamen Europas in die Wohnzimmer der Bürger bringen. Bildung muss wieder groß geschrieben werden. Jeder Schüler, egal ob aus Estland oder Schweden, soll eine Ausbildung bekommen, die Chancengleichheit gewährt. Ein gemeinsamer europäischer Bildungsfonds, bei dem jedes Kind für eine Förderung seiner Ausbildung ansuchen kann, würde zeigen: Europa ist für mich da, Europa ist für mein Kind da.

Europa muss eine echte Schicksalsgemeinschaft werden

Ein geeintes Europa, von den finnischen Seen bis zu den Stränden Spaniens, vom Finanzzentrum Londons bis zu den antiken Stätten Athens, ist noch nicht erreicht. Aber dieses Projekt zu finalisieren ist in Reichweite, und wer hätte dies vor 70 Jahren gedacht, als sich die Lungen unserer Großeltern noch mit dem Staub der zerstörten Städte Europas füllten?

Wer ein glückliches Familienleben erleben durfte, schrieb einst Theodore Roosevelt, der hat das größte Glück auf Erden erlebt. Die alten und neuen Mitgliedsstaaten der Union sind die Kinder eines gemeinsamen Europas. Diese sind zu eigenständigen Erwachsenen herangewachsen. Diese Eigenständigkeit ist aber kein Hindernis für ein gemeinsames Zusammenleben. Dass die Mitgliedstaaten ihre eigene Kultur leben, beim Sport für ihre Landsleute jubeln, ist genauso selbstverständlich, wie ein Kind als Erwachsener sein eigenes Leben lebt, seine eigenen Vorstellungen verwirklicht.

Aber genauso wenig wie das Glück in einem Einsiedlerdasein zu finden ist, ist es in einem Europa der Nationalstaaten zu suchen – sondern in der Gemeinschaft. Der Erfolg Europas liegt darin, dass wir als Familie zusammenwachsen – dass Europa eine echte Schicksalsgemeinschaft wird: Einander beistehen, einander fördern und einander fordern; darin liegt der Weg in eine gute Zukunft. (Micha Josef Beiglböck, derStandard.at, 4.5.2015)

foto: privat
Micha Josef Beiglböck (25) konnte mit seinem Beitrag die österreichische Jury – Brigitte Luggin (Europäische Kommission in Österreich), Josef Kirchengast (STANDARD), Astrid Zimmermann (Presseclub Concordia) – überzeugen und wurde zu einer dreitägigen Studienreise nach Brüssel eingeladen.

Die Gewinnerbeiträge aus allen EU-Staaten

  • Die EU-Kommission schrieb gemeinsam mit führenden Medien – darunter dem STANDARD – einen Wettbewerb aus, der junge Europäer dazu aufforderte,  ihre Zukunftsvisionen für die Union nachzuzeichnen.

    Die EU-Kommission schrieb gemeinsam mit führenden Medien – darunter dem STANDARD – einen Wettbewerb aus, der junge Europäer dazu aufforderte, ihre Zukunftsvisionen für die Union nachzuzeichnen.

  • "So ähnlich, so verschieden, so europäisch" – unter diesem Motto reichten 18 bis 25-jährige Europäer ihre Beiträge ein.
    foto: reuters/balogh

    "So ähnlich, so verschieden, so europäisch" – unter diesem Motto reichten 18 bis 25-jährige Europäer ihre Beiträge ein.

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