Babylon Berlin: Eine Lesereise durch Deutschland

30. April 2015, 13:45
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Die Leipziger Buchmesse bietet mir die Gelegenheit, wieder siebzehn zu sein. Und gleichzeitig ein schmutziger alter Mann. Ich berausche mich hemmungslos an beidem

Klischees entstehen nicht im luftleeren Raum. Die Leipziger Buchmesse bietet mir die Gelegenheit, wieder siebzehn zu sein. Und gleichzeitig ein schmutziger alter Mann. Ich berausche mich hemmungslos an beidem.

Vergeltungswaffe Nummer Zwei

In Leipzig teilen wir uns das Zimmer in einem Hostel. Todor Ovtscharov, der Quoten–Südosteuropäer von FM4 und ich. Steffi Sargnagel wohnt in einem anderen Hostel. Unsere Verleger haben ein Doppelzimmer im dreiundzwanzigsten Stock eines Hotelketten-Hotels, nicht weit vom Swimmingpool und der Sauna.

Todor und ich besprechen kurz, ob wir Karl Marx richtig verstehen und ob hier eine Situation vorliegt, auf die Begriffe wie Lumpenproletariat, Mehrwert und Kapitalist zutreffen. Wobei Todor und ich das Lumpenproletariat sind, das den Mehrwert schafft, der unseren kapitalistischen Verlegern den Zutritt zum Hotelpool ermöglicht. Und dann sehen wir zum ersten Mal aus dem Fenster.

Im Hof steht eine lebensgroße V2 Rakete. Allerdings ist sie fröhlich in rot und weiß bemalt. Das empfinden wir als beruhigend. Und erkennen nun, warum unser Hostel, das sauber, heimelig und mit einem Gemeinschaftsbad pro Stockwerk ausgestattet ist, den Namen "Space Hotel" trägt. Neben der V2 steht das unfertige Skelett der lebensgroßen Nachbildung der Mondlandefähre "Eagle".

Karl Marx wohnt hier nicht mehr

Unsere erste Lesung ist in Chemnitz. Die Verleger mieten ein deutsches Auto, mit dem sie uns aus Leipzig in das verlängerte Wohnzimmer der Chemnitzer links-linken Rasta/Punk/Autonomen-Szene fahren. Weil dort unsere Gage aus Alkohol und Gras besteht, weiß ich nicht mehr, wie das Lokal heißt.

Mit uns tritt auch ein netter Amerikaner auf. Er spielt Gitarre, singt Balladen im Bass und rollt dabei seine Augen wie Charlie Manson. Später bitte ich ihn, "By the Rivers of Babylon" zu spielen. Doch er kennt das nicht. Er weiß auch nicht, wer Boney M. ist. Oder ABBA. Weswegen er mir auch "Fernando" nicht spielen kann. Er fragt, wer diese Leute sind. Ich sage, es seien nur linksalternative Bands aus den Siebzigern und Achtzigern.

Nach der Lesung bringt uns der nette Rasta Christian mit seinem Wohnmobil auf eine Punk-Party. Meine letzte ist seit über einem Jahrzehnt nur eine verwischte Erinnerung. Dort spielt eine Band im besetzten Haus, es brennen Feuer im Garten, Hunde tollen und bellen überall. Es gibt noch viel mehr Alkohol. Unser Verleger Elias, früher selbst ein Punk, trinkt keinen Tropfen, weil er der Fahrer ist. Gegen vier Uhr morgens, nach einem Döner in Leipzig, fallen Todor und ich in unser Doppelbett. Und schlafen tief und fest im Schutz unserer V2.

Manga Maniac

Den Kater im Nacken und in Gliedern lesen wir Nachmittags auf der Buchmesse in Leipzig. Applaus, Autogramme, Alkohol. Wir beschließen, in die Halle zu gehen, wo die Manga-Messe ist. Von Felix, dem Liguster, erhalte ich per SMS den Auftrag, großbusige Manga-Mädchen zu fotografieren. Dabei sehe ich viele Männer im vorgerückten Alter, die dasselbe machen.

Später sehen wir uns alle die Fotos an. Steffi schüttelt nur den Kopf, murmelt etwas von schmutzigen alten Männern. Ein Pulk Mangas aus Fleisch umspült uns. Ich drücke ganz oft auf das Icon mit dem Fotoapparat auf meinem Handy.

Nach der Buchmesse lesen wir abends in einem Leipziger Literatur- und Fahrradreparatur-Café. Da ist dieses Mädchen. Sie ist Französin, sie sagt, sie sei neunzehn. Es sind mehr betrunkene Männer hier. Junge Männer. Aber sie redet nur mit mir. Das ist schön. Am nächsten Morgen fahren wir nach Berlin.

Nur Himmel über Berlin

Ich bin ein beeindruckter Idiot. Und ein Idiot bin ich, weil ich nicht schon früher nach Berlin komme. Hier ist der Himmel "schon so groß und still und fahl. Jung und nackt und ungeheuer wundersam." Dass mir nur Brecht einfällt, liegt daran, dass diese Lesereise inzwischen ein Taumel durch deutsche Nächte geworden ist. Ich spüre mich als Baal-Zombie. Und Berlin ist die Klitoris Europas.

Ich schlafe beim Bruder meiner Freundin. Er und seine Freundin sind seit vielen Jahren hier und inzwischen das gekrönte Königspaar der Berliner Flohmärkte. Sie leben in einem Haus aus nacktem Beton, das immer wieder in Architekturzeitschriften abgebildet wird. Egal wo man in diesem Haus ist, man kann immer ein großes Stück Himmel über Berlin sehen.

Am ersten Abend lesen wir in der Analog Bar. Hier wird die Musik von einer echten Musikkassette gespielt. Wenn die Kassette zu Ende ist, entsteht eine Pause, weil der Barmann gewissenhaft zurückspult, bevor er eine neue MC einlegt. Wir lesen mit zwei deutschen Kollegen, die wie wir als Doppelattraktion auftreten. Allerdings sind die beiden Piefke im absurden Spiel von Bedeutung und Neudeutung zu Hause. Oder so.

Nach uns liest die Steffi Sargnagel. Und sie bringt auch Todor und mich zum Lachen, obwohl wir ihren Text schon bestens kennen. Dann kommt der Hut, der herumgereicht wird. Jeder von uns fünf bekommt sieben Euro und zwanzig Cent. Und sechs Freibier. Danach kostet das Bier für uns "Künstler" nur einen Euro. Der Besitzer der Analog Bar spendet obendrauf eine Runde Whisky vom besten. Als dann auch meine sieben Euro in Bier reinvestiert sind, kommt der Mann mit dem Gras. Und will mit mir reden. Steffi und Todor sind längst aus der Bar verschwunden, ich bin allein unter Fremden.

Nightcrawler

Er ist Mitte 30 und ein Literaturfreak. Nachts zieht er durch die Berliner Literaturcafés. Wenn ihm eine Lesung gefällt, legt er einen Halblitergefrierbeutel mit Gras auf den Tisch und will mit dem Autor rauchen und über Literatur reden. Ich lobe sein Gras, wodurch wir nicht mehr über Literatur reden müssen, sondern über das Indoorzüchten. Und wie gut das Bier in Berlin ist. Von beidem verstehe ich mehr als von Literatur. Dann kommt sie. Es ist einfach: Sie will, dass Brecht die Regie für uns drei übernimmt. Auf dem Klo. "Man hat Platz, sagt Baal, es sind nicht viele da. Man hat Platz, sagt Baal, in dieses Weibes Schoß. Denn genießen ist bei Gott nicht leicht! Starke Glieder braucht man und Erfahrung auch."

Als die Sonne über Berlin aufgeht, streichelt mich kalter Wind auf der Warschauer Brücke. Unter einem ihrer beiden ziegelroten Türme bin ich betrunken und kurzfristig unsterblich. Meine Freundin, meine Seeräuber-Jenny, lobt mich per SMS. Dafür, dass ich die Kondome, die sie mir vor der Abfahrt zwischen Zahnpasta und Tabletten gegen Magensäure gepackt hat, verantwortungsvoll verwende.

Die Burger Bar

Sie soll eine Legende sein. Hier findet lange Zeit Underground statt. Jetzt ist die Burger Bar eher legendär. Und nicht mehr so Underground. Man ist sehr nett zu uns. Die Bühne ist mit Ohrensesseln, Lesetisch und Leselampe ausgestattet. Es gibt zwei Mikros, die Anlage ist spitze. Wir lesen gerne hier. Steffi bringt wieder alle zum Lachen, wir alle drei verkaufen einige Bücher, sechzig Prozent des Eintrittsgeldes teilen wir zu gleichen Teilen. Es sind 70 Euro für jeden. Und fünf Freibier. Später steige ich auf Single-malts um. Die DJane spielt extra für uns Falco. Wir tanzen.

Noch später, mitten auf dem Alexanderplatz, versagt meine Motorik. Als ich wieder torkeln kann, nehme ich ein Taxi. Der Fahrer ist ein Iraner im Exil, der Serbisch spricht, weil er serbische Literatur liest und in seiner Heimat Philologe gewesen wäre.

"Soviel Himmel hat Baal unterm Lid, daß er tot noch grad gnug Himmel hat."*

ENDE

(Bogumil Balkansky, 30.4.2015, daStandard.at)

*Alle Zitate: Bert Brecht, "Der Choral vom großen Baal"

  • Im Hof steht eine lebensgroße V2-Rakete. Allerdings ist sie fröhlich in rot und weiß bemalt.

    Im Hof steht eine lebensgroße V2-Rakete. Allerdings ist sie fröhlich in rot und weiß bemalt.

  • Dass mir nur Brecht einfällt, liegt daran, dass diese Lesereise inzwischen ein Taumel durch deutsche Nächte geworden ist. Ich spüre mich als Baal-Zombie. Und Berlin ist die Klitoris Europas.

    Dass mir nur Brecht einfällt, liegt daran, dass diese Lesereise inzwischen ein Taumel durch deutsche Nächte geworden ist. Ich spüre mich als Baal-Zombie. Und Berlin ist die Klitoris Europas.

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