Dürre in Kalifornien: Golden State gibt sich grünen Anstrich

2. Mai 2015, 09:00
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Der Staat der Träume muss Wasser sparen, der Ausnahmezustand in Kalifornien könnte Normalität werden

Es begann damit, dass Jim Power eine Reportage im Fernsehen sah. Die Immobilienpreisblase war gerade geplatzt, die Stimmung kippte von Überschwang zu Katzenjammer. Schlechte Zeiten für einen Makler, der davon lebte, Kredite für den Wohnungskauf zu vermitteln. 2007 war das, Power musste sich neu erfinden. Als er eines Abends vor dem Bildschirm saß, lief ein Film über einen pfiffigen New Yorker, der Rasenflächen in Vorgärten sattgrün pinselte, damit sich das dazugehörige Häuschen besser verkaufen ließ. Power sattelte kurzerhand um und spezialisierte sich auf den Rasenanstrich, um ausgedörrte Grasrechtecke vor Hochzeiten oder sonstigen wichtigen Anlässen frischer aussehen zu lassen.

Heute, im vierten Jahr der kalifornischen Rekorddürre, hat er etliche Nachahmer gefunden, Einmannbetriebe mit Namen wie "Lawn Paint Professionals" oder "Xtreme Green Grass".

Es ist nicht das erste Mal, dass der "Golden State" unter den Folgen zu spärlichen Niederschlags leidet. Phasen anhaltender Trockenheit hat es immer gegeben, sie gehören zur Pazifikküste wie Hollywood zu Los Angeles. Doch zum einen ist Kalifornien deutlich dichter besiedelt als früher: 39 Millionen Menschen leben zwischen Crescent City und San Diego, während es 1960 nur 16 Millionen waren. Zum anderen lässt der Ausblick Schlimmes befürchten. In den Bergen der Sierra Nevada hat es im Winter kaum geschneit, die Schneedecke fiel sechs- bis siebenmal dünner aus, als es im historischen Mittel üblich wäre. Mit den steigenden Temperaturen des Klimawandels, orakelt Felicia Marcus, die Chefin der kalifornischen Wasserbehörde, könnte der Ausnahmezustand Normalität werden. Zeit also für rigorose Schritte.

Mandeln oder Menschen

Anfang April verfügte Jerry Brown, der Nachfolger von Arnold Schwarzenegger im Gouverneursamt, den urbanen Verbrauch um ein Viertel zu senken. Auf Restriktionen für die Landwirtschaft hat er vorerst verzichtet, was sofort die Kritiker auf den Plan rief. Der Agrarsektor konsumiert rund 80 Prozent allen Wassers. Im Central Valley, dem größten Obst- und Gemüsegarten der USA, haben sich immer mehr Farmer auf Kulturen verlegt, die zwar vergleichsweise hohe Preise erzielen, aber auch besonders wasserintensiv sind. Kalifornien müsse sich zum Beispiel überlegen, ob es wirklich die meisten Mandelbäume der Welt besitzen wolle. "Am Ende geht es um Mandeln oder Menschen", stimmt nun sogar David MacLennan, Chef des Lebensmittelkonzerns Cargill, in den Chor der Skeptiker ein.

Auch wenn Brown den Agrarsektor auslässt, sein aus der Not geborenes Diktat markiert eine Premiere in der Geschichte des Bundesstaats. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem der 77-Jährige nicht Tacheles redet. "Der Gedanke, dass Sie Ihr nettes kleines Rasenstück hinterm Haus mehrmals am Tag wässern können, dieser Gedanke gehört der Vergangenheit an", lautet einer seiner Lieblingssätze.

Rigoroses Sparprogramm

Die Sparquoten fallen allerdings unterschiedlich aus. Die mondäne Oasenstadt Palm Springs oder Beverly Hills, das Villenviertel der Hollywoodstars, sollen binnen zwölf Monaten 35 Prozent weniger konsumieren. Das aufgeklärte San Francisco braucht den Verbrauch dagegen nur um ein Zehntel zu drosseln, da seine Bewohner mit knappen Ressourcen bereits jetzt relativ vernünftig umgehen. Mittlerweile klingt Brown, in den Siebzigerjahren wegen seines Faibles für Hightech und Weltraumfahrt "Governor Moonbeam" genannt, wie ein mitteleuropäischer Grüner, wenn er eine Art neue Bescheidenheit beschwört. "Wir reden von 39 Millionen Menschen mit 32 Millionen Autos, die ein Leben im gewohnten Komfort führen wollen. Es wird Anpassungen geben müssen."

In Palm Springs, Inbegriff für moderne Zivilisation mitten in der Wüste, findet er damit Gehör. Die Gemeinde trennt sich von üppigen Grünflächen, sowohl vor dem Rathaus als auch auf dem Mittelstreifen des Tahquitz Canyon Way. Das Gras dort soll Kakteen, Dornenbüschen und Steinlandschaften weichen. In San Diego, dicht an der mexikanischen Grenze, will ein Unternehmen namens Poseidon noch im Herbst eine Entsalzungsanlage in Betrieb nehmen, um Trinkwasser aus dem Pazifik zu gewinnen. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 30.4.2015)

  • Eine Dürre trocknet Kalifornien schon seit drei Jahren aus.
    foto: apa/munker

    Eine Dürre trocknet Kalifornien schon seit drei Jahren aus.

  • Die Dürre schadet den Bauern. Barack Obama und der kalifornische Gouverneur Jerry Brown (Dritter von links) verkünden daher Förderungen.
    foto: apa / wally skalij

    Die Dürre schadet den Bauern. Barack Obama und der kalifornische Gouverneur Jerry Brown (Dritter von links) verkünden daher Förderungen.

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