Frühling: Musikalische Zwangsbeglückung

Kolumne3. Mai 2015, 17:24
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Frühling bedeutet auch vor Kraft strotzende Jungs, die alle Welt an ihrer Lieblingsmusik teilhaben lassen

Wumm! Wumm! Reifen quietschen lassen, den getunten Motor kurz hochfahren - idealerweise alles in einer engen Gasse und jedenfalls vor dem Morgengrauen. Wer es noch nicht bemerkt hat: Der Lenz ist da.

Früher erkannte man den Frühling in Wien an den aufbrechenden Straßen. Jetzt, wo uns Klimawandel und Erderwärmung milde Winter bescheren (und Heizkosten sparen helfen), sind es vor Kraft strotzende Jungs, die aufreißen, was immer an einem Auto zu öffnen ist, und so alle Welt an ihrer Lieblingsmusik, an ihrem Ego, an ihrer Großmannssucht und daran, was auch immer verfügbar ist, teilhaben lassen.

Zwangsbeglückung mitten in der Nacht

Wobei sich das Teilhabenlassen als eine höchst einseitige Angelegenheit darstellt. Zwangsbeglückung mitten in der Nacht wäre der treffendere Ausdruck, wenn unerträglich hochgeschraubte Bässe ins Zimmer dröhnen, dass die Gläser im Schrank scheppern. Oder, noch besser, die neuesten Hits aus der türkischen Hitparade - wie sonst kämen wir in den Genuss, die neuesten Moden ans Bett geliefert zu bekommen? Wir gestehen an dieser Stelle, dass wir nichts gegen türkische Discomusic haben oder dumpfe Rockmusik - sofern sie nicht aus schlechten Lautsprechern quillt und wir uns aussuchen können, wann wir sie konsumieren (müssen). Das ist schlicht Belästigung, Lärmverschmutzung.

Getoppt werden die Halbstarken nur von jenen, die nach der Sperrstunde aus einem Tschocherl stolpern und auf dem Heimweg ihr Herz auf der Zunge tragen. Dann weiß die Welt, dass auch der Winter seine Vorteile hat. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 30.4.2015)

  • Nicht die aus dem Fenster gestreckten Füße sind das Problem, sondern die laute Musik.
    foto: tobias kleinschmidt dpa/lbn

    Nicht die aus dem Fenster gestreckten Füße sind das Problem, sondern die laute Musik.

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