"Normale Arbeitslose brauchen das Arbeitsamt kaum"

Bericht30. April 2015, 20:03
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Arbeitsmarktservices haben laut OECD-Experte Christopher Prinz keine Antworten auf aktuelle Probleme

Wien - Behält das Arbeitsmarktservice (AMS) recht, dann wird die Arbeitslosigkeit in Österreich erst 2019 wieder leicht zurückgehen. Bis dahin wird sie - ohne Schulungen gerechnet - bei zehn Prozent liegen. Derzeit liegt die saisonal angepasste Arbeitslosenrate ohne Schulungsteilnehmer bei neun Prozent. Ende März waren knapp 429.000 Menschen ohne Erwerbsarbeit.

Wobei sich ein Trend schon länger abzeichnet: Vor allem für Ältere ist es schwierig, nach mehrmonatiger Arbeitslosigkeit wieder eine Stelle zu finden. Auch Nicht-Österreicher und Menschen mit Handicaps waren zuletzt besonders von Arbeitsplatzverlust betroffen. Und: Die Budgetmittel werden nicht mehr. Eine Situation, mit der sich vor allem das Arbeitsmarktservice auseinandersetzen muss. Nicht nur in Österreich steht man vor diesen Herausforderungen, wie OECD-Experte Christopher Prinz erklärt: "Die traditionellen Aufgaben des Arbeitsmarktservice ändern sich in den Industrieländern derzeit massiv." Tatsächlich fehle noch das Verständnis dafür, was Benachteiligungen eigentlich seien und was Benachteiligte am Arbeitsmarkt - etwa ältere Arbeitnehmer, die nicht mehr in den Job hineinkommen - brauchen.

Wer das AMS braucht

",Normale' Arbeitslose brauchen das AMS kaum, aber die benachteiligten Gruppen dafür umso mehr", ist Prinz überzeugt. Im Hinblick auf ältere Arbeitnehmer etwa gebe es ein massives Gesundheitsproblem, und viele Langzeitarbeitslose würden mit psychischen Erkrankungen, unabhängig vom Alter, kämpfen. Darauf habe die Arbeitsmarktpolitik derzeit keine Antworten: "Gesundheitspolitik und Arbeitsmarktpolitik liegen noch viel zu weit auseinander. Hier muss man viel stärker integrieren", sieht Prinz Anpassungsbedarf. "Das Arbeitsmarktservice muss also die wirklichen Arbeitsmarktbarrieren beseitigen. Dafür braucht man beim AMS vermutlich auch anders qualifiziertes Personal."

Was die Förderpolitik betrifft, so hält Prinz mehr Effizienz für möglich: "Es werden oft große Summen ausgegeben, ohne deren Effekte tatsächlich zu kennen. In Deutschland werden mittlerweile fünf Prozent der Fördermittel verbindlich in die Evaluierung jedes Programms gesteckt." Hierzulande werden die Programme laut AMS aus Mitteln des AMS-Budgets "laufend" evaluiert. In jedem Fall müssten Investitionen "sehr viel stärker zielgerichtet sein, im Hinblick darauf, dass man fragt, was der Arbeitsmarkt eigentlich braucht". Grundsätzlich hält Prinz das AMS für sehr gut aufgestellt. Insgesamt heiße es aber: "Weniger mit dem Rasenmäher über das gesamte System zu gehen und vielmehr auf den Einzelnen achten."

Was die Fördermittel für Trainings betrifft, so hätten auch Länder wie Schweden und Deutschland kräftig reduziert. "Allerdings muss man auch da vorsichtig sein, denn über einen längeren Zeitraum gemessen kann Training sehr wohl sehr sinnvoll sein; es ist aber schwierig, derartige Langzeiteffekte korrekt zu messen." (rebu, DER STANDARD, 30.4.2015)

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