Gekommen, um zu leben

Eine Integrationsdebatte mit jenen Menschen, über die oft nur geredet wird. Sechs Protokolle.

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2. Mai 2015, 10:00

Ein Immobilienhändler, der mitsamt der Familie in ein neues Leben geworfen wird.

Eine Gesangslehrerin, die nicht wählen darf.

Ein Paar, das seine muslimischen Wurzeln nicht verleugnen möchte.

Ein Sozialarbeiter, der Weiß sieht.

Eine Putzfrau wider Willen.

Ein Informatiker, wie er dem Integrationsminister gefallen würde.

Sie alle haben sogenannten Migrationshintergrund. Sie alle wollen hier eine Heimat finden. Jetzt sprechen sie selbst.

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"Es gibt für uns keine Zukunft in Syrien"

Nobar Sulaiman (41), Immobilienhändler, und Aida Knehr (35), Hausfrau. Nobar ist seit Ende Juli 2014 in Österreich. Aida kam mit den Kindern nach.

Es braucht nur ein Wort, um zu erklären, warum Nobar Sulaiman und seine Frau Aida Knehr mit ihren drei Kindern die Heimat verlassen haben: Angst.

Krieg und Gewalt, die IS-Terrorbrigaden vor Augen - das sind Erfahrungen, die noch lange nachhallen. Ob es nicht gefährlich sei, ein Foto von sich in einer Zeitung abdrucken zu lassen, fragt der Kurde den Übersetzer, der gleich beruhigt.

Bis zu ihrer Flucht hat die Familie in Qamishli gelebt, einer Stadt, die direkt an der türkisch-syrischen Grenze liegt. Zuerst machte sich der Mann auf den Weg. Sulaiman floh in die Türkei, blieb einige Zeit in Istanbul. Dann ging es per Lkw weiter nach Österreich. Warum? "Ich habe gewusst, dass es ein schönes Land ist mit netten Menschen - und dass es hier Freiheit und Demokratie gibt", sagt Sulaiman. Den Empfang durch die Polizei wie auch das Lager Traiskirchen hält er "für in Ordnung".

christian fischer
Aus Angst vor den IS-Truppen aus Syrien geflohen: Nobar Sulaiman kam als Erster. Seine Frau Aida Knehr folgte mit den drei Kindern nach.

Seit Ende Juli 2014 ist er im Land, es dauerte nicht lange, dann hatte er Asyl. Er ist anerkannter Flüchtling. "Ich hatte alle Dokumente vorbereitet, damit meine Kinder und meine Frau möglichst rasch nachfolgen können", sagt er. Ein paar Wochen später sind sie da. In der Zwischenzeit hatte der Vater und Ehemann große Sorgen, eine passende Bleibe zu finden.

Wohnungen sind teuer - vor allem wenn man keinen Gehaltszettel vorweisen kann, Flüchtling ist und kein Wort Deutsch spricht. Die Wohnung, die schließlich in Wien-Favoriten gefunden wurde, ist mit rund 50 Quadratmetern für eine fünfköpfige Familie klein, und sie hat ein großes Manko: Es fehlt eine Heizungsanlage. "Im Winter war es sehr, sehr kalt", sagt der 41-Jährige und zeigt auf einen kleinen Elektroradiator, der traurig an der Wohnzimmerwand hängt.

Ohne Deutschkenntnisse wird die Jobsuche nahezu unmöglich. In Syrien hat Nobar Sulaiman Immobilien vermittelt. Auch ihm ist klar, dass er in Wien wahrscheinlich einen Job in einer anderen Branche finden muss. "Vielleicht gibt es eine Firma, die einen Fahrer sucht", hofft er. Seine 35-jährige Frau kümmert sich wie schon zuvor um die Kinder. Dass man als Muslime in Österreich angefeindet werden könnte, glaubt das Paar nicht. Aber: "Da wir nicht Deutsch können, haben wir auch keinen Kontakt zu Österreichern."

Die Sprachprobleme sind ein Bereich, in dem sich die Flüchtlinge vom Staat vernachlässigt fühlen. "Auf den Ämtern ist es für uns sehr schwierig, wenn wir niemanden zum Dolmetschen finden." Beide Erwachsenen lernen mehr schlecht als recht zu Hause Deutsch, wann Sie einen professionellen Kurs finden, ist offen. Man suche, wird versichert.

Die Kinder haben es da etwas leichter. Sie alle - zwei Buben im Alter von 15 und 14 Jahren und eine siebenjährige Tochter - gehen in die Schule. Die Wohnsituation ist das nächste große Problem. "In Wien ist es so schwer, etwas zu finden. Da könnte die Stadt schon helfen", findet Sulaiman.

Mit den Verwandten im syrischen Qamishli hält man Kontakt, so gut es geht: "Die Situation ist sehr schlecht. Das einzig Positive ist, dass wir Kurden uns vor den IS-Truppen selbst verteidigen." Daher ist für Nobar Sulaiman klar: "Wir wollen in Österreich bleiben. Es gibt für uns keine Zukunft in Syrien."

christian fischer
Eric Osaze Osamwonyi stammt aus Nigeria. Seine Eltern holten ihn nach Wien. Als Sozialarbeiter hilft er nun Flüchtlingen.

"Ich weiß, was viele andere erleben müssen"

Eric Osaze Osamwonyi (37), Sozialarbeiter. Herkunft: Nigeria. Eric kam als 13-Jähriger nach Österreich.

Eric Osaze Osamwonyi erinnert sich noch heute an den ersten Eindruck, den Wien auf ihn gemacht hat: "Ein paar Stunden Flug - und auf einmal war alles weiß. Die Menschen waren alle weiß." Osamwonyi war damals dreizehn Jahre alt, als ihn seine Eltern nach Österreich holten. Bis dahin wuchs er bei seinen Verwandten in Benin City in Nigeria auf, seine Eltern waren zum Studieren, Arbeiten und, wie er sagt, "für eine bessere Bildung und wirtschaftliche Zukunft" weggegangen. Das sei eine Zeit gewesen, "als die Menschen in anderen Ländern noch willkommen geheißen wurden. Nicht so wie jetzt, wo allerorts eine Schotten-dichtmachen-Politik betrieben wird". Die Eltern, mittlerweile längst in Pension, arbeiteten viel in Jobs, "die Migranten eben so machen, um zu überleben". Heute sind er, seine Mutter und Geschwister österreichische Staatsbürger, nur der Vater wollte sie nicht. Eine dauerhafte Rückkehr in seine alte Heimat schließt er aus. Seine Art zu leben, seine Weltanschauung hätten sich zu sehr geändert.

Anders als andere Nigerianer hatte es Osamwonyi leicht, in Österreich Fuß zu fassen. "Meine Eltern waren da, meine drei in Wien geborenen Geschwister, und dann fanden sich auch schnell Freunde", sagt der 37-Jährige, der inzwischen selbst Vater eines sechsjährigen Sohnes und einer achtjährigen Tochter ist. Mit Rassismus war er wenig konfrontiert, sagt Osamwonyi, aber "ich weiß, was viele andere erleben mussten und müssen".

Das Wissen darüber bekommt er durch seine Arbeit. Osamwonyi ist Sozialarbeiter beim Integrationshaus in Wien. Als Berater und Begleiter hilft er Flüchtlingen, vor allem auch jenen aus Afrika. Seine Sprachkenntnisse helfen da, obwohl sich bei ihm die Muttersprache Edo immer mehr mit englischen Wörtern vermischt. Eines weiß der Sozialarbeiter seit langem: Nigerianer haben kaum Chancen auf Asyl. Dazu hat er auch ein Buch veröffentlicht (Voodoo und Klinische Sozialarbeit). "Durch die vielen Kriege - Syrien, Afghanistan, Irak - ist es zwar leichter, Asyl zu bekommen, nur hört die Hilfe mit der Anerkennung leider auf", klagt er. Aufgrund seiner Arbeit kennt Osamwonyi auch das momentane Hauptproblem, das praktisch alle Asylwerber trifft: die angespannte Wohnsituation. Er weiß von Leuten, die zu siebt oder acht in Kleinstwohnungen hausen müssen. Andere würden überhaupt keine Bleibe finden. "Da muss mehr geholfen werden", sagt er. Durch die vielen Flüchtlinge gebe es auch einen massiven Engpass bei den Deutschkursen. Die seien völlig überrannt.

Als Teenager träumte er davon, Arzt oder Jurist zu werden. Später habe er aber gemerkt, dass ihm die Arbeit mit Menschen mehr liege. Der Zivildienst in einem Flüchtlingsheim prägte ihn. Danach entschied er sich für das Masterstudium "Soziale Arbeit". Wer fragt, was ihn zu Beginn in Österreich am meisten überraschte, bekommt eine überraschende Antwort: Kurz nach der Ankunft gab es Spaghetti zum Essen. In Nigeria herrschte damals eine Bandwurmepidemie. Der Bub war geschockt. Er habe nur gedacht: "What the fuck!"

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christian fischer
"Die vermitteln mir immer Arbeit bei Reinigungsfirmen."

"Deren Arbeit sollte eigentlich ich machen"

Monica S. (43), Buchhalterin, Herkunft: Rumänien, seit 2009 in Österreich

Irgendwann war klar: Es fehlt das Geld, es bleibt nichts anderes übrig, als putzen zu gehen. Also heuerte Monica S. bei einer Reinigungsfirma an. "Jeden Tag habe ich dann in einem großen Büro geputzt. Das war sehr traurig. Die Arbeit der hier Angestellten sollte eigentlich ich machen."

Einige Jahre zuvor. Da hatte sie noch keine Zweifel daran, ihren Beruf auch in Österreich ausüben zu können. Damals hatte Monica S. in Rumänien an der Wirtschaftsuni studiert, nebenbei sechs Jahre lang als Buchhalterin in einer Firma gearbeitet. Dann verliebte sie sich in einen Österreicher mit rumänischen Wurzeln, zog nach Wien, besuchte den ersten Sprachkurs. Die heute 43-Jährige tut sich sprachlich schwer, ist ein Zahlenmensch. Nach drei Jahren in Wien sind ihre Deutschkenntnisse immer noch holprig, das Geld wird knapp. Frau S. beginnt in einer Branche, die zwar nicht nach Deutschdiplomen fragt, aus der es aber schwierig ist, wieder zu entkommen: bei der Putzfirma.

Hier fällt die Rumänin durch - im Vergleich zu den anderen Kollegen - gute Deutschkenntnisse auf: "Der Chef hat immer nur mit einer Kollegin und mir gesprochen. Wir haben den anderen dann gezeigt, was sie tun sollen."

Monica S. will nicht für ihr restliches Leben Putzfrau sein. Nach einer Operation verliert sie den Job ohnehin wieder. Bereits zuvor besucht sie einen vom Arbeitsmarktservice vermittelten Deutschkurs, diesmal auf B1-Niveau. Bei der Prüfung am Ende des Kurses wird darauf geachtet, ob sie Situationen aus dem Alltags- und Berufsleben versteht - und zwar in den Disziplinen Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen. Monica S. tut sich schwer. Mit der Lehrerin ist die Wirtschaftsstudentin nicht zufrieden. "Sie war aus Polen, ihre Aussprache war gar nicht gut. Sie sagte ,isch, disch, misch' statt ,ich, dich, mich'. Als ich freundlich nachgefragt habe, was richtig ist, ging sich die Kursleiterin beschweren." Beim AMS bekommt die Rumänin dann zu hören, es gäbe eben keine anderen Lehrkräfte zurzeit. Die Prüfung hat sie am Ende nicht bestanden. Die anderen Kursteilnehmer glaubten übrigens, dass "isch, disch, misch" korrekt sei.

Zukunft Österreich

Auch sonst ist die Neo-Wienerin mit ihrer Betreuung durch das AMS wenig zufrieden. "Die vermitteln mir immer Arbeit bei Reinigungsfirmen." Als sie sich nach der Geburt ihres ersten Kindes, Samuel, beim ABZ Austria in Sachen Weiterbildung beraten lässt, erklärt ihr die AMS-Betreuerin: "Wir sagen Ihnen, wie und was Sie zu tun haben." Auf einen neuen Platz im B1-Kurs muss die Rumänin bislang warten.

Jetzt will sie die drei Prüfungen, die ihr zum Abschluss des Wirtschaftsstudiums fehlen, in Rumänien nachholen. Gelernt wird bereits, Ende Mai geht es in die alte Heimat. Und doch dort bleiben? Nein, die Zukunft der Kinder liege in Österreich. Der kleine Samuel wächst zweisprachig auf, spricht akzentfrei Deutsch und Rumänisch. Außerdem sind die Freunde hier. Unter ihnen sind viele Österreicher.

foto: christian fischer
Wollen Teil der Gesellschaft sein, ohne sich selbst verleugnen zu müssen: Husmin und Halime R.

"Ich kann Muslim und Österreicher sein"

Husmin R. (23), Student und Angestellter, kam als Baby von Bosnien nach Österreich, und Halime R. (27), Salzburgerin, sucht Arbeit.

Halime ist Halleinerin. Das Kopftuch, das sie beim Kennenlernen vor der Moschee am Wiener Donaukanal trägt, erzählt aber mehr von ihren türkischen als ihren Salzburger Wurzeln.

Vater und Mutter kamen in den 80er-Jahren aus der Türkei nach Österreich. In der Familie wird Türkisch gesprochen. Mit Deutsch hatte Halime nie Probleme - "wir hatten einen Fernseher zu Hause". Wenn die 27-Jährige heute mit Salzburger Dialekt von ihrer Kindheit auf dem Land erzählt, sind das trotzdem nicht die schönsten Erinnerungen. "Ich war ein schüchternes Kind, habe mich von Anfang an ziemlich fremd gefühlt in der Klasse." Schon früh bekam sie zu hören: "Schwarzkopf, geh weg, du bist grausig." Oder: "Ihr Ausländer solltet eh alle zurückgehen." Als Kind habe sie das überhaupt nicht verstehen können: "Ausländer? Wir? Was meinen die damit?"

Die Lehrerin war ihr keine Hilfe. Statt Unterstützungsangeboten hagelte es vor der ganzen Klasse Kritik an Halime und ihren Eltern. Dass es auch anders geht, sah sie später beim jüngeren Bruder. Dessen engagierte Lehrerin habe die Familie durch Freizeitaktionen mit anderen Familien gezielt eingebunden. "Da habe ich mir dann gedacht: Dann kann es ja nicht nur an meinen Eltern gelegen haben, dass es in der anderen Klasse nicht geklappt hat."

christian fischer
"Ich kann es ja verstehen, dass vor allem ältere Leute, die in einer anderen Zeit aufgewachsen sind, denen das fremd ist, Ängste haben. Die wollte ich ihnen gerne nehmen."

Auch ihrem Mann Husmin ist es besser ergangen. Er kam 1992 im Babyalter hierher, blieb ab dem zweiten Lebensjahr alleine bei Opa und Onkel, während die Eltern (der Vater ist Mediziner) nach Bosnien in den Krieg zurückkehrten. Husmin beendet die erste Volksschulklasse in der Stadt Salzburg, dann geht auch er nach Bosnien. Die Kindheit hier hat er in guter Erinnerung, "es gab in meiner Klasse auch ein paar andere Kinder mit Wurzeln außerhalb Österreichs". Schwierig wurde es dann umgekehrt in Bosnien. Da konnte Husmin nämlich fast kein Bosnisch mehr. Österreich hatte er in so guter Erinnerung, dass er vor fünf Jahren zum Studieren zurückkam. Recht, Wirtschaft, EU-Studies.

Seine Frau Halime sucht derzeit Arbeit. Bei einer Bewerbung als Heimhilfe sagte man ihr nach einem erfolgversprechenden Vorstellungsgespräch ab - weil ihr Kopftuch eine Provokation für die Kunden sein könnte. Sie sagt: "Ich kann es ja verstehen, dass vor allem ältere Leute, die in einer anderen Zeit aufgewachsen sind, denen das fremd ist, Ängste haben. Die wollte ich ihnen gerne nehmen." Stattdessen landete der Fall vor der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Deren Angebot, ein Mitarbeiterinformationsgespräch durchzuführen, lehnte die Gegenseite ab. Am Ende gab es einen Vergleich.

Ihr Kopftuch will die junge Muslimin weiter tragen. Als Zwölfjährige streifte sie es zum ersten Mal über. "Das war eher impulsiv nach dem Motto ,Heute zieh ich mal das an, morgen das'." Später, in der Handelsschule, wurde auf ihren Spind gekritzelt. Mit 15 legt Halime das Kopftuch ab, entscheidet sich erst mit 23 - gegen den Willen der Eltern - wieder, es zu tragen.

Von den Debatten über Integration fühlt sich das frisch verheiratete Paar nicht angesprochen: "Wieso sollte ich? Ich fühle mich als Österreicher", erklärt Husmin. Er sei auch dafür, dass Menschen, die hierherkommen, "gleich Deutsch lernen". Aber viele Politiker würden Integration mit Assimilation verwechseln. "Ich will mich integrieren, Teil dieser Gesellschaft, Teil der freiwilligen Feuerwehr sein - aber ich muss nicht einen Bierkrug in der Hand halten und ein Schnitzel essen. Ich kann Muslim und Österreicher sein."

christian fischer
Die Deutsche Christiane Fischer kam vor zehn Jahren zum Singen nach Wien. Wählen darf sie hier nicht.

"Die reden ja gar nicht alle wie Hans Moser"

Christiane Fischer (46), Singschulleiterin, Herkunft: Schwaben. Seit 2006 in Österreich.

Sie ist Teil der größten Migrantengruppe in Österreich. Und dann hat sich Christiane Fischer, eine von rund 227.000 Deutschen im Land, auch noch mitten in ein heikles berufliches Gelände begeben. Als Leiterin der Singschule Wien steht sie, wenn sie als Dirigentin im Einsatz ist, immer wieder auf dem Prüfstand der musikalisch "sehr selbstbewussten" Wiener. Aktuell bei den Geschichten aus dem Wiener Wald: "Für mich ist das eine große Herausforderung. Da weiß ich: Die Wiener werden da mit solchen Ohren sitzen." Entweder hieße es dann: "No schau, die Deutsche hat das ganz gut gemacht." Oder: "Das muss sie noch lernen."

Christiane Fischer kann damit leben, weiß um das scheinbar angeborene Defizit: "Ich hab's halt nicht im Blut. Wer das selbst schon als Kind gesungen hat, macht das intuitiv. Ich glaube, dass es so etwas wie einen musikalischen Dialekt gibt."

Rätselhaftes "Fost ois"

Apropos. Die Schwäbin aus Ravensburg stand in ihren mittlerweile fast zehn Jahren in Österreich natürlich immer wieder vor sprachlichen Rätseln. Bei der Frage "Brauchen S' ein Stockerl?" dachte sie an einen kleinen Stock. Dass es um den Klavierschemel geht, wäre ihr nicht eingefallen. Oder bei den Proben fürs Kinderkonzert im Mühlviertel, als sie die Kleinen fragte, was sie denn gerne so machen: "Fost ois", kam von einem der Mädchen zurück. Beim besten Willen wäre Christiane Fischer ohne die Übersetzungshilfe eines anderen Mädchens nicht eingefallen, dass damit "fast alles" gemeint ist. Trotzdem bemerkte die 46-Jährige recht schnell: "Also, so wie der Hans Moser reden ja gar nicht alle."

christian fischer
"Ich bin jetzt zehn Jahre hier, wir sind in der EU, und ich darf gerade einmal den Bezirksvorsteher wählen. Ich kann, wie rund 20 Prozent der Wiener Bürger, nicht einmal den Bürgermeister mitbestimmen. Das frustriert mich manchmal schon recht."

Das Heile-Welt-Klischee ließ sich auch in anderen Zusammenhängen nicht aufrechterhalten, etwa was die politische Mitsprache anlangt: "Ich bin jetzt zehn Jahre hier, wir sind in der EU, und ich darf gerade einmal den Bezirksvorsteher wählen. Ich kann, wie rund 20 Prozent der Wiener Bürger, nicht einmal den Bürgermeister mitbestimmen. Das frustriert mich manchmal schon recht. Ich meine, ich arbeite für die Stadt, ich gebe mein Herzblut für die Gemeinde, und dann das!" Ja, sie möchte sich integrieren. Auch wenn sie vom Gefühl her - und verbal - immer eine Deutsche bleiben wird. "Es würde der Integration sehr helfen, wenn ich in der Stadt, in der ich lebe, auch meine Stimme abgeben kann."

In der Singschule funktioniert die Integration von Kindern mit diversen Muttersprachen "unglaublich gut", sagt ihre Leiterin. Zum Sprachrhythmus geselle sich die Melodie, gemeinsam studiere man auf diese Weise vergleichsweise leicht auch türkische oder japanische Lieder ein. Was hinzukomme: "Meine Kolleginnen sind in Sachen Integration speziell ausgebildet. Jemand, der das nicht ist, hat sicher einen viel anstrengenderen Schulalltag."

Was ihre eigene Integration anlangt, musste Christiane Fischer auch ein Stück deutsches "Ich" hergeben: "Ich bekam recht schnell das Feedback: 'Christiane, komm am Telefon nicht so schnell zur Sache. Frag ein bisschen, wie's geht, ob alles okay ist.'" Das macht sie jetzt also. Außer sie ist sehr in Eile.

Anderes wird für sie immer fremd und skurril bleiben. Dass man etwa zur Eheschließung mit dem eigenen Mann ein "Amtshilfeverfahren" braucht. Oder dass man mit jeder Verletzung sofort ins Spital rennt.

christian fischer
Der Iraner Sina Ahani Azari kam als Teenager nach Österreich, damals verstand er noch kein einziges Wort Deutsch

"Wer auffällt, ist nicht immer willkommen"

Sina Ahani Azari, 44, Service-Delivery-Manager, Herkunft: Iran, seit 1984 in Österreich

Integrationsminister Sebastian Kurz hätte wohl seine Freude mit Sina Ahani Azari. Der gebürtige Iraner kommt dem Bild eines "Vorzeigemigranten" sehr nahe. Wenn er spricht, ist nicht einmal der Hauch eines Akzentes zu erkennen. Dabei ist Azari erst als Jugendlicher nach Österreich ausgewandert. Er schafft die Matura mit 21 Jahren und absolviert ein Studium. "Es war wichtig, gut Deutsch zu lernen. Sprache verbindet", sagt er heute: "Jeder, der in einem neuen Land leben will, sollte dessen Sprache können."

Im Iran gab es, als Azari ein Bub war, nur zwei Alternativen. Bis zum 15. Lebensjahr bestand die Möglichkeit, das Land offiziell zu verlassen, ansonsten drohte mit 18 die Rekrutierung durch die Armee. Der Bub sollte nicht zum Heer, befanden seine Eltern. Da eine Tante in Österreich lebte, machte sich der Bub im Jahr 1984 auf die Reise von der Stadt Gorgan mit rund 300.000 Einwohnern im Norden des Irans, in der Nähe der Südostküste des Kaspischen Meeres gelegen, bis nach Salzburg. Drei Monate verbrachte er dort, dann siedelte er nach Wien um, erinnert sich der 44-Jährige. Da er als damals noch Minderjähriger nicht alleine in der Großstadt leben durfte, musste ein Vormund für ihn gefunden werden. Also reiste ihm seine damals 18-jährige Schwester nach und siedelte sich ebenfalls in Wien an.

christian fischer
"Jeder, der in einem neuen Land leben will, sollte dessen Sprache können."

Die erste Zeit in der Bundeshauptstadt sei hart gewesen, sagt Azari. "In Salzburg hat man mich an der Schule mit offenen Armen empfangen. Die Mitschüler waren interessiert, haben sich bemüht", erinnert sich Azari, der damals noch kein Wort Deutsch sprach. Wien war offenbar anders: "Da gab es eigentlich kein Interesse. Aber vielleicht ist das eben der Unterschied, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt." In der Schule im achten Gemeindebezirk fand sich aber doch Hilfe. So habe ihn eine Lehrerin sehr unterstützt. Drei Jahre braucht er, um inhaltlich "mit der Klasse im Einklang zu sein". Nach der Matura absolvierte Azari ein Informatikstudium, derzeit arbeitet er als sogenannter Service-Delivery-Manager, eine Art Kundenbetreuer, bei einem großen Telekommunikationsunternehmen.

Der Kontakt zur Familie im Iran ist bis heute aufrecht, der Lebensmittelpunkt bleibt für den Single aber Wien. Seine Sicht auf Österreichs Integrationsbemühungen: "Wer auffällt, ist nicht immer willkommen." Seitens des Staates gebe es schon Bemühungen, sagt der Informatiker, er müsse seinerseits aber auch klare Strukturen bieten, etwa im Bildungsbereich. Es gehörten Wege aufgezeichnet, die zeigen, dass man sich dank Bildung weiterentwickeln kann.

Umgekehrt sollten die Menschen versuchen, sich zu integrieren, ohne dabei aber die Individualität zu verlieren, meint er. Frauen, die ein Kopftuch tragen wollen, sollten dies selbstverständlich machen können, nur: "Sie müssen damit rechnen, schief angeschaut zu werden." Was er skurril an seiner neuen Heimat findet? "Wie parlamentarische Untersuchungsausschüsse verlaufen. Ich habe oft den Eindruck, dass es zuerst tausend Schuldige gibt. Am Ende bleibt dann aber nichts übrig."

(Text: Peter Mayr und Karin Riss, DER STANDARD, 2.5.2015)