"Eden": Die Basslinie zu einer verlängerten Jugend

1. Mai 2015, 12:00
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Lebenskonzept Musik: Mia Hansen-Løves schöner Film erzählt von der DJ-Szene der 90er-Jahre

Wien - Eine Wohnzimmerparty in Paris, 1995. Zwei junge Männer bereiten sich am DJ-Pult auf die nächste Nummer vor, einer hört in die ersten paar Takte hinein, dreht dann an ein paar Knöpfen. Wenn man den neuen Song endlich hört, ist er in der eigenen Erinnerung sofort wieder da: Da Funk von Daft Punk. Unter den Partygästen sind auch ein paar andere House-Musiker, die die Ohren spitzen. Das sei Disco für dieses Jahrzehnt, sagt einer. Die Nummer rockt, ist sich ein anderer sicher.

Die beiden Köpfe der bis heute tätigen Formation stehen aber nicht im Zentrum von Mia Hansen-Løves Film Eden. Sie personifizieren einen Karriereweg im Genre French House (auch wenn sie vor Clubs oft nicht erkannt werden), der dem Protagonisten Paul (Félix de Givry) verwehrt bleibt. Denn während das Duo sich konstant nach oben bewegt hat, müsste man seinen Weg als Parabel beschreiben. Eine Aufwärtsbewegung, die, noch bevor daraus etwas Einträgliches wird, ihren Zenit erreicht.

Für einen Musikerfilm ist dies ein ungewöhnlicher Fokus, da man üblicherweise auf den Stars ruht und spektakuläre Heldengeschichten oder Rise-and-Fall-Storys erzählt. Doch Hansen-Løve ist mehr an jenen interessiert, die eine Szene, ein Milieu mitprägen und allmählich einen gewissen Pragmatismus entwickeln, da der Durchbruch nie richtig erfolgt. In diesem Bereich muss sich die Leidenschaft früher oder später an profanen Erfordernissen des Daseins messen. Wie lange geht ein Lebensstil mit solchen Unwägbarkeiten gut?

Die Musik einer Gruppe

Die französische Regisseurin hat schon in früheren Filmen, beispielsweise in ihrem Debüt Tout est pardonné (2007), Geschichten aus ihrem erweiterten Umfeld erzählt. Eden hat sie nun gemeinsam mit ihrem Bruder Sven geschrieben, und Paul, das ist im Grunde dessen fiktives Alter Ego. Dennoch ist die Erzählung mehr auf ein Ensemble aus Figuren ausgerichtet, deren unterschiedliche Temperamente für die Kreativität der Szene wesentlich sind und ihren eklektischen Stil geprägt haben.

Der gemeinsam organisierte Garage-House-Club Cheers, zu dem wiederholt Gäste aus Übersee (wie eine anspruchsvolle La India) geladen sind, ist das deutlichste Ergebnis dieses Unterfangens. Die Tanzfläche wird von Hansen-Løve dennoch beiläufig-distanziert ins Bild gerückt, nur ganz selten gibt sie sich den ekstatischen Körpern hin. Das unterstreicht ihren Ansatz, mehr von einer Kultur, deren kollektivem Geist und Räumen erzählen zu wollen.

Unkonzentriert ist Eden mit seiner Vorliebe für Abschweifungen jedoch nicht. Hansen-Løve akzentuiert den Fluss der Zeit szenisch - der Film führt vom Jahr 1992 bis 2013 - und manchmal durch Titel. Sie zeigt das Miteinander der Freunde mit dokumentarischem Anspruch, sei es bei Restaurantbesuchen, Partys, beim Komponieren oder bei der Debatte von Paul Verhoevens Showgirls. Die Leerstellen in der Erzählung unterstreichen eher Pauls Beständigkeit. Verluste gibt es auch. Den Tod eines Freundes und Freundinnen (Greta Gerwig, Pauline Etienne), die sich für andere Lebensmodelle entscheiden.

Auch der Niedergang ist ein Kontinuum, ein langsames Dahinfaden. Irgendwann tanzen mehr Kinder auf der Party als Erwachsene, und die Unbeständigkeit des Musikerdaseins manifestiert sich in Schulden. Die Zurückhaltung, mit der Eden vom Scheitern dieses Traums erzählt, ist souverän. Eine Mischung aus Euphorie und Melancholie - so wird einmal die Musik bezeichnet. Das ist auch eine gute Beschreibung für diesen schönen Film. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 30.4./1.5.2015)

Ab 1.5. im Kino

  • Ein House-DJ, der sein Leben in der Musik verliert: Félix de Givry in Mia Hansen-Løves "Eden".
    foto: thimfilm

    Ein House-DJ, der sein Leben in der Musik verliert: Félix de Givry in Mia Hansen-Løves "Eden".

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