Bärenmarkt im Börsensommer

1. Mai 2015, 08:00
65 Postings

Jahr für Jahr stehen Aktienanleger vor der Frage, ob sie der alten Börsenweisheit "Sell in May" Folge leisten sollen. Experten raten heuer davon ab

Wien/London - Im Mai beginnt die entspannte Zeit für Aktieninvestoren - zumindest für jene, die ihre Anlagen entsprechend der alten Börsenweisheit "Sell in May" verwalten. Diese besagt, dass Aktien in der warmen Jahreszeit bis inklusive Oktober meist eine bescheidene, wenn nicht gar negative Entwicklung verzeichnen. In den frostigen Monaten geht es im Gegenzug an der Börse heiß her, und im Durchschnitt fallen üppige Renditen an.

Seit Anfang November stehen zumindest in Europa tatsächlich sehr ertragreiche Monate bevor: Der Dax hat etwa einen Anstieg um gut ein Viertel verzeichnet, andere europäische Märkte kaum weniger. Freilich hat der deutsche Leitindex dank der Anleihenkäufe der EZB sowie dem Verfall von Euro und Ölpreis besonders starken Auftrieb erfahren. Im selben Zeitraum ist es an der Wall Street mit einem Zuwachs von bloß vier Prozent gemessen am Dow Jones Industrial wesentlich beschaulicher zugegangen.

Keine Anzeichen für Korrektur

Gerade deshalb hält Jeff Hochman, Leiter der technischen Analyse bei Fidelity, einen deutlichen Rücksetzer der US-Börsen während der Sommermonate für wenig wahrscheinlich: "Ich sehe derzeit keine Anzeichen, dass eine Korrektur von zehn oder mehr Prozent bevorsteht. Von der technischen Seite gibt es kein großes Risiko - noch nicht."

foto: ho, andy lane
Entwarnung gibt Jeff Hochman, der als technischer Analyst aus historischen Kursverläufen Schlüsse zieht.

Denn als potenziellen Auslöser eines Rücksetzers sieht Hochman die Abkehr von der Nullzinspolitik der US-Notenbank Fed, mit der nach dem Sommer zu rechnen sei: "Nach der ersten Zinserhöhung gibt es meistens eine Korrektur, oder es geht über drei bis sechs Monate seitwärts. Aber danach setzt sich normalerweise der Aufwärtstrend fort."

"Sind in einem Bullenmarkt"

Auch Fondsmanager Cormac Weldon von Artemis Investment Management sieht die Wall Street über die Sommermonate in ruhigem Fahrwasser: "Ich glaube nicht, dass 'Sell in May' eine gute Strategie ist." Seiner Ansicht nach haben die US-Aktienmärkte nämlich gerade einige negative Einflüsse verdaut, etwa seitens des Devisenmarkts: "Der starke US-Dollar sorgt für einigen Gegenwind für Wirtschaft und Unternehmen." Dies hält Weldon aber nun für ausreichend eingepreist, und er sieht den Weg frei für eine freundliche Kursentwicklung: "Wir befinden uns in einem Bullenmarkt, und es sollte weiter aufwärtsgehen."

foto: ho, onedition
Fondsmanager Cormac Weldon glaubt nicht an "Sell in May" und erwartet keine größere Korrektur.

Etwas vorsichtiger ist Fidelity-Experte Hochman, was die Entwicklung am alten Kontinent betrifft. "Es wird demnächst vielleicht ein bisschen wackelig. Der Dax ist in den vergangenen sechs Monaten super gelaufen, vielleicht sogar etwas zu viel", gibt der technische Analyst zu bedenken. Positiv stimmt ihn jedoch, dass in Europa zuletzt kleine und mittelgroße Unternehmen besser gelaufen sind als die großen Blue Chips. "Das ist für mich ein gutes Zeichen", sagt Hochman, "ich bin immer noch relativ positiv gestimmt."

Ertragreicher Börsenurlaub

Eine langfristige Untersuchung des deutschen Aktienmarkts kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Durchschnittlich haben Investoren seit 1959 einen Jahresertrag von knapp mehr als fünf Prozent realisieren können. Wer im selben Zeitraum jeden Mai sein Depot leergeräumt hat und bis Ende Oktober "Börsenurlaub" genossen hat, konnte mit dieser Strategie im restlichen Jahresverlauf fast 6,2 Prozent Performance pro Jahr einstreifen.

Zum selben Schluss kommt Professor Ben Jacobsen von der University of Edinburgh. In einer Studie aus dem Jahr 2012 hat er insgesamt 319 Jahresverläufe an 108 Börsen untersucht, wobei in sieben von zehn Fällen der "Sell in May"-Effekt eingetreten ist. In den Monaten bis Oktober konnten Investoren durchschnittlich 2,4 Prozent Ertrag generieren, von November bis Ende April hingegen stattliche 6,9 Prozent.

"Eine rätselhafte Anomalie"

Selbst Jacobsen tut sich schwer, eine wissenschaftlich fundierte Erklärung für dieses Phänomen zu finden. Seiner Ansicht nach hängt es möglicherweise mit der Reisezeit im Sommer zusammen, weder Börsenprofis noch Privatanleger würden gern ein unbeaufsichtigtes Portfolio hinterlassen. Aber im Grunde kommt der Wissenschafter zu folgender Erkenntnis: "Der Effekt ist eine rätselhafte Anomalie mit globaler Gültigkeit." Eigentlich nur fast weltweit, denn die Börsen in Nepal und Bangladesch halten hartnäckig dagegen und erzielen von Mai bis Oktober die bessere Entwicklung.

Fidelity-Analyst Hochman hat freilich noch einen Pfeil im Köcher, warum es auch abseits dieser beiden Länder heuer keinen trüben Börsensommer geben sollte - nämlich andere, langfristige Zahlenreihen. Zunächst verweist er auf Untersuchungen, wonach das fünfte Jahr jedes Jahrzehnts die stärkste Entwicklung aufweise: "Seit 1885 gab es in keinem 5er-Jahr auch nur ein negatives Ergebnis." Dazu hebt Hochman den sogenannten Präsidentenzyklus in den USA hervor, wonach das dritte Jahr jeder Amtsperiode als das stärkste an der Börse gilt: "Beides lässt darauf schließen, dass 2015 ein gutes Jahr für den Markt bleiben sollte." (Alexander Hahn, DER STANDARD, 30.4.2015)

  • Im Mai übernimmt an der Börse oft der Bär, Symboltier für fallende Kurse, das Kommando. Nach stürmischen Kursgewinnen in den Wintermonaten steht dann zumeist eine trägere Ertragsperiode an.
    foto: dpa / martin athenstädt

    Im Mai übernimmt an der Börse oft der Bär, Symboltier für fallende Kurse, das Kommando. Nach stürmischen Kursgewinnen in den Wintermonaten steht dann zumeist eine trägere Ertragsperiode an.

  • Artikelbild
Share if you care.