Das Genozid-Wort bringt die Türkei aus der Fassung

30. April 2015, 16:18
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Nach dem 100. Jahrestag des Armenier-Völkermord ist der diplomatische Schaden für die Türkei groß

Ankara/Athen - Hasan Gögüs verbringt seine Arbeitstage nun im Außenministerium in Ankara statt in der Wiener Prinz-Eugen-Straße, und es sieht ganz so aus, als ob das noch für einige Zeit so bleiben wird. Zu Fragen über eine Rückkehr des türkischen Botschafters nach Wien will sich das Ministerium nicht äußern. "Diese Angelegenheit ist in einem Bewertungsprozess", heißt es lediglich.

Für seine zurückberufenen Botschafter kann das türkische Außenministerium mittlerweile einen eigenen Bürokorridor aufsperren. Sieben sind es nun, so werfen die Opposition und kritische Kolumnisten der Regierung von Premier Ahmet Davutoglu vor: Selten habe sich das Land so isoliert.

Zwei ihrer Diplomaten hat die Türkei in diesem Monat wegen des Streits um die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich zu Konsultationen zurückgeholt - die Botschafter aus Wien und dem Vatikan. Dem türkischen Botschafter in Sofia ist die Rückreise gerade noch erspart geblieben: Das bulgarische Parlament änderte vergangenen Freitag in letzter Minute das Schlüsselwort seiner Armenien-Resolution von "Genozid" zu "Massenvernichtung". Eine Einbestellung des bulgarischen Gesandten ins türkische Außenministerium zur Entgegennahme des Protests reichte der Regierung in Ankara.

Diplomaten abberufen

Fünf weitere türkische Botschafter im Nahen und Mittleren Osten sind wegen Bürgerkrieg, Ablehnung des herrschenden Regimes oder bilateraler Zwischenfälle nach Hause beordert worden - die diplomatischen Vertreter in Ägypten, Syrien, Libyen, im Jemen und in Israel. Zum Nachbarland Armenien unterhält die Türkei keine diplomatischen Beziehungen, den EU-Staat Zypern erkennt sie gar nicht erst an.

In Ankara folgt auf die Entrüstung nach den Armenier-Erklärungen nun die Ratlosigkeit. Denn Parlamentsresolutionen werden schwerlich rückgängig gemacht, und das Genozid-Wort, einmal ausgesprochen vom deutschen Präsidenten Joachim Gauck oder dem französischen Staatschef François Hollande, bleibt gesagt.

Wie die türkische Führung von dem Baum herunterkommt, auf den sie geklettert ist, lässt sich nicht erkennen. Nur die Zeit mag den Schaden heilen, den der internationale Status der Türkei im Gefolge des 100. Jahrestags von 1915 erlitten hat, schrieb Cengiz Çandar, ein liberaler Kolumnist und ehemaliger diplomatischer Berater des türkischen Präsidenten Turgut Özal.

Auf unliebsame Erklärungen ausländischer Staaten in der Frage des Völkermords an den Armeniern war die türkische Diplomatie dabei anlässlich des symbolischen Jahrestags gefasst. Wirklich überrascht war sie aber vom russischen Präsidenten Wladimir Putin, der in einem Interview das "G-Wort" gebrauchte und dann zur Gedenkfeier nach Eriwan reiste. "Ich bin persönlich enttäuscht und beleidigt", erklärte der türkische Präsident Tayyip Erdogan.

Erbost erinnerten Erdogan und das Außenministerium an die Verbrechen des Stalinismus und wiesen auf Russlands Rolle im derzeitigen Bürgerkrieg in der Ukraine hin. Doch mit türkischen Strafmaßnahmen rechnet niemand: Russland ist der wichtigste Energielieferant der Türkei.

Türkeibericht verschoben

Politisch folgenreicher mag die Abkanzlung des Europarlaments durch die türkische Regierung sein. Nach der Annahme einer Völkermordresolution Mitte April hieß es in der Erklärung des türkischen Außenministeriums: "Die Teilnahme von 42 Prozent der EU-Bürger bei den Wahlen 2014 zeigt schon den Platz, den dieses Parlament in der politischen Kultur der EU besetzt." Debatte und Abstimmung über den jährlichen Fortschrittsbericht des EU-Kandidaten Türkei, ursprünglich vorgesehen für diese Woche im Straßburger Parlament, sind auf Mai verschoben worden. (Markus Bernath, DER STANDARD, 30.4.2015)

  • Luftakrobatik türkischer Militärjets: Die türkische Außenpolitik steht kopf, überall sieht sie Missgunst und Feindseligkeit. Sieben Botschafter sind mittlerweile nach Ankara zurückbeordert worden.
    foto: ap/burhan ozbilici

    Luftakrobatik türkischer Militärjets: Die türkische Außenpolitik steht kopf, überall sieht sie Missgunst und Feindseligkeit. Sieben Botschafter sind mittlerweile nach Ankara zurückbeordert worden.

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