Alexander Pereira: "Floppt die Expo, ist es auch für uns ein Problem"

Interview30. April 2015, 05:30
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Statt Sommerpause jeden Abend zwischen 1. Mai und 31. Oktober Konzerte und Opern: Anlässlich der Expo 2015 plant der Intendant der Mailänder Scala ein besonders üppiges Programm

Mailand – Fast schien Alexander Pereira beruflich vom Glück verlassen. Sein Abgang als Intendant der Salzburger Festspiele war von den regieführenden Stadt- und Landespolitikern rapide vorverlegt worden; dann musste er auch an seiner neuen Traumdestination Mailand mit heftigem Gegenwind kämpfen. Noch ehe Pereira im Herbst 2014 seinen Posten als Intendant der Mailänder Scala antrat, wurde sein Vertrag von sechs Jahren auf 15 Monate gestutzt – und unlängst wieder bis 2020 verlängert. Sogar Italiens Premier Matteo Renzi setzte sich ein, damit entgegen gewerkschaftlichen Protesten Scala-Musikdirektor Riccardo Chailly zum Auftakt der Weltausstellung am 1. Mai "Turandot" (Regie: Nikolaus Lehnhoff) dirigieren kann.

Pereiras ausgeprägtes Talent zum künstlerischen Netzwerken und zur Sponsorenpflege – innerhalb weniger Monate akquirierte er mehr als sechseinhalb Millionen Euro zusätzlich für die Scala – sowie sein ambitioniertes Expo-Programm scheinen Italiens Politiker von der lombardischen Provinz bis an die römische Staatsspitze mit dem temperamentvollen Sovrintendente versöhnt zu haben. Zum Telefoninterview kam Pereira atemlos – und bestens gelaunt: "Ich musste noch so tun, als sei ich wichtig", entschuldigte er lachend die mehrmalige Terminverschiebung.

STANDARD: Naja, als Intendant der Mailänder Scala sind Sie ja tatsächlich einer der international wichtigsten Kulturmanager ...

Pereira: ... davon kann ich mir keinen Mercedes kaufen, wie es so schön heißt. (lacht)

STANDARD: "Der Pereirazug rast durch die Mailänder Scala", schrieb eine deutsche Zeitung. Ein treffendes Bild?

Pereira: Ich habe tatsächlich noch nie in meinem Leben etwas gemacht, wo die Zeit so schnell vergeht. Die Scala ist ein tolles Haus, die Leute sind exzellent, das Orchester fantastisch.

STANDARD: Wie gelang es Ihnen, den Widerstand der Gewerkschaft zu brechen, sodass am 1. Mai zur Eröffnung der Scala doch gespielt werden darf ?

Pereira: Das war ja eigentlich keine Gewerkschaftsentscheidung. Es gibt einen Gerichtsbeschluss des Kassationsgerichtes, der besagt, dass der 1. Mai sakrosankt ist, und jeder Mitarbeiter individuell entscheiden kann, ob er arbeiten will oder nicht. Die Gewerkschaft kann nur Empfehlungen abgeben. Wir haben alle Mitarbeiter angeschrieben, die überwältigende Mehrheit entschied sich, zu arbeiten. An sich war das ja eine drei Jahre alte Diskussion, den Termin für die Expo-Eröffnung hat mein Vorgänger gemeinsam mit der Expo-Leitung und dem Mailänder Bürgermeister bestimmt. Ich habe die Debatte auf kleiner Flamme gehalten, denn das wunderbare Phänomen dieses Hauses ist, dass auch die Bühnenarbeiter "Turandot" kennen und mitdirigieren können. Daher war ich mir auch sicher, je näher die Premiere kommt, umso größer die Liebe und die Begeisterung und umso weniger Probleme.

STANDARD: Waren diese erfolgreichen Verhandlungen mit der Gewerkschaft und den Mitarbeitern letztlich ein Grund, dass Ihr Vertrag wieder auf die ursprüngliche Dauer verlängert wurde?

Pereira: Mit buon senso, also mit gutem Willen betrachtet war es nicht so wahnsinnig schwer, die Leute davon zu überzeugen, dass ich ein bisschen Erfahrung habe. Geholfen hat mir sicherlich, dass ich die Kinderoper an die Scala gebracht habe. Die Stadt hat das in ungeahntem Ausmaß aufgesogen. Zuerst hatten wir zehn Vorstellungen mit 20.000 Karten geplant; jetzt sind wir bei 20 Vorstellungen und 40.000 Karten. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Aktion einen so spontanen Erfolg hat. Jedes Mal, wenn ich eine neue Vorstellung erfinde, sind innerhalb weniger Tage alle Karten verkauft. Dieser Erfolg hat auch mich ankommen lassen in dieser Stadt; er hat mich bestärkt, am richtigen Ort zu sein.

STANDARD: Die Scala bemüht sich nicht nur um junges Publikum, sondern mit der Akademie auch um den künstlerischen Nachwuchs.

Pereira: Die Accademia hat, halten Sie sich fest, 1200 Studierende. Ich bin also gewissermaßen auch Rektor einer Musikhochschule. Ich versuche, die Gesangsklasse auszubauen, die Orchesterakademie zu intensivieren und vieles mehr. Die Akademie ist sicherlich das bedeutendste an ein Theater angeschlossene Ausbildungsinstitut der Welt.

STANDARD: Wie sehr hat Ihr Appell an die wegen ihrer gnadenlosen Reaktionen berüchtigten "Loggionisti" gefruchtet, sie mögen den Sängern mit mehr Respekt und weniger lauten Missfallensbekundungen begegnen?

Pereira: Es gibt deutlich weniger Proteste. Das kann sich natürlich auch ändern, aber momentan ist es so, dass das Publikum den Künstlern wirklich eine Chance gibt.

STANDARD: Sie haben den ganzen Sommer hochkarätig programmiert. Wollen Sie den Salzburger Festspielen Konkurrenz machen?

Pereira: Ich hoffe, dass Expo-Gäste auch die weltberühmte Mailänder Scala besuchen wollen. Aber ich würde nicht sagen, dass dies Festspielbesucher abzieht, denn das ist doch eine andere Klientel. Aber natürlich gibt es künstlerische Überschneidungen. Dudamel wird mit "El Sistema" erstmals eine szenische Produktion realisieren, nämlich die berühmte Zeffirelli-Inszenierung der "Bohème". Das Orquesta Infantil, das in Salzburg Simon Rattle dirigiert hat, wird in Mailand von Chailly geleitet. Wir haben "Otello" mit Juan Diego Flores. So wie seinerzeit "La Traviata" am Zürcher Hauptbahnhof oder zuletzt in Salzburg "Die Entführung aus dem Serail" im Hangar 7 bringen wir im Herbst am Mailänder Flughafen Malpensa "L'elixir d'amour" auch als Event für die Passagiere, das als eine Art Flashmob über TV am Flughafen übertragen wird.

STANDARD: Und dazwischen veranstalten Sie dutzende Konzerte …

Pereira: ... weil ich überzeugt bin, dass man ein Orchesterfest machen muss, wenn die ganze Welt in Mailand zu Gast ist. Und ja, es stimmt, einige Orchester übertreffen die Phalanx der Salzburger Konzerte. Es kommen die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle, die Wiener mit Mariss Jansons, Welser-Möst gastiert mit Cleveland, Andris Nelsons mit den Bostonern, Nikolaus Harnoncourt mit dem Concentus Musicus et cetera et cetera. Diese große Ballung internationaler Orchester kann man nicht so einfach anderswo erleben. Wir haben in unser Expo-Programm zusätzlich drei Millionen Euro investiert, der Kartenverkauf läuft gut. Aber natürlich: Wenn die Expo floppt, ist das auch für uns ein Problem.

STANDARD: Wie setzt sich Ihr Budget von 125 Millionen Euro jährlich zusammen? Funktioniert an der Scala die von Ihnen favorisierte Public-Private-Partnership?

Pereira: Die Scala hat ein sehr gutes Finanzierungsmodell, ein Drittel kommt vom Staat, ein Drittel ist privat, ein Drittel kommt von den Kartenerlösen. Dominique Meyer hat unlängst behauptet, die Wiener Staatsoper sei das höchsteinspielende Haus, aber das stimmt nicht. An der Scala ergeben Karten- und Sponsorenerlöse zusammen zwei Drittel des Jahresbudgets. Nur ein Drittel sind öffentliche Subventionen, an der Staatsoper kommen 60 Prozent von der öffentlichen Hand. Die Scala hat in den letzten zehn Jahren ausgeglichen bilanziert. Und sie ist ein Nationalheiligtum. Daher finden sich auch immer wieder Menschen, die finanziell helfen. 40 Millionen von privaten Sponsoren: Das ist eine Sensation, das gibt es sonst nirgendwo in Europa.

STANDARD: Viele Kulturinstitutionen müssen ihr Angebot reduzieren, Sie expandieren heuer wegen der Expo auf 125 Vorstellungen und spielen ausnahmsweise auch im Juli und August, ab nächstem Jahr soll es immerhin auch noch mehr als 110 statt wie bisher 80 Aufführungen geben. Geht sich das finanziell aus?

Pereira: Die Scala hat die dafür nötige Infrastruktur. 80 Opernvorstellungen voriges Jahr sind eindeutig unter der Kapazität des Hauses. Außerdem kann man bei vier, fünf Premieren immer nur internationales Repertoire erneuern. Die Scala hat zurzeit nur ein Stück von Donizetti, keines von Bellini, sehr wenig von Puccini und außer der "Cavallaria rusticana" kein Verismo-Stück im Repertoire. Das will ich drastisch ändern.

STANDARD: Sie haben bereits mehr als sechs Millionen Euro an zusätzlichen Sponsorengeldern aufgestellt. Wie viele Sponsoren sind Ihnen von Salzburg nach Mailand gefolgt?

Pereira: Diejenigen, die ich aus Zürich nach Salzburg mitgebracht habe, sind finanzkräftig genug, um sowohl Mailand wie auch Salzburg zu unterstützen.

STANDARD: Werden Sie heuer im Sommer bei dem üppigen Scala-Programm überhaupt Zeit haben für einen Besuch der Salzburger Festspiele, etwa auch, um Übernahmen oder Koproduktionen zu verhandeln?

Pereira: Ich werde sicher ein paar Tage da sein, aber nicht wegen Übernahmeverhandlungen. "Fidelio" wurde ja an der Scala gerade realisiert, auch "Figaros Hochzeit" habe ich in einer Neuinszenierung zum Mozartjahr mit Franz Welser-Möst geplant. Schade ist, dass ich auch die "Cavalleria rusticana" gerade ganz neu im Programm habe, denn die Produktion in Salzburg war wirklich sensationell. Also, Sie sehen: Mein Auge bleibt weiterhin wohlwollend auf Salzburg gerichtet, weil die Festspiele ideale Koproduktionspartner sind.

STANDARD: Sie verdienen mit 240.000 Euro deutlich weniger als Ihr Vorgänger. Teil eines Sparprogramms der Scala?

Pereira: Ein neues Gesetz in Italien besagt, dass öffentlich Angestellten nicht mehr als 240.000 Euro zustehen.

STANDARD: Bekommen Sie, wie seinerzeit in Zürich, Prozente für die von Ihnen gesammelten Sponsorengelder?

Pereira: Nein, nichts. Es gibt überhaupt keine Ausweichklauseln. Aber manche Menschen müssen mit viel weniger leben. (Andrea Schurian, DER STANDARD, Langfassung, 30.4./1.5.2015)

Alexander Pereira (67) war von 1991 bis 2012 Zürcher Opernchef und von 2011 bis 2014 Intendant der Salzburger Festspiele, danach wechselte er an die Mailänder Scala. Sein Vertrag wurde kürzlich bis 2020 verlängert.

Links

teatroallascala.it

expo2015.org

  • Alexander Pereira hat wieder gut lachen: Sein Wirken an der Mailänder Scala steht offenbar unter einem deutlich besseren Stern als bei den Salzburger Festspielen. Sein Vertrag wurde unlängst auf die ursprünglich vorgesehene Dauer verlängert.
    foto: ap/antonio calanni

    Alexander Pereira hat wieder gut lachen: Sein Wirken an der Mailänder Scala steht offenbar unter einem deutlich besseren Stern als bei den Salzburger Festspielen. Sein Vertrag wurde unlängst auf die ursprünglich vorgesehene Dauer verlängert.

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