Zwei Frauen gegen 112 Männer am Ring

1. Mai 2015, 09:00
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Die Wiener Ringstraße ist auch eine Straße der Frauen. Die weibliche Perspektive kommt aber oft zu kurz. So wirkten Frauen an ihrem Bau mit oder nutzen sie als Ort des Protests. Abgebildet werden sie jedoch kaum

Wien - Elise Richter gehörte zu den intellektuellen Pionierinnen ihrer Zeit. Als Tochter einer bürgerlichen Arztfamilie erhält sie in ihrer Jugend zunächst Privatunterricht. Im Jahr 1897 maturiert sie und inskribiert als eine der ersten Frauen an der Universität Wien. Richter studiert klassische Philologie, Indogermanistik und Romanistik. Nach ihrem Studium ist sie ab 1907 die erste weibliche Dozentin in der Geschichte der Universität. Knapp ein Jahrhundert später ist sie kurz davor, wieder eine "erste Frau" zu werden.

Mit der 2008 begonnenen Diskussion um die Umbenennung des früheren Dr.-Karl-Lueger-Ring, des Standorts der größten Universität im deutschsprachigen Raum, tritt sie wieder auf die Bildfläche. Der Ringabschnitt wurde wegen der antisemitischen Politik Luegers zum Streitpunkt der Stadtregierung. Schlussendlich sollte er einen neuen Namen bekommen. Eine Ehrung Richters wurde dabei von der Hochschülerschaft und einzelnen Parteien vorgeschlagen, sie wünschen, dass erstmals ein Teil des Rings nach einer Frau benannt wird. Dieser dürfte aber noch nicht für einen Frauennamen bereit gewesen sein: Mittlerweile heißt der Abschnitt schlicht Universitätsring.

Pünktlich zum 150. Jubiläum der Ringstraße möchte der Frauenklub Soroptimist International auf Frauen und deren Schicksale auf der Ringstraße aufmerksam machen. "Wir konnten das nicht einfach vorbeiziehen lassen, ohne auf die Frauen hinzuweisen", sagt Veronika Holzer, Vorsitzende des Klubs. Die Ringstraße sei ein "wesentlicher Ort der Geschichte und auch der Gegenwart für Frauen". Aus ihrer Perspektive habe sich im letzten Jahrhundert viel bewegt.

Wenig Beachtung für Frauen

"Die Geschichte der Frauen auf der Wiener Ringstraße wurde so gut wie gar nicht aufgearbeitet", sagt Petra Unger, Initiatorin der Frauenspaziergänge. "Die Universität Wien feiert heuer 650 Jahre, das ist für Frauen überhaupt kein Jubiläum." Frauen durften an der Universität erst 532 Jahre später studieren. "Wir müssen also noch einige Jahre warten", sagt Unger.

Der Referentin in feministischer Theorie geht es bei ihren Spaziergängen darum zu fragen, wer wen repräsentiert und was dort präsentiert wird.

So haben etwa böhmische Migrantinnen am Bau des Parlaments mitgearbeitet. "Frauen, die die Straße mit ihrer Arbeitskraft gebaut haben", sagt Unger. "Es gibt im Parlament nur ein Foto, auf dem man eine Frau mit Ziegelsteinen im Korb sieht." Zwar wirkten Frauen an den Bauarbeiten der Straße mit, die Gestaltung der prunkvollen Palais wurde aber ausschließlich Männern überlassen; "obwohl es zu der Zeit Malerinnen und Bildhauerinnen gab, die auch technisch in der Lage waren, dies zu tun", sagt Unger.

Im öffentlichen Stadtbild finden Frauen ebenfalls wenig Platz. Flaniert man die Ringstraße entlang, sieht man vor allem Männer - in Stein gemeißelt. Lediglich zwei Statuen am gesamten Ring bilden reale Frauen aus der Geschichte ab: Kaiserin Elisabeth im Volksgarten und Kaiserin Maria Theresia zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum. In ihren Kreis reihen sich 112 Denkmäler von Männern sowie symbolische Statuen wie jene der Pallas Athene vor dem Parlament.

Der Ring als Proteststraße

Am 19. März 1911 geht die erste Frauendemonstration über die Ringstraße. Die Medien sprechen von bis zu 20.000 Frauen, die "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" fordern, die Abschaffung des Paragrafen 144, der Abtreibung unter Haftstrafe stellt, ein neues Familienrecht und das Frauenwahlrecht.

Eine Sympathisantin der Frauenbewegung war auch die Salonière Berta Zuckerkandl. Sie publizierte in einer der ersten Frauenzeitschriften ohne Modetipps und Kochrezepte. "In Die Dokumente der Frau sprach sich Zuckerkandl deutlich für die Frauenbewegung aus", sagt Unger. Zuckerkandl, Jahrgang 1864, wird heute vor allem über die prominenten Männer, die in ihrem Salon zu Gast waren, definiert. Zuckerkandl pflegte Kontakte mit der künstlerischen und politischen Szene. In ihrem Salon, der sich über dem heutigen Café Landtmann befand, wurde etwa erstmals das Stück Jedermann von Hugo von Hofmannsthal öffentlich gelesen. 1938 muss Zuckerkandl aus Österreich fliehen. In Frankreich arbeitet sie als Journalistin und setzt sich für den Frieden ein. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 1.5.2015)


Veranstaltungsinfo:

Spaziergänge Frauen der Wiener Ringstraße
Foyer der Universität Wien, 1010 Wien, Universitätsring 1,
Treffpunkt 15 Minuten vor Beginn

Samstag, 30. Mai, 14:00 Uhr
Dienstag, 9. Juni, 18:00 Uhr
Freitag, 12.Juni, 16:00 Uhr
Samstag, 20. Juni, 11:00 Uhr
Samstag, 27.Juni, 15:00 Uhr
Freitag, 3. Juli, 16:00 Uhr
Samstag, 4. Juli, 11:00 Uhr
Mittwoch, 9. September, 18:00 Uhr
Samstag, 12. September 15:00 Uhr
Samstag, 19. September, 15:00 Uhr
Samstag, 26. September, 11:00 Uhr
Freitag, 2. Oktober, 16:00 Uhr
Samstag, 10. Oktober, 11:00 Uhr

  • Pallas Athene vor dem Parlament: die wohl bekannteste Frauenstatue am Ring, wenn auch "nur" in Form einer griechischen Göttin.
    foto: apa/roland schlager

    Pallas Athene vor dem Parlament: die wohl bekannteste Frauenstatue am Ring, wenn auch "nur" in Form einer griechischen Göttin.

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