Neuropsychologin: Mitgefühl ist trainierbar wie ein Muskel

4. Mai 2015, 08:15
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Max-Planck-Forscherin Tania Singer: Unser Verhalten basiert nicht nur auf Kosten-Nutzen-Rechnungen

Leipzig - Mentales Training kann das Gehirn selbst verändern: Diesen Schluss zieht die Neuropsychologin Tania Singer vom Max Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig aus den Ergebnissen des groß angelegten "ReSource"-Projekts. 160 Menschen wurden von ihr Monate lang täglich in Stressreduktion, Achtsamkeit und Mitgefühl "trainiert".

"Das Gehirn wird oft missverstanden - als biologisch und genetisch festgelegt", sagt Singer. "In Wahrheit ist es wie ein Schwamm, ein Abbild unserer Lernprozesse." Die neuronalen Netzwerke, die man als zuständig für soziales Erleben und Verhalten identifiziert hat, können durch gezielte Übungen gestärkt werden, ähnlich wie ein Muskel.

Das Projekt

Nicht zuletzt ein hoch dotierter EU-Forschungspreis (ERC-Starting Grant) machte es möglich, diesen Trainingseffekt umfassend zu untersuchen: Mehr als 100 Mitarbeiter, darunter 20 Forscher und 20 Lehrer wirkten in den vergangenen zwei Jahren daran mit, die Probanden zu schulen, zu befragen und zu testen. Tägliches mentales Training in drei Modulen zu je drei Monaten absolvierten die Teilnehmer - von der "säkularen Meditation" über "empathisches Zuhören" bis zur "kontemplativen Dyade" - und in ihren körperlichen und geistigen Entwicklungen beurteilt.

"Unser Ansatz ist multi-methodisch, für jedes Konstrukt haben wir verschiedene Maße", so die Direktorin des Max Planck-Instituts. "Subjektiv und objektiv, bewusst und unbewusst", Fragebögen und Beobachtungen, implizite Computerspiele und ökonomische Gruppenspiele, nach jedem Modul eine Kernspintomografie, die sowohl strukturelle wie funktionelle Parameter des Gehirns darstellt. "Wir beobachten dabei das ganze Gehirn", sagte Singer. Die emotionalen und die kognitiven Komponenten des "sozialen Gehirns" - also Empathie und Mitfühlen auf der einen und die Perspektivübernahme auf der anderen Seite - sind dabei klar voneinander zu trennen und werden auch mit unterschiedlichen Übungen trainiert.

"Für jedes einzelne dieser neuronalen Netze konnten wir die Veränderungen beobachten." Abschluss und Publikation der Ergebnisse stehen noch aus, doch klar ist für die Forscherin schon jetzt: "Es hat super geklappt." Das soziale Gehirn erweise sich als höchst plastisch, das Training schlage an. Parallel zu den neuronalen Änderungen spielen sie sich aber auch auf anderen Ebenen ab, die bei "ReSource" gleichberechtigt erfasst werden, darunter das subjektive Empfinden, der Hormonhaushalt, das Immunsystem und natürlich das Verhalten.

Nicht immer stimmen die Maße überein, so schätzen sich manche in Fragebögen als besonders prosozial ein, ohne dass dies in objektiven Maßen zu beobachten wäre, berichtet Singer. Subjektiv lässt sich durch das Training auch die Stressreduktion schon früher wahrnehmen, als dies auf der hormonellen Achse zu bestätigen ist. Doch insgesamt bewegen sich Körper, Geist und Verhalten gemeinsam hin zum "besseren" Menschen: der mitfühlt, sich hineindenkt, kooperativ, achtsam und präsent ist - und glücklicher.

Biologische Grundlagen

Stellt sich die Frage: Sind wir diese guten Menschen - oder müssen wir uns dazu machen? Ihre nächstes großes Projekt will Singer Kindern widmen, um herauszufinden, wann und wie diese prosozialen Eigenschaften sich entwickeln. "Grundsätzlich hat jeder ein 'care' und 'affiliation system', sogar Ratten." Das Sich-kümmern und Sich-verbunden-fühlen ist evolutionär notwendig und wird etwa in der Forschung zum Bindungshormon Oxytocin auch im Tierreich beobachtet. "Das ist nichts Esoterisches", betont Singer. "Diese grundsätzlichen biologischen Motivationssysteme gibt es, darauf bauen wir auf."

Dass bei einer Mutter, die ein Foto ihres Neugeborenen sieht, neuronale Muster von Fürsorge aktiviert werden, ist biologisch angelegt. Doch Singer will mehr und spricht von "globalem Mitgefühl". Mitgefühl also mit Menschen, die man nicht kennt, die man vielleicht sogar ablehnt, weil sie nicht zur eigenen Religion oder Ethnie gehören. "Um dieses Ingroup-Outgroup-Verhalten zu überwinden braucht man wahrscheinlich neokortikale Strukturen ", so Singer, also solche, die Verhaltenskontrolle ermöglichen. Und man braucht, davon ist die Forscherin überzeugt, ein anderes Menschenbild, auch und gerade im Wirtschaftsleben.

Ökonomische Sicht "völlig veraltet"

"Das Rückgrat der Makroökonomie - das Modell des Homo Economicus - ist völlig veraltet", betont Singer. Die Annahme, dass der Mensch vor allem nach seiner eigenen Kosten-Nutzen-Rechnung funktioniert und sich am Befriedigen seiner Bedürfnisse orientiert, lasse "zahlreiche Motivsysteme außer Acht" und bedeute eine "extrem einseitige Sicht der menschlichen Natur". Status- und Machtmotivation, Aggression und Angst, aber eben auch Fürsorge und Zugehörigkeit können mindestens genauso starke Motive für Handlungen sein - "gleichzeitig können Sie bei jeder Person zu jeder Tageszeit wechseln".

Welche dieser Potenziale von einer Gesellschaft verwirklicht werden, sieht Singer als Resultat eines gemeinsamen Verstärkungsprozesses, in den man durchaus eingreifen könnte. "Wir könnten uns von einer individualistischen Gesellschaft zu einer kooperativen bewegen." Gemeinsam mit dem Mathematiker Dennis Snower hat Singer deshalb "Caring Economics" ins Leben gerufen. Neue Modelle menschlichen Entscheidungsverhaltens werden dabei entwickelt, aber auch konkrete Vorschläge dafür, wie die Institutionen einer solchen "fürsorglichen Wirtschaft" aussehen müssten. (APA/red, derStandard.at, 4. 5. 2015)

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