Amie Siegel: Aus Utopien wurden Trophäen

Ansichtssache1. Mai 2015, 18:20
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TWien – Die Kamera gleitet an den Salons und Masterbed-rooms asketischer Bungalows und lichter New Yorker Lofts vorbei. Im Strandhaus in den Hamptons steht Pierre Jeannerets Loungesessel Easy, sein Scissor Chair mit fancy Fellüberzug in einer bourgeoisen Pariser Wohnung, ein Fauteuil des Schweizer Architekten (1896–1967) findet sich, aufgemotzt mit blitzblauem Leder, in einem Brüsseler Bürgerhaus. Ja, auf einer Luxusjacht tut sich sogar eine ganze Welt aus Jeanneret-Möbeln auf. Design der Moderne trifft auf Dekadenz.

Distanziert und lautlos schiebt sich die Kamera an den aalglatten Interieurs vorüber, reist weiter bis zu dem "natürlichen Lebensraum" der Kultmöbel. Denn die begehrten Stücke modernen Designs hat Jeanneret für die Planstadt Chandigarh im Norden Indiens entwickelt, die nach Plänen seines Cousins Le Corbusier ab 1952 errichtet wurde.

Der 40-minütige Film Provenance der in New York lebenden Künstlerin Amie Siegel (geb. 1974 in Chicago) verfolgt kommentarlos die Spuren der Designtrophäen zurück: Er macht etwa Station in den Restaurationswerkstätten, wo das, was nach 60 Jahren regen Gebrauchs Macken hat, wieder aufgemöbelt wird; er zeigt Kulissen für die Katalogshootings der Auktionshäuser und Interieurdesigner, denn was als Luxusobjekt für Preise von 4000 bis 10.000 Euro verkauft werden will, muss der exklusiven Klientel auch schmuck präsentiert werden.

In der gleichen neutral- fließenden Bewegung der Kamera fängt Siegel schließlich auch die faszinierende, moderne Architektur Chandigarhs ein, einer Stadt wie ein Museum: In den Schulen und Universitäten, den öffentlichen Bibliotheken und Ämtern sind die Designklassiker noch immer in Gebrauch und sehen entsprechend abgerockt aus; manche Büros stellen gerade auf ergonomische, erbsengrüne Drehsessel um.

Bilder von sich irgendwo auf dem Dach stapelnden, ausgemusterten Sesselleichen wechseln mit romantisch-verklärten Blicken auf Architekturdetails des Le-Corbusier-Vokabulars, auf Wasserbassins zwischen den Betonmonumenten und die sich dazwischen tummelnden Rhesusäffchen.

Siegel verführt mit ihrer Ästhetik, lässt den Betrachter begehren; ihre jenseits von dokumentarisch-journalistischen Techniken (vgl. The Guardian) formulierte Kritik an Raubbau und spekulativer Wertschöpfung macht dies umso subtiler: Die Wohlstands elite fühlt sich kultiviert, ein mit den Utopien der Moderne aufgeladenes Stück Designgeschichte zu be-sitzen (manche Händler werben explizit mit der Chandigarh-Herkunft), ignoriert dabei aber den Umstand, dass mit den dort unter Wert abgeluchsten Möbeln koloniale Ausbeutung fortgeschrieben wird.

Siegels Arbeit Provenance ergänzt ein weiterer Film. Er zeigt nicht die Versteigerung eines Kultmöbels, sondern ihrer eigenen Arbeit. Will sie ihre Arbeit auf die gleiche Stufe skrupelloser Spekulation stellen? Der Vergleich hinkt. Und er schwächt ihren Film. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 2./3.5.2015)

Bis 31. 5.

Weiterlesen
Guardian: Le Corbusier's Indian masterpiece Chandigarh is stripped for parts

www.mak.at

foto: mak/nathan murrell
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standbild: amie siegel/ simon preston gallery, new york
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Einst Möbel für das Volk, nun Luxusobjekt der Geldeliten. Angepriesen etwa auf Webseiten wie "Chandigarh-Design".

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