Streit um Trinkwasser nach Erdbeben in Nepal

29. April 2015, 14:10
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Bevölkerung protestiert gegen Krisenmanagement der Regierung – UN-Büro warnt vor Spannungen unter den Opfern

Kathmandu – Vier Tage nach dem schweren Himalaya-Erdbeben läuft den Rettern die Zeit davon: Im Mai erreicht der Monsun Nepal, schon jetzt erschweren Regenfälle immer wieder die Arbeiten. Ein Bericht über die Rettung eines Überlebenden gab den Helfern vorübergehend neue Hoffnung: Wie die Zeitung "Nepali Times" online berichtete, wurde ein Mann nach fast 82 Stunden unter den Trümmern in Kathmandus Stadtteil Gongabu gerettet. Ein zweiter Mann dort habe es nicht geschafft. Die Bergungskräfte ziehen vor allem Tote aus den Trümmern.

Wegen der schlechten Versorgungslage mehrte sich Kritik an der Regierung. In Bhaktapur nahe der Hauptstadt Kathmandu hätten derzeit nur 20 Prozent der Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, berichtete das UN-Kinderhilfswerk in Köln nach Schilderungen von Unicef-Erkundungsteams aus schwer verwüsteten Orten.

Im Wettstreit um Nahrungsmittel wächst die Aggressivität. Es gebe bereits vereinzelte Streitereien um Trinkwasser, berichtete das UN-Büro für Katastrophenhilfe (Ocha) in der Nacht auf Mittwoch. "Ungleiche Verteilung erhöht das Risiko von Auseinandersetzungen unter den Betroffenen." Regierungschef Sushil Koirala warb am Dienstagabend um Verständnis: Die Regierung werde aus ihren Fehlern lernen.

Blockaden und Protestrufe

Die Polizei zog am Mittwoch mit einem Großaufgebot auf, um für Ordnung zu sorgen. Aufgebrachte Bürger blockierten den Verkehr und riefen Slogans gegen die Regierung, die nicht genug für die Betroffenen tue. Am zentralen Busbahnhof nahe dem Parlament versammelten sich am frühen Morgen tausende Menschen in der Absicht, Kathmandu zu verlassen.

Als erwartete Busse nicht zur Verfügung standen, gab es Handgemenge mit den Beamten. "Wir warten hier seit der Dämmerung, weil uns gesagt wurde, dass 250 Busse kommen würden, aber es kommen keine", sagte der 25-jährige Student Kishor Kavre. "Wir wollen rasch nach Hause zu unseren Familien, aber wir wissen nicht, wann es Busse geben wird", fügte er hinzu.

"Katastrophale sanitäre Situation"

Überlebende Erdbeben-Opfer kritisieren immer wieder das Krisenmanagement der Regierung und klagen, dass Hilfe sie nicht erreiche. "Im Zentrum der Stadt ist das ganz große Chaos, alte Gebäude, historische Tempel – alles nur noch ein riesiger Haufen Ziegelsteine. Die Menschen schlafen im Freien, auf jedem freien Platz stehen Zelte", berichtete Unicef-Mitarbeiter Urs Nagel aus Kathmandu.

"Die sanitäre Situation ist jetzt schon katastrophal. Wenn man an den Plätzen voller Menschen vorbeifährt, stinkt es zum Himmel." Eine der wichtigsten Aufgaben sei derzeit neben der Trinkwasserversorgung, Latrinen in den Camps zu bauen. "Sonst besteht die Gefahr, dass sich Krankheiten ausbreiten", sagte Nagel. In den Gebieten rund um das Epizentrum sind bis zu 90 Prozent der Gesundheitsversorgung nicht funktionsfähig.

Mehr als 5.000 Tote

Seit dem Beben der Stärke 7,8 am Samstag wurden 5.006 Leichen aus den Trümmern geborgen. Regierung und Helfer fürchten, dass die Zahl deutlich steigt, wenn abgelegene Regionen erreicht werden. Mehr als 10.000 Menschen wurden offiziellen Angaben zufolge bei den Erschütterungen verletzt. Die Chancen, weitere Überlebende aus den Trümmern zu retten, sinken. Den Helfern fehlt Gerät, Menschen graben teils mit bloßen Händen in den Trümmerbergen.

Der ohnehin überlastete Flughafen musste am Mittwoch vorübergehend wegen Rissen in der Landebahn gesperrt werden, wie die "Nepali Times" twitterte. Sie seien aber schnell repariert worden. Zahlreiche Flüge mit Helfern und Hilfsmaterial mussten in den vergangenen Tagen wegen Überlastung des Flughafens unverrichteter Dinge wieder umkehren.

"Keine Müllkippe für Hilfsgüter"

Der Chef von Nepals Katastrophenmanagement will nicht mehr jede Hilfe ins Land lassen. "Wir haben jetzt 22 bis 24 Such- und Rettungsteam aus dem Ausland hier. Wenn wir diese richtig einsetzen, sollte es ausreichen", sagte Ram Kumar Dahal am Mittwoch. "Wir haben nicht die Kapazität, für jeden alles zu organisieren."

Hinzu komme, dass der Flughafen ohnehin schon überlastet sei, sagte Dahal weiter. Deswegen müsse die Hilfe sehr gezielt sein. "Wir wollen nicht, dass Nepal zur Müllkippe für Hilfsgüter und Teams wird." Wichtiger sei Geld, das in den Desaster-Fonds des Regierungschefs fließe. Die Regierung sei in der Lage, die Hilfsgüter gleichzeitig in alle Distrikte zu bringen.

Medikamente und Fachärzte

Am dringendsten benötigt würden derzeit Zelte, Matratzen und Decken, Essen und Kochgeschirr. "Das wurde uns versprochen, hat uns aber noch nicht erreicht", sagte Dahal. Auch Medikamente wie Antibiotika und Operationsbesteck sowie Fachärzte wie Neurologen, Chirurgen und Anästhesisten würden gebraucht. "Wir wollen keine Unterstützung, die wir nicht benötigen", sagte Dahal. (APA, 29.4.2015)

  • Bewohner von Kathmandu protestieren gegen die Regierung, die in ihren Augen zu wenig für die vom verheerenden Erdbeben betroffenen Menschen tut.
    foto: ap photo/niranjan shrestha

    Bewohner von Kathmandu protestieren gegen die Regierung, die in ihren Augen zu wenig für die vom verheerenden Erdbeben betroffenen Menschen tut.

  • Aufgebrachte Bürger blockieren die Straßen. Die Polizei versucht sie davon abzuhalten.
    foto: reuters/navesh chitrakar

    Aufgebrachte Bürger blockieren die Straßen. Die Polizei versucht sie davon abzuhalten.

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