Versöhnungsgeste im Auschwitz-Prozess sorgt für Streit

28. April 2015, 18:55
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Eine Auschwitz-Überlebende vergab einem ehemaligen SS-Mann mit einer öffentlichen Geste

Berlin - Ein 93-jähriger Mann und eine 81-jährige Frau geben sich die Hand. Sie blicken einander an und lächeln. Eigentlich ist es ein rührendes Bild. Doch in Deutschland sorgt es derzeit für Aufregung.

Denn die Frau ist Eva Mozes Kor, eine Auschwitz-Überlebende. Er heißt Oskar Gröning. Der ehemalige SS-Mann ist wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen angeklagt, ihm wird gerade am Landgericht Lüneburg (Niedersachsen) der Prozess gemacht.

Kor, deren Eltern und ältere Schwestern in Auschwitz umkamen, tritt als eine von 50 Nebenkläger auf. An ihr und ihrer Zwillingsschwester führte Josef Mengele "medizinische" Experimente durch. Dennoch reichte sie Gröning die Hand und erklärte, sie habe den Nazis vergeben. Doch sie sagt auch: "Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei." Und sie forderte Gröning auf, umfassend auszusagen.

Die anderen 49 Nebenkläger sind mit Kors Geste nicht einverstanden. Sie ließen via Anwalt erklären: "Nebenklägerin im Namen der Ermordeten zu sein und diese Rolle zur öffentlich inszenierten persönlichen Verzeihung zu nutzen - das passt nicht zusammen." Kor selbst, die auch am Sonntag in der ARD-Talksendung von Günther Jauch auftrat, sagt, dass sie als "Verräterin" beschimpft werde.

Prozess als Seifenoper

Kritische Worte kommen auch vom Internationalen Auschwitz-Komitee. "Den Tätern Verzeihung zu gewähren, dazu fühlen sich die Überlebenden angesichts deren jahrzehntelangen unbelehrbaren Schweigens nicht in der Lage. Sie wissen auch nicht, wie sie im Namen ihrer ermordeten Familien je Verzeihung gewähren könnten", erklärt Vize-Exekutivpräsident Christoph Heubner. Kor würdige den Prozess "zu einer Personalityshow und Seifenoper" herab.

Der Prozess gegen Gröning, der als "Buchhalter von Auschwitz" Geld und Wertgegenstände der Neuankommenden eingesammelt hatte, soll bis Ende Juli dauern. Gröning hat am ersten Verhandlungstag Mitschuld am Massenmord gestanden und gesagt: "Ich bitte um Vergebung. Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden." (bau, DER STANDARD, 29.4.2015)

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