Warum ein Haircut für Griechenland nur kontraproduktiv sein kann

30. April 2015, 08:00
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Modellrechnungen zweier Ökonomen legen nahe, dass neuer Schuldenschnitt Griechenland nur scheinbar Luft verschafft

Der Hobbygärtner weiß: Für das allermeiste, das aufrecht im Garten steht und einen Stamm hat, gibt es den jährlichen Pflegeschnitt, den Formschnitt für die Optik oder den kompletten Rück- oder Verjüngungsschnitt zur Wiederankurbelung des Wachstums. Der Volkswirt tut sich da schwerer. Soll er den Schnitt am Schuldenkorsett eines Staates bewerten, muss er sich mit Variablen wie Banken, internationalen Finanzmärkten und Regierungen, die auf die Wähler schielen, plagen. Reinhard Neck und Dmitri Blüschke von der Alpen-Adria-Universität (AAU) in Klagenfurt reihen das in große Summengleichungen, an deren Ende eine unangenehme Erkenntnis steht: Schuldenschnitte sind kontraproduktiv.

Für Griechenland, das – so haben wir in den zurückliegenden Jahren gelernt – ein besonderes Gewächs im Garten der europäischen Volkswirtschaften ist, steckt in den Modellrechnungen von Neck und Blüschke derzeit besonders viel Stoff. Weder ist ein zweiter, weiterer Haircut sinnvoll, wie ihn die linksgerichtete Regierungspartei Syriza von den Gläubigern in der EU mit Verweis auf die Londoner Schuldenkonferenz von 1953 verlangte. Noch dürften Premier Alexis Tsipras und sein Finanzminister demnach vom Dogma des Primärüberschusses abrücken, der Erwirtschaftung eines Haushaltsüberschusses vor Zahlung des Schuldendienstes. Sie gilt den Klagenfurtern als einzige glaubwürdige Alternative zum Schuldenschnitt.

"Wenn ein Schuldenschnitt eintritt, dann fällt es den betroffenen Staaten noch schwerer, auf den Kapitalmärkten Geld zu bekommen", erklärt Neck, Leiter des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der AAU. Nach einem Haircut müssen Staaten höhere Marktzinsen zahlen, die sich durch die Risikoprämie ergeben. Denn der Markt vergisst keinen Schuldenschnitt, sagt Neck, er will sich absichern. "Empirische Untersuchungen zeigen: Es dauert relativ lange, mitunter bis zu zehn Jahre, bis sich die Kreditkonditionen normalisieren."

Die Gefahr der Amnesie

Dafür jedoch gibt es die Gefahr einer Amnesie durch den Schuldenschnitt beim betroffenen Staat. Ein Haircut bei der Staatsverschuldung verschafft einem Land scheinbar Luft. Die Versuchung, wieder mehr Geld auszugeben, ist groß. Gekoppelt mit höheren Ausgaben für die Refinanzierung auf den Kapitalmärkten, wird die vermeintliche Erleichterung der Schuldenlast nur ein Rezept für den Niedergang – fatal für den Schuldner, kostspielig für die Gläubiger, die sich am Haircut beteiligen und auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Neck und Blüschke hatten ihre Modellrechnungen im vergangenen Jahr veröffentlicht ("Haircuts' for the EMU periphery: virtue or vice?", in: "Empirica" (2014) 41, S. 153-157). Seither fühle er sich durch die Erfahrungen mit den Schuldnerstaaten Portugal, Spanien und Irland in seinem Befund nur bestätigt, sagt Neck.

Anders als Griechenland hätten sich die drei Länder durch eine harte Sparpolitik am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen – ohne Schuldenschnitt. Das nächste Papier des Klagenfurter Duos wird sich deshalb mit der neuen sichtbar gewordenen Konstellation beschäftigen: Die Aufteilung der Eurowährungszone nicht nur in einen "Kern" fiskalisch strenger Staaten mit zum Teil ausgeglichenem Haushalt und einer "Peripherie" mit hochverschuldeten Ländern; auch der Rand selbst der Währungsgemeinschaft ist nun geteilt in haushaltspolitisch erfolgreichere Staaten und einen chronisch krisenhaften Staat.

Finanzexperten in Athen teilen durchaus den Befund der Klagenfurter Ökonomen. "Der griechische Schuldenschnitt vom März 2012, der auf private Besitzer der Staatsanleihen angewandt wurde, verschaffte nur kurzfristige Erleichterung bei der Schuldenlast", erklärt Nikolaos Georgikopoulos vom Forschungsinstitut Kepe. Hohe Abschläge bei neuen Anleihen signalisierten bald, dass die Märkte einen zweiten Kreditausfall Griechenlands für möglich hielten. Griechenland kehrte im April 2014 an die Finanzmärkte zurück und nahm drei Milliarden Euro für Anleihen mit einer Laufzeit von fünf Jahren bei einem Zinssatz von 4,95 Prozent ein; nach der Niederlage bei den Europawahlen im Mai jenes Jahres stoppte die damalige Regierung des konservativen Premiers Antonis Samaras praktisch den Reformkurs aus Furcht vor einem Kollaps der Koalition.

Verpuffter Schuldenschnitt

Der Widerstand in Politik und Gesellschaft in Griechenland gegen den Sparkurs sei nur zum Teil der Grund für das schnelle Verpuffen des Schuldenschnitts gewesen, sagt Georgikopoulos; "der größere Teil wird der Ausgestaltung des Anleihentauschs vom März 2012 und den Bedingungen des Kredithilfeprogramms angelastet".

Die seit Februar amtierende Regierung der Sparkursgegner sei mittlerweile auch von der Idee eines neuen Schuldenschnitts abgerückt und spreche lieber von einer "Restrukturierung" der rund 320 Milliarden Euro Schulden, betont Georgikopoulos.

Finanzminister Yanis Varoufakis hatte dabei selbst den Begriff des "Schuldenjunkies" geprägt: Griechenlands Kreditgeber hätten den Staat mit immer neuen Finanzhilfen süchtig gemacht, statt Unterstützung für einen Neustart der griechischen Wirtschaft zu geben. Reinhard Neck lässt das durchaus gelten, doch den Sparkurs könne der Minister deshalb nicht infrage stellen: "Das geht natürlich nicht. Wer von den Schulden wegkommen und sie zurückzahlen will, muss eine glaubwürdige Selbstverpflichtung vorlegen und eben starke Einschränkungen machen." (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD, 30.4.2015)


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