Verfolgung der Hautverfärbung

4. Mai 2015, 14:42
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Ein Wiener Start-up hat ein Bildanalyse-System für Hautkrankheiten entwickelt, das per Smartphone die Intensität von Rötungen erkennt

Wien - Wenn nach einer Krebsdiagnose eine Strahlentherapie angewandt wird, bleibt das nicht ohne Nebenwirkungen. Dort, wo die hochenergetische Strahlung auftrifft, kommt es zu Hautrötungen, zuerst leicht, dann immer intensiver, ähnlich einem Sonnenbrand. Die Epidermis stirbt ab, die Haut reißt auf und löst sich ab. Offene Wunden entstehen, die Verbrennungswunden gleichen.

Pharmafirmen arbeiten an der Verbesserung der Medikamente, die diese Wundschäden abschwächen oder verhindern. Für die Erprobung neuer Arzneien ist es wichtig, den Grad der Rötung genau und objektiv beobachten zu können. Subjektive Einschätzungen können in die Irre führen, auch von Ärzten.

"Wir haben ein Arzneimittel getestet, das verhindern sollte, dass Strahlenschäden auftreten. Dabei wurde mir klar, dass es keine Gerätschaften gibt, mit denen man Hautrötungen praktikabel und objektiv aus der Ferne messen kann", sagt der Molekularbiooge Harald Schnidar. Der bis zuletzt beim Wiener Biotech-Unternehmen Apeiron tätige Forscher hat sich deshalb an die Arbeit gemacht, ein möglichst einfach anwendbares System zu entwickeln, mit dem man die Veränderungen von Farbwerten der Haut eindeutig und vergleichbar bestimmen kann.

Herausgekommen ist eine Anwendung, die Smartphones zum Messinstrument für medizinische Zwecke macht. Im Rahmen seines Start-ups Scarletred Biomedicals will Schnidar mit seinen Kollegen einen Service für Pharmafirmen etablieren, der Hautverfärbungen systematisch erhebt. Die Zeitreihen und Krankheitsverläufe, die es abbildet, sollen als Grundlage für Medikamentenstudien und Behandlungen dienen - nicht nur bei Bestrahlungsschäden, sondern bei all jenen der 3000 Hauterkrankungen, die sich durch Verfärbung bemerkbar machen. Unterstützt wurde das 2014 gegründete Unternehmen unter anderem von der Förderagentur AWS und der Wirtschaftsagentur Wien.

Als Messinstrument für Scarletred Vision, wie das Bildanalysetool heißt, kommt - zumindest vorerst - nur das iPhone von Apple zum Einsatz, das laut Schnidar mit vorhersehbaren Software- und Hardwarezyklen und der hochqualitativen Kamera ideale Voraussetzungen für seine Bildanalyse bildet.

Medizinischer Sticker

Die neu entwickelte App, mit der man eine Rötung, eine Wunde, ein Melanom oder ein Hämatom abfotografiert, sendet "standardisierte und normalisierte Rohdaten" über die Intensität der Verfärbung an die Cloud-Datenbanken von Scarletred, sagt Schnidar. Das bedeutet, dass die individuellen Werte vergleichbar werden, egal, in welchem Umfeld sie aufgenommen werden.

Als Referenzpunkt für die Objektivierung der Hautfärbung kommt der App dabei ein eigens entwickelter medizinischer Sticker zu Hilfe, der auf die Haut aufgeklebt wird. "Die Anwendung ermöglicht im Abgleich mit den bekannten Farbwerten des Stickers, die genauen Farbwerte der Haut zu errechnen", so der Entwickler.

Dabei wird der Hauttyp mit einbezogen: "Auch wenn die Verbrennung gleich stark ist, sieht ein Sonnenbrand bei einer hellhäutigen Person intensiver aus als bei einer dunkelhäutigen. Für die Mediziner macht das die Beurteilung schwieriger. Unsere Algorithmen berücksichtigen aber auch dieses Verhältnis von Hautrötung zur normalen Pigmentierung."

Im virtuellen Datenpool, in dem die an der Haut ablesbaren Krankheitsverläufe der Patienten zusammenfließen, werden dann die Analysen erledigt, die über die Wirksamkeit eines Medikaments Aufschluss geben sollen. Dabei würden keine Namen, Geburtsdaten oder ähnliche persönliche Daten abgespeichert, betont Schnidar. Die Patienten erhalten lediglich einen Code, dem ihre Messdaten zugeordnet werden.

Erste Partner aus der Pharmabranche, die Medikamente in klinischen Studien haben, gibt es bereits. Das System sei nun so weit, dass die Zahl der Kooperationen erhöht werden kann, sagt Schnidar. Als mittelfristiges Ziel sollen Patienten die Dokumentation auch selbst übernehmen können, was Arznei-Entwicklungskosten weiter senken würde.

Wenn die Patienten ihre Werte auch selbst beobachten, können sie mit der Big-Data-Anwendung alltäglichen Hautkrankheiten auf die Pelle rücken. Schnidar: "Zwei Milliarden Teenager leiden an Akneproblemen. Es gibt unzählige Arznei- und Hautpflegeprodukte dagegen. Mit unserem Tool könnte sich jeder Einzelne ein Bild davon machen, welches Medikament am besten funktioniert." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 29.4.2015)

  • Vom Handybild zum Datensatz für medizinische Studien: Scarletred macht Hautverfärbungen vergleichbar.
    foto: scarletred

    Vom Handybild zum Datensatz für medizinische Studien: Scarletred macht Hautverfärbungen vergleichbar.

  • Artikelbild
    foto: scarletred
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