Kathmandus Flughafen wird zum Nadelöhr

28. April 2015, 16:50
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Die Lage in Nepal wird verzweifelter. Die Regierung befürchtet 10.000 Tote, Hilfsflüge müssen wegen Überlastung des Flughafens umkehren

Die vier Transportmaschinen der indischen Luftwaffe sind vollbepackt mit Trinkwasser, Milch, Nudeln, Sauerstofftanks und anderen Hilfsgütern, die Nepal dringend braucht. Doch als die Piloten über Kathmandu in der Warteschleife kreisen, warten sie vergeblich auf einen Landeslot. Der kleine Flughafen sechs Kilometer vor den Toren von Nepals Hauptstadt ist derart überlastet und der Luftraum so überfüllt, dass die Piloten abdrehen und nach Delhi fliegen müssen.

Ähnlich läuft es bei dutzenden Flügen ab. Der Tribhuvan International Airport, Nepals einziger internationaler Flughafen, wird zum Nadelöhr. Der kleine Flughafen hat nur eine auf Sandboden gebaute Landebahn. Und selbst die muss wegen Nachbebens und schlechten Wetters immer wieder schließen. Die Folgen sind dramatisch: Viele Helfer und Hilfsgüter schaffen es erst nach wiederholten Anflügen und Irrfahrten bis nach Nepal. Ärzte ohne Grenzen schickte nun Teams aus Indien über den Landweg los, für den man drei bis fünf Tage braucht.

Chaos am Flughafen

Auch auf dem Boden herrscht Chaos. Tausende Menschen, allen voran Touristen, belagern den Flughafen. Die Lage in der Erdbebenregion wird immer verzweifelter. Es gebe keinen Strom und nur wenig Trinkwasser, berichtet Philips Ewert von World Vision. Die Regierung rechnet inzwischen mit mehr als 10.000 Toten. Mehr als 5000 Leichen wurden geborgen. Die Regierung rief drei Tage Staatstrauer aus.

Nach UN-Angaben leben acht Millionen Menschen, fast ein Drittel der 28 Millionen Nepalesen, in der Erdbebenregion. 1,4 Millionen von ihnen bräuchten dringend Nahrungsmittel, Zehntausende sind obdachlos. Kathmandu gleicht einer Zeltstadt. Hunderttausende verbrachten bei Regen die dritte Nacht im Freien.

Der arme Bergstaat und seine Regierung sind mit der Katastrophe heillos überfordert. Fast die gesamte Armee mit ihren 100.000 Soldaten ist im Einsatz. Noch immer graben Menschen nach Überlebenden. "Wir haben nur unsere Hände", sagt der 27-jährige Pradip Subba Reportern. Seit Tagen sucht er in den Trümmern des einst 60 Meter hohen Dharahara-Turms nach Angehörigen. Über Mund und Nase hat er ein Stück Tuch gegen den Gestank gebunden. Der Ärger wächst. "Weder die Regierung noch die Armee hilft uns." Durch einen Lawinenabgang in einem Naturpark nördlich von Kathmandu wurden am Dienstag weitere Menschen verschüttet. Rund 250 Personen galten als vermisst.

Hilfe über den Luftweg nötig

Spärlich sickern erste Informationen aus den Gebieten rund um Lamjung ein, wo das Epizentrum lag. Sie lassen Schlimmstes befürchten. In entlegene Dörfer werden aus Hubschraubern Hilfspakete abgeworfen und Schwerverletzte in Sicherheit gebracht. Im Dorf Barpak im Ghorka-Bezirk stünden von über 1450 Häusern nur noch 20, berichten Journalisten der Mail Today, die mit einem Erkundungsflug des indischen Militärs mitflogen. Der Geruch verwesender Leichen hänge über dem Dorf. 40 Tote seien geborgen, doch hunderte lägen noch unter den Trümmern. "Fast jede Familie hat einen Toten zu beklagen", sagt eine ältere Frau.

Barpak lebte vor allem vom Tourismus. "Die ausländischen Touristen liebten es, in unseren traditionellen Häusern aus Holz zu wohnen", erzählt der Dorfälteste. "Die einzigen Häuser, die dem Beben standhielten, waren die aus Zement." Nun besteht die Wahl, Zementhäuser zu bauen und die wichtigste Einkommensquelle zu verlieren oder auf die nächste Katastrophe zuzusteuern.

Auch das Schicksal vieler Touristen ist unklar. Einige haben sich in die Botschaften ihrer Länder gerettet, andere schlagen sich auf den Straßen durch. Nepal werde noch Jahre an den Folgen des Bebens leiden, sagt Thomas Meyer von der Internationalen Nepal-Gesellschaft. "Sie werden mindestens fünf Jahre Hilfe brauchen. Die Menschen haben alles verloren." (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 29.4.2015)

  • Mit Hubschraubern fliegen die Soldaten der nepalesischen Armee Schwerverletzte aus den Dörfern aus, wo das Epizentrum des Erdbebens war. Noch immer befinden sich aber unzählige Menschen unter den Trümmern eingestürzter Gebäude und können von den Helfern noch nicht geborgen werden.
    foto: ap photo/wally santana

    Mit Hubschraubern fliegen die Soldaten der nepalesischen Armee Schwerverletzte aus den Dörfern aus, wo das Epizentrum des Erdbebens war. Noch immer befinden sich aber unzählige Menschen unter den Trümmern eingestürzter Gebäude und können von den Helfern noch nicht geborgen werden.

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