Wie ein Teil Grönlands unter Island zu liegen kam

30. April 2015, 18:38
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Forscher fanden Hinweise auf abgedriftete Ostküste Grönlands bei isländischem Gletschervulkan

Oslo - Ein internationales Forscherteam der Universität Oslo hat eine spektakuläre Entdeckung zu Kontinentbewegungen gemacht. Laut einer Studie, die kürzlich im US-Wissenschaftsmagazin PNAS veröffentlicht wurde, liegt der Südosten Islands zum Teil über Resten der ehemaligen Ostküste Grönlands, die zu Beginn der Erdneuzeit von der Mutterinsel abdriftete. Anlass für die Studie waren nicht zum Rest von Island passende geochemische Charakteristika in der Region um den Gletschervulkan Öræfajökull.

Die isländische Landkruste besteht zum Großteil aus unterschiedlichen Vulkangesteinen. Im Bereich des Öræfajökull fanden die Forscher in den auch dort vorherrschenden Basalten eine ungewöhnliche Ansammlung von Isotopen der Metalle Strontium, Neodym und Blei. Bisher vermuteten Geologen, dass diese Besonderheit von durch den "Hotspot"-Schlauch (einen sogenannten "Mantle Plume") hochgedrücktem, gewissermaßen recyceltem Gestein viel älterer, schon vor Jahrmilliarden verschwundener Kontinente, herrühren könnte.

Der neuen These zufolge stammen die Gesteine um den Öræfajökull dagegen aus der Vermengung der Lavagesteine mit den Resten des sogenannten Jan-Mayen-Mikrokontinents (JMM). Dieser wäre demnach wesentlich größer als bisher angenommen. Benannt ist der JMM nach der zu Norwegen gehörenden Insel Jan Mayen, die am vermuteten Nordende des kontinentalen Grönland-Splitters liegt.

Ungewöhnliche Gesteinsmischung

Indizien für die neue Theorie gibt es ausreichend: "Die ungewöhnliche Gesteinsmischung ist auf eine Stelle konzentriert. Wenn es sich um eine im Erdinne- ren wiederaufbereitete Erdkruste handeln würde, müssten Reste davon auch anderswo auf Island oder im Atlantik zu finden sein", sagt einer der Mitverfasser der Theorie, Reidar Trønnes. Zudem sei die Landkruste im Südosten Islands "ungewöhnlich dick", sagte sein Kollege Trond Torsvik gegenüber forskning.no: "Wir deuten das so, dass an dieser Stelle noch etwas anderes liegen muss, als die isländische Landoberfläche."

Die Forscher stellten weiters eine Übereinstimmung der Isotopmischung vom Öræfajökull mit bestimmten, heute weit nördlich von Island liegenden Stellen in den Fjorden Ostgrönlands fest. Mithilfe von Bohrungsdaten der Ölgesellschaft Statoil konnten die Forscher der Uni Oslo sogar einen möglichen Routenverlauf des Jan-Mayen-Mikrokontinents auf seiner Reise vom grönländischen Mutterland rekonstruieren.

Vor rund 60 Millionen Jahren, in erdgeschichtlichen Zeitdimensionen gedacht also kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier, befand sich der heute unter Island befindliche "Hotspot" an der Ostküste Grönlands. Grönland war damals nur durch einen vergleichsweise schmalen Ausläufer des Atlantiks vom heutigen Skandinavien getrennt. Seither driften Nordamerika und Europa auseinander. Der sogenannte Mittelatlantische Rücken, der quer durch Island verläuft, trennt die nordamerikanische und die eurasische Landmasse.

Torsvik, der auch der Leiter der Studie ist, glaubt dass die Entdeckungen, die bereits seit längerem als möglicherweise zu simpel infrage gestellten Theorien über die Mechanik der Kontinentalbewegungen revolutionieren könnte. Torsvik vermutet, dass ähnliche Kontinentalfragmente auch anderswo auf der Erde jenseits der bekannten Nahtstellen zu finden sind. Unter anderem könnte es sich bei der im Indischen Ozean liegenden Insel Mauritius um einen Teil eines derartigen Kontinentalsplitters handeln. "Statt der Idee von zwei Platten, die fein säuberlich voneinander wegdriften, müsste man ein wesentlich komplizierteres Modell finden, das die Bewegung dieser Fragmente mit einbezieht", sagt Torsvik. (Andreas Stangl, DER STANDARD, 29.4.2015)

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