Gendefekte, die gesund machen

2. Mai 2015, 15:06
1 Posting

Molekularbiologin Ursula Schöberl erforscht die Entstehung von Antikörpern

Wenn sich im Körper Krankheitserreger verbreiten, reagiert der Organismus mit der Bildung von Antikörpern. Aber woher weiß das Immunsystem, welche Antikörper - etwa für ein Grippevirus - erforderlich sind? "Es gibt Millionen Stoffe, die die Produktion von Antikörpern auslösen können. Aber es gibt nur ein paar Gene, die dafür verantwortlich sind, dass die passenden gebildet werden", sagt Ursula Schöberl.

Die 33-Jährige, derzeit Postdoc am Wiener Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie, hat kürzlich ein "L'Oréal-Stipendium for Women in Science" erhalten. Dieses wird in Kooperation mit der Österreichischen Unesco-Kommission und der Akademie der Wissenschaften und finanziell unterstützt vom Wissenschaftsministerium vergeben.

Schöberl will mehr Licht in die Vorgänge hinter der Antikörperreifung bringen. Nur sogenannte B-Zellen - eine Art weißer Blutkörperchen - haben die Fähigkeit zur Antikörperproduktion. Werden durch eine Bedrohung im Körper die entsprechenden Gene der Zelle "eingeschaltet", wird RNA produziert, die dafür verantwortlich ist, die genetische Information im Rahmen der Genexpression in Proteine - in diesem Fall Antikörper - umzusetzen. "Die RNA hat aber noch eine weitere Funktion. Sie dient als Wegweiser für ein anderes Protein, das AID genannt wird", sagt Schöberl.

"AID fügt willkürliche Fehler in die Gene ein, die für die Antikörperproduktion zuständig sind." Was bei anderen Genen kontraproduktiv wäre und etwa Krebs auslöst, wird hier zum wichtigen Mechanismus. "Die Fehler sorgen dafür, dass jede B-Zelle andere Proteine ausbildet." Es wird nach Zufallsprinzip eine große Menge unterschiedlicher Antikörper hergestellt, um den passenden zu finden. "Es steckt ein evolutionäres Prinzip dahinter. Der Beste gewinnt." Aber warum werden vor allem jene paar Gene mutiert, die für die Antikörperproduktion zuständig sind, andere aber nicht? "Dass ihre RNA in bestimmten Mustern produziert wird, ist ein wichtiger Faktor", so Schöberl. "Es sieht aus, als ob dabei immer wieder Pausen eingelegt werden, in denen die DNA für die Mutationen zugänglich wird." Schöberl möchte herausfinden, wo genau und wie diese Pausen entstehen, indem sie die Herstellung der RNA in B-Zellen untersucht.

Der Weg dahin ist nicht immer geradlinig. Neues auszuprobieren fasziniere sie. "Manchmal führen gerade die Fehler zu tollen Erkenntnissen", sagt Schöberl. Diese Einstellung möchte die Molekularbiologin auch an ihre Studenten in den Laborübungen und im Rahmen des Mitmachlabors Vienna Open Lab weitergeben.

Dass die in Wiener Neustadt aufgewachsene Wissenschafterin in der Molekularbiologie landen würde, war keineswegs vorhersehbar. Anfangs habe sie Internationale Betriebswirtschaft und Molekularbiologie inskribiert. "Das Ausprobieren, das Vorstellen von Möglichkeiten, das vernetzte Denken" des naturwissenschaftlichen Fachgebiets ließen sie nicht mehr los. Während des Studiums kamen ihre zwei Kinder zur Welt. Beides unter einen Hut zu bekommen sei ihr nicht schwergefallen. "Ich bin ein aktiver Mensch, und man muss eben bereit sein, sich einzusetzen. Wenn ich ein unerwartetes Resultat habe, muss ich umplanen. Das ist so - in der Familie und in der Wissenschaft."(Alois Pumhösel, DER STANDARD, 29.4.2015)

  • Molekularbiologin Ursula Schöberl will herausfinden, wie Antikörper produziert werden.
    foto: imp

    Molekularbiologin Ursula Schöberl will herausfinden, wie Antikörper produziert werden.

Share if you care.