Südkorea im Teufelskreis aus Skandal und Scham

Analyse28. April 2015, 18:06
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Präsidentin Park, die Korruption eindämmen wollte, hat sich durch arrogantes und ungeschicktes Auftreten in Bedrängnis gebracht

Nach ihrer zwölftägigen Lateinamerikareise hat sich Park Geun-hye erst einmal zwei Tage Bettruhe verordnet. Ein Magenvirus müsse sie auskurieren, ließ die südkoreanische Präsidentin über ihren Pressesprecher verkünden. Parks Regierung hingegen hat sich während ihrer Abwesenheit etwas weitaus Ernsteres eingefangen: einen handfesten Korruptionsskandal, der nun das erste, doch mit Sicherheit nicht letzte Opfer gefordert hat.

Ministerpräsident Lee Wan-koo ist am Montag nach gerade einmal zweieinhalb Monaten im Amt zurückgetreten. Er wird beschuldigt, über 25 Tausend Euro an illegalen Wahlkampfspenden angenommen zu haben. Der 64-Jährige ist mittlerweile der vierte Ministerpräsident unter Park Geun-hyes Amtsantritt im Frühjahr 2013.

Präsidentin wollte Korruption eindämmen

Damals wurde die Tochter des langjährigen Militärdiktators Park Chung-hee vor allem für ihr Versprechen gewählt, die seit Jahrzehnten grassierende Korruption im Land einzudämmen. Mit jedem weiteren Finanzskandal rückt die Präsidentin jedoch immer näher an jene korrupte Machtelite, gegen die sie einst verbal antrat.

Schuld am jüngsten Eklat ist der ehemalige Abgeordnete Sung Wan-jong, der sich in den Morgenstunden des 9. April nahe einem Wanderweg im Norden von Seoul erhängt hat. Sung soll Gelder seines mittlerweile bankrotten Bauunternehmens veruntreut und Regierungsmitglieder unter dem vorigen Präsidenten Lee Myung Bak bestochen haben. In der Hosentasche des Toten fanden die Polizeibeamten ein fein säuberlich verfasstes Memo, auf dem die Namen von acht Politikern inklusive Geldsumme und Übergabedatum aufgelistet waren. Allesamt gehören sie Park Geun-hyes innerem Zirkel an, darunter auch ihr ehemaliger sowie derzeitiger Stabschef.

Genau ein Jahr nach der Sewol-Katastrophe, bei der 302 Südkoreaner – darunter großteils Schüler – im Gelben Meer ertranken, zeigt sich die südkoreanische Gesellschaft zerrissener denn je. Der Kapitän der Fähre wurde zwar zu lebenslanger Haft verurteilt, doch die wahren Schuldigen sind laut den Hinterbliebenen der Opfer noch immer in Amt und Würden – auch in den Regierungsrängen. Für sie schürt Park Geun-hye alte Ängste hinsichtlich des totalitären Führungsstils ihres Vaters, der in den 60er- und 70er-Jahren das Land am Han-Fluss zu wirtschaftlichem Wohlstand führte, doch Meinungsfreiheit und Menschenrechte mit Füßen trat.

Kritik nach Fährunglück

Im Umgang mit dem Fährunglück, das die Nation nachhaltig traumatisierte, zeigte sich Park Geun-hye immer wieder wenig sensibel. Zuerst verweigerte sie den Hinterbliebenen ihren Wunsch nach einem persönlichen Treffen, später blockierte sie eine regierungsunabhängige Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Hintergründe der Tragödie, für die unter anderem die weitverbreiteten Seilschaften zwischen Wirtschaft und Politik verantwortlich gemacht werden.

Am Jahrestag des Fährunglücks entluden die Sewol-Aktivisten ihren Frust bei den landesweiten Protesten, die die Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray gewaltsam niederschlug. Ausgerechnet an diesem symbolträchtigen Tag saß Park bereits im Flugzeug nach Lateinamerika.

Als sie nun am Montag von ihrer Auslandsreise wiederkehrte, versprach sie ihren Landsleuten eine gründliche Aufarbeitung der Korruptionsvorwürfe. Ihr Ministerpräsident vergoss bei seinem Amtsrücktritt ein paar Tränen und drohte in einer pathetischen Rede, "sein Leben aufzugeben", sollte an den Vorwürfen gegen ihn etwas dran sein.

Es ist letztlich nur eine Frage der Zeit, bis der südkoreanische Reigen aus Skandal und Scham wieder von vorne beginnt. (Fabian Kretschmer, derStandard.at, 28.4.2015)

  • Präsidentin Park weilte im südamerikanischen Regen.
    foto: ap photo/fernando vergara

    Präsidentin Park weilte im südamerikanischen Regen.

  • Währenddessen schlug ihre Polizei in Seoul eine Demonstration von Opfern des Fährunglücks mittels Tränengases nieder.
    foto: epa/jeon heon-kyun

    Währenddessen schlug ihre Polizei in Seoul eine Demonstration von Opfern des Fährunglücks mittels Tränengases nieder.

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