Indonesien ließ Drogenschmuggler hinrichten

28. April 2015, 20:15
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Die Hinrichtung zweier australischer Drogenschmuggler könnte die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern nachhaltig belasten

Australien hielt am Dienstag kollektiv den Atem an, ob Indonesien seine Pläne wahrmachen wird, zwei Australier durch ein Erschießungskommando hinrichten zu lassen. Die Exekution der beiden aus Sydney stammenden Männer Myuran Sukumaran und Andrew Chan, die wegen Drogenschmuggels verurteilt wurden, war für die Nacht auf Mittwoch erwartet worden und wurden letztlich auch vollzogen. Sechs weitere Verurteilte wurden ebenfalls hingerichtet. Eine Philippinerin soll in letzter Minute nicht vor ein Erschießungskommando gestellt worden sein.

Davor hatten sowohl der australische Ministerpräsident Tony Abbott als auch Außenministerin Julie Bishop ein weiteres Mal an den indonesischen Präsidenten Joko Widodo appelliert, Gnade walten zu lassen. Eine Gruppe von prominenten Australiern rief Abbott auf, sofort nach Jakarta zu fliegen "und unsere Jungs heimzubringen". Widodo machte aber keine Anstalten, sich umstimmen zu lassen. Pro Tag würden in Indonesien 50 Menschen an einer Drogenüberdosis sterben, so der Präsident als Begründung für seine Unnachgiebigkeit. Beobachtern zufolge steht der unter schwindender Beliebtheit leidende Widodo unter dem Druck seiner Partei, "Stärke" zu zeigen.

Geschäftsleute appellieren

Seit Monaten kommt es in Australien zu Protesten gegen die geplanten Hinrichtungen. Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen auf den Straßen werden von stillen Appellen von Geschäftsleuten an ihre indonesischen Partner begleitet. Canberra kündigte der Rückberufung des australischen Botschafters in Jakarta an. Die sehr wichtigen Beziehungen zwischen Indonesien und Australien hätten unter den Hinrichtungen gelitten, erklärte Abbott. Man könne jetzt nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren

Kommentatoren gehen davon aus, dass es in Australien zu Kundgebungen kommen würde, in denen heftige Kritik am Nachbarn geäußert wird. Die indonesische Botschaft in Canberra und andere indonesische diplomatische Vertretungen standen am Dienstag unter erhöhtem Polizeischutz. Der führende Menschenrechtsanwalt Geoffrey Robertson forderte die australische Regierung auf, Hilfszahlungen an Indonesien zu streichen und nach Nepal umzuleiten. Jakarta würde mit einer Hinrichtung internationales Recht verletzen.

Wichtiger Wirtschaftspartner

Langjährige Indonesienbeobachter fürchten nun schwere Konsequenzen für den Handel zwischen den beiden Nachbarländern. Indonesien ist der zwölftgrößte Exportpartner Australiens mit einem Gesamthandelsvolumen von 14,9 Milliarden australischen Dollar (10,70 Milliarden Euro). Dienstleistungen – angeführt von Ausbildungsleistungen – sind der größte einzelne Exportposten für Australien, gefolgt von Weizen, Zucker, lebenden Tieren, Aluminium, Rohöl und Baumwolle. Im Gegenzug importiert Australien von Indonesien in erster Linie Tourismus.

Direktinvestitionen australischer Firmen im Nachbarland haben in den letzten Jahren zugenommen und belaufen sich auf insgesamt 10,9 Milliarden australische Dollar (7,9 Milliarden Euro). Mehr als 250 australische Firmen sind in Indonesien tätig, von Banken wie ANZ bis hin zu Bergbaugesellschaften wie BHP Billiton und Newcrest. Australische Unternehmen sind an mindestens 120 Bergbauprojekten in Indonesien beteiligt. Canberra hat in den letzten Jahren versucht, die wirtschaftliche Position Australiens im Nachbarstaat auszubauen. Laut dem australischen Außenministerium gilt Indonesien mit seinen 254 Millionen Einwohnern vor allem wegen des raschen Wachstums der Mittelschicht als Land mit großem Potenzial für den Export von Konsumprodukten und Dienstleistungen. Allerdings "leben immer noch mehr als 40 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar pro Tag", so das Ministerium.

"Um Jahre zurückwerfen"

"Eine Hinrichtung der beiden könnte unsere Wachstumsbemühungen um Jahre zurückwerfen", fürchtet ein Geschäftsmann, der Industriegüter von Australien nach Indonesien exportiert.

2012 wurden die Beziehungen zwischen Jakarta und Canberra bereits auf eine starke Belastungsprobe gestellt, als das australische Fernsehen Bilder von der grausamen Misshandlung australischer Rinder in indonesischen Schlachthöfen zeigte. Ein anschließendes, von Australien verhängtes mehrwöchiges Exportverbot für Lebendvieh wird noch heute von vielen Indonesiern als Affront empfunden.

Rehabilitiert

Sukumaran und Chan waren 2005 beim Versuch verhaftet worden, mit einer Gruppe anderer Australier mehrere Kilogramm Heroin von Bali nach Sydney zu schmuggeln. Die Mittäter waren zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Offenbar hatte die australische Bundespolizei ihre indonesischen Kollegen über den Schmuggelversuch informiert. Chan und Sukumaran saßen seither auf der indonesischen Ferieninsel in Haft und gelten nach Aussage der dortigen Behörden und der australischen Regierung als vollständig rehabilitiert.

Sukamaran begann eine erfolgreiche Karriere als Kunstmaler und bildete drogenabhängige Gefängnisinsassen aus, Chan erwarb die Priesterwürde und betätigte sich als Seelsorger für Häftlinge. Selbst der Vorwurf des Anwaltes der beiden Verurteilten am Wochenende, die Richter hätten beim damaligen Prozess Bestechungsgeld verlangt, damit sie nicht die Todesstrafe verhängten, scheint die Behörden nicht umzustimmen. Korruption ist endemisch im indonesischen Justizsystem. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon, der für ein Moratorium für die Todesstrafe plädiert hat, findet in Jakarta kein Gehör. (Urs Wälterlin aus Canberra, derStandard.at, 28.4.2015)

  • In Australien hielten Unterstützer der Verurteilten eine Mahnwache ab.
    foto: reuters/jason reed

    In Australien hielten Unterstützer der Verurteilten eine Mahnwache ab.

  • Am Nachmittag wurde auf den Philippinen noch vor der indonesischen Botschaft protestiert. Die philippinische Hinrichtungskandidatin musste anschließend doch nicht vor das Erschießungskommando.
    foto: reuters/castro

    Am Nachmittag wurde auf den Philippinen noch vor der indonesischen Botschaft protestiert. Die philippinische Hinrichtungskandidatin musste anschließend doch nicht vor das Erschießungskommando.

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